Terror: Der Nächste bitte

Artikel veröffentlicht am 11. Juli 2005
Artikel veröffentlicht am 11. Juli 2005

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Ein Attentat in London wurde von allen erwartet, und doch war es unvermeidbar. Welches Land wird das nächste Opfer sein? Sind Italien und Dänemark die einzigen Länder, die nun zittern?

Die Anschläge in London sind die Chronik eines angekündigten Blutbades: Bereits im Januar 2003, vor den Attentaten in Madrid im März 2004, führte der britische Geheimdienst Mi5 eine Reihe von Verhaftungen durch. Der Höhepunkt war die vorrübergehende Schließung der Moschee am Finsbury Park im Norden der Hauptstadt, damals eine Basis des radikalen Islam. Warnungen und Ängste blieben bestehen. Zu Weihnachten 2004 teilte der Chef der Londoner Polizei, John Stevens, den Bürgern mit: „Die Gefahr in London ist nicht gesunken. Ein Attentat bleibt unausweichlich.“

"Irak erklärt nicht alles"

Mehr denn je geht jetzt in ganz Europa die Angst um. Sogar der Osten, wo die Gefahr am kleinsten erscheint, fürchtet sich von Anschlägen. In Budapest wurden etwa am Tag der Attentate in London drei Einkaufszentren wegen Bombenalarmen evakuiert. Aber vor allem in Westeuropa ist man vorsichtig. In Frankreich gilt Warnstufe rot. Ausschlag dafür gab die nicht bestätigte These, dass die Kür Londons zur Olympiastadt 2012 am vorangehenden Tag der Grund für die Anschläge war. Die Pariser fragen sich: Wurde auch hier ein Anschlag vorbereitet, für den Fall, dass Paris die Spiele hätte ausrichten dürfen?

Auch in Italien und Dänemark sind die Nerven gespannt. Im Bekennerschreiben der Gruppe "Geheimorganisation - Al Qaida Europa" zu den Attentaten in London wird Rom und Kopenhagen wegen ihrer Truppenpräsenz im Irak explizit gedroht.

Doch Italien ist bereits seit längerem in der Schusslinie. Den Höhepunkt bildete die Warnung der Abu Hafs Al Masri Brigaden im August 2004. Sie kündigten an, Italien zu verbrennen, sollten die Italiener die Regierung Berlusconi nicht abwählen. Und auch Dänemark fühlt sich in Gefahr: Die Angst vor Attentaten im Land und vor Vergeltungsanschlägen ist wegen der im Irak präsenten dänischen Truppen gewachsen.

„Der Irak erklärt aber noch nicht alles“, sagt Riccardo Alcaro vom Istituto Affari Internazionali, einem Forschungszentrum in Rom: „Man darf nicht die Tatsache unterbewerten, dass das Bekennerschreiben Bezug auf den Krieg in Afghanistan nimmt.“ Die internationalen Truppen in Afghanistan umfassen unter anderem Soldaten aus Frankreich, Holland, Polen, Spanien und Deutschland. „Der Hass gegenüber dem Westen und die Rhetorik der Kreuzzüge sind Motivationen, die alle miteinbeziehen“, so Alcaro.

Europa: Ziel und Basis der Terroristen

Im Dezember 2003 schien ein terroristischer Anschlag in Europa trotz allem noch eine ferne Möglichkeit. Am Tag nach den Blutbädern in Casablanca und Istanbul erklärte der italienische Innenminister Pisanu: „In der gleichen Weise Europa zu treffen ist weitaus schwieriger.“ Nur wenige Monate später fand das Attentat von Madrid statt und im Juni 2004 konnte ein bereits geplantes Attentat in Paris verhindert werden. In Italien gab es drei Verhaftungen, 15 in Belgien, Razzien fanden in ganz Europastatt. Die Angelegenheit geht uns alle an.

Aber wo wird der Terrorismus als nächstes angreifen? Seit dem 11. September 2001 ist Europa Ziel und Basis der Terroristen. Auch Alcaro betont: „Die Gefahr ist in Europa aufgrund der 20 Millionen muslimischer Immigranten besonders groß. Diese sind nicht in die Gesellschaft integriert. Dadurch ist es für die Geheimdienste extrem schwierig, terroristische Minderheiten zu identifizieren und nützliche Informationen zu sammeln.“

Es gibt eine Reihe sensibler Ziele, aber keine Möglichkeit, um zu bestimmen, wo der Terrorismus als nächstes zuschlagen wird. Alcaro erklärt: „Wir wissen, dass es keine Beweise für ein Koordinationszentrum der Terrorzellen gibt, wir wissen, dass es unterschiedliche Gruppen sind, die in einigen Punkten Gemeinsamkeiten besitzen. Dazu gehören etwa die Vorgehensweisen und die Gründe für einen Angriff.“ Die Geschehnisse in Madrid und London zeigen, dass diese Gruppen nur geringe destruktive Kapazitäten haben im Vergleich zu dem, was ihnen am 11. September 2001 gelungen ist. Sie haben aber eine verheerende psychologische Macht und ein gemeinsames Ziel: Die normale Bevölkerung. „Wenn die kleinen Zellen einen Anschlag planen, ist es viel zu schwierig, ihre Pläne rechtzeitig zu vereiteln: Öffentliche Plätze zu schützen ist beinahe unmöglich“, so Alcaro. „Man kann sagen, dass die Angriffe von kleinen Gruppen kommen werden, weil diese gezeigt haben, dass sie auch alleine Attentate organisieren können. Der Ort und die Vorgehensweise werden danach ausgesucht werden, wo eine enorme psychologische Wirkung erreicht werden kann. Übrigens war Großbritannien wegen seines derzeitigen Prestiges als Gastland der G8, der EU-Präsidentschaft und als zukünftige Olympiastadt ein ideales Ziel. Aber auch wegen seines Geheimdienstes, der als einer der effizientesten der Welt gilt.“

Wir dachten es uns bereits: London war kein Schlusspunkt. Der Nächste bitte.