Terror entsteht aus Ungerechtigkeit

Artikel veröffentlicht am 11. Juli 2005
Artikel veröffentlicht am 11. Juli 2005

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Armut und Ungerechtigkeit, Resultate von 500 Jahren westlicher Kolonialpolitik, sind der Nährboden des Terrorismus. Die Beschlüsse zur Entwicklungshilfe auf dem G8-Gipfel reichen nicht aus. Wir brauchen einen Neuanfang in den internationalen Beziehungen.

Am 2. September 1898 vernichteten britische Kolonialtruppen unter General Kitchener in der Schlacht von Omdurman im heutigen Sudan die lokale muslimische Streitmacht. 8000 Kolonialsoldaten, ausgerüstet mit Maschinengewehren und moderner Artillerie, standen 50000 traditionellen Kriegern mit Macheten und Speeren gegenüber. „Innerhalb von fünf Stunden wurde die stärkste und bestausgerüstete Armee aufgerieben, die die Wilden jemals einer europäischen Macht entgegengestellt haben [...] Einer der herausragendsten Triumphe, der jemals gegen das Barbarentum errungen wurde.“ schrieb der junge Winston Churchill, Soldat und Kriegsberichterstatter, über die Schlacht. 10000 Sudanesen starben im britischen Kugelhagel, während nur 48 Briten den Tod fanden.

Von Cäsar zu Bush

Heute beklagt London mindestens 49 Opfer der Terroranschläge vom 7. Juli. Derweil sind zwischen 25000 und 100000 Iraker Opfer des Kriegs und der Besatzung geworden. Die Toten lassen sich nicht aufrechnen, doch um die Logik der Terroristen zu verstehen und das Übel des Terrors an den Wurzeln zu packen, muss man Entwicklung und Kennzeichen der heutigen Machtstrukturen betrachten, gegen die sich die Terroristen auflehnen. Das „westliche Modell“, das sich nunmehr zum wiederholten Mal angegriffen fühlt, verbreitet sich seit 500 Jahren gewaltsam über den Planeten. Anfangs meist mit Waffengewalt, heute vor allem durch wirtschaftlichen und institutionellen Druck, auch wenn immer noch gerne – siehe Irak – zu überlegener Kriegstechnologie gegriffen wird, setzt der „Westen“ seine politischen Ziele durch. Die Perspektive der Weltwirtschaft, der internationalen Politik, der dominierenden Medien ist „westlich“. Für jeden entführten Europäer im Irak wird eine gigantische Solidaritätsmaschine in Gang gesetzt, nicht-westliche Opfer der Gewalt sind dagegen allein gelassen – wenn es sich nicht gerade um den Übersetzer von Frau Aubenas, ehemals französische Geisel, handelt. Die Ignoranz gegenüber den Leiden und Sorgen nicht-westlicher Menschen, von der AIDS-Epidemie über den blutigen Konflikt im Kongo, von der utilitaristischen Unterstützung für Diktaturen zur Exklusion von Flüchtlingen in Europa, bringt bei den Marginalisierten einen kollektiven Minderwertigkeitskomplex hervor. „Teile und Herrsche“ – westliches Machtprinzip seit Julius Cäsar – verhinderte bisher weitgehend eine Solidarisierung der Unterdrückten. Innerhalb des kohärenten und internationalen Systems der islamischen Religion konnten radikale Gruppen dieses Gefühl erstmals auf globaler Ebenen kanalisieren. Die Menschen, die sich Al Kaida anschließen oder mit ihr sympathisieren erhoffen sich, ihre Würde und ihr Selbstwertgefühl wiederzugewinnen – selbst wenn sie dafür töten müssen. Bin Laden wird in weiten Teilen der Welt, nicht nur der islamischen, als Held verehrt: Er verkörpert den Aufstand gegen ein System, das einem kleinen Teil der Menschheit – dem so genannten „Westen“ - Macht und Einfluss sichert.

Böses im Herzen

Es geht bei dieser Konfrontation nicht um Werte wie Menschenrechte, Freiheit und Demokratie, wie uns die Herren der Welt in Gleneagles weismachen wollten, sondern um Macht. „Der Kontrast könnte nicht größer sein zwischen denen die sich bemühen, die Menschenrechte und die Freiheit schützen und denen, die töten und so viel Böses in ihrem Herzen haben” verkündete George W. Bush nach den Anschlägen in London. Seit Hiroshima, seit Vietnam, seit Guantanamo und Abu Graib wissen wir, dass gut und böse äußerst relative Kategorien sind. Tatsächlich kann nur ein echter Neuanfang in den internationalen Beziehungen den Sumpf austrocknen, in dem der Terrorismus keimt. Blairs Initiative zur Armutsbekämpfung mag ein Anfang sein – wobei die Aufstockung der jährlichen Entwicklungshilfe um 50 Milliarden Dollar bis 2010, wie in Gleneagles beschlossen, bei weitem nicht ausreicht. Doch bereits der Dispositiv eines G8-Gipfels, bei dem sich die Mächtigen der Welt hinter Stacheldraht verschanzen, um über das Schicksal von Millionen zu entscheiden, reproduziert die Ungerechtigkeit. Und wo die vermeintlichen Drahtzieher unangreifbar bleiben, werden unschuldige Zivilisten angegriffen. Wie in London. Und im Irak.