TËNK: Dokus, die dauern

Artikel veröffentlicht am 21. September 2016
Artikel veröffentlicht am 21. September 2016

Im Fernsehen kommen Dokumentationen oft zu kurz - weil die Leute kein Interesse zeigen oder Dokus schwer zu finden sind? Eine rhetorische Frage, über die wir mit Hugo Massa von Tënk sprechen, der neuen Video on Demand-Plattform aus Frankreich, die das Fernsehen revolutionieren will.

cafébabel: Hugo, welche Doku hast du zuletzt gesehen?

Hugo Massa: Das war Arena of life, ein Kurzfilm zum Thema Zirkus des polnischen Regisseurs Bogdan Dziworski. Er war in den 1970ern und 80ern sehr produktiv und drehte Kurzfilme auf eine sehr spezielle Art und einem besonderen Akzent auf sonorische Aspekte. Dabei konzentrierte er sich auf die Bereiche Sport und Entertainment.

cafébabel: Auf der neuen Plattform Tënk erklärt ihr, dass Dokumentationen die Realität spiegeln, den subjektiven Blick fördern und uns zum Nachdenken anregen sollen. Können uns Filme freier machen? 

Hugo Massa: Auf jeden Fall können sie uns freier denken lassen. Ziel ist es, neue Möglichkeiten sowohl in Bezug auf das menschliche Erlebnis als auch auf die Erzählweise zu eröffnen. Denn wenn man alles in die selben Formate presst und die Erfahrungen uniformisiert, reduziert man das Feld des Möglichen. Und dafür gibt es doch Literatur und Musik. Leider wird das bewegte Bild, ob nun Kino oder Fernsehen, heute nur mit den großen Industrien assoziiert. Für alternative Erfahrungen gab es da bisher nicht viel Platz.

cafébabel: Und da will Tënk nun Alternativen bieten? 

Hugo Massa: Wir wollen uns auf jeden Fall vom Fernsehen abgrenzen. Im TV werden ja Filme angeboten, die Zuschauer mögen, weil sich das Fernsehen auf Bilder, Zahlen und Statistiken konzentiert. Im Fernsehen werden deshalb Programme ausgewählt, von denen man schon vorher weiß, dass ein Großteil der Bevölkerung sie sehen wird. Wir versuchen unerwartete Filme vorzuschlagen, die sowohl bezüglich auf Form als auch inhaltlich anspruchsvoll sind. Das sind kuriose Filme, die den Zuschauer auchmal aufrütteln können. Man kann sie lieben oder eben nicht.

cafébabel: Im Fernsehen laufen Dokus ja eher selten: Haben die Leute einfach kein Interesse oder sind Dokus allgemein schwer zu finden? 

Hugo Massa: Das ist immer die gleiche Frage vom Ei und vom Huhn. In den achtziger und neunziger Jahren in Frankreich hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen stark in Dokumentationen investiert. Damals ist man noch dieses Risiko eingegangen. Heute gibt es viel mehr Konkurrenz unter den Sendern und man hat damit angefangen, Dokus zu formatieren. Eine Doku auf Arte muss zum Beispiel 52 oder 26 Minuten lang sein. Zu einem bestimmten Moment muss in einer Doku etwas geschehen. Es muss immer eine Off-Stimme geben etc.

cafébabel: Und wer ist für diese Standards verantwortlich?

Hugo Massa: Ich weiß nicht, ob man einen Verantwortlichen finden muss. Aber das Fernsehen ist ein Massenmedium mit einer kleinen Anzahl an Sendeanstalten. Und trotzdem will das TV es allen rechtmachen. Wir haben jetzt das Glück im digitalen Zeitalter, dass alles fragmentierter ist und man sich auch an ein Nischenpublikum wenden kann. Wir haben das Gefühl, dass Tënk so funktionieren könnte. Wenn wir in anderthalb Jahren 10 000 Abonnenten haben, dann ist unser Modell tragbar. Das ist unser Ziel. Momentan haben wir 1800 Abos.

cafébabel: Alles ging mit einem Crowdfunding los.

Hugo Massa: Ja, teilweise zumindest. Ursprünglich geht die Idee auf ein Dorf in der Ardèche (Lussas) zurück, wo wir ursprünglich herkommen. Dort gibt es ein Riesen-Netzwerk, das sich in den letzten 30 Jahren, dank des jährlichen Festivals Les États généraux du film documentaire, gefestigt hat. Die Idee ist also mit diesem Event aufgekommen, wurde in ein Projekt umgewandelt und dann haben wir das Crowdfunding gestartet. Das ist eine gute Idee, nicht nur um Finanzierung zu ermöglichen, sondern auch seine Glaubwürdigkeit zu testen. Dank des Crowdfunding haben wir 36 000 Euro zuammen bekommen (von ursprünglich geforderten 20 000, AdR).

cafébabel: Warum wolltet ihr in dem 1000-Seelen-Dorf Lussas bleiben?

Hugo Massa: Jean Marie Barbe, (Präsident und verantwortlicher Redakteur bei Tënk AdR), hat zunächst in Grenoble studiert, und in den Siebzigern immer die Idee verworfen, in die Großstadt zu ziehen. Das war eine echte Entscheidung fürs Leben, die zeigt, dass man zum Nachdenken nicht immer in die Metropole ziehen muss, sondern sich auch auf einem kleinen Territorium organisieren kann. Dort hat man Zeit für sich, um eine Familie zu gründen, seine Freunde zu treffen und von der Natur zu profitieren.

cafébabel: Klingt fast wie ein Traum?

Hugo Massa: Ich will das jetzt auch nicht idealisieren, denn es gibt auch hier viel zu tun, aber die Work-Life-Balance ist schon wichtig.

cafébabel: Auf Tënk kann man bisher von Frankreich, Belgien, der Schweiz und Luxemburg aus zugreifen. Habt ihr auch daran gedacht, das Angebot auf andere Länder in Europa auszuweiten?

Hugo Massa: Auf jeden Fall, aber man muss jedes Mal erst neu die Rechte verhandeln, deshalb arbeiten wir momentan nur in den französischsprachigen Teilen Europas. Das ist für uns eine erste Phase, denn wir wollen mit unseren Dokus nach ganz Europa.

cafébabel: Aber eure Dokus, die jetzt schon online zu sehen sind, sprechen nicht nur über Frankreich? 

Hugo Massa: Nein, die Filme kommen von überall her. Und die Filme aus den Ländern, die man gern 'Entwicklungsländer' nennt, sind auch von Leuten gemacht worden, die aus diesen Ländern der Welt kommen. Wir versuchen die Arbeit dieser Menschen zu honorieren, auch dank der Arbeit des Vereins Lumières du monde (Lichter der Welt, AdR).

cafébabel: Will Tënk eine gewisse Form der Kultur vermitteln?

Hugo Massa: Ich persönlich finde, dass verschiedene Formen der Kultur konsumiert werden sollten. Die großen Werke, die großen Autoren, die Programme, von denen alle sprechen - das ist gut aber noch nicht genug. Es ist ja nicht einmal so, dass der Kultur nicht genug Platz eingeräumt würde, sondern dass es eben nur noch eine Form der Kultur gibt. Deshalb haben wir diese Initiative gestartet, um das Angebot zu erweitern. Dadurch kann vermieden werden, dass alle den gleichen Einheitsbrei von sich geben, die gleichen Sachen schauen etc. Wir wollen, dass der Zuschauer auch den Blickwinkel des Anderen kennenlernt.

cafébabel: Können Dokus die Welt verändern?

Hugo Massa: Das weiß ich nicht. Aber auf jeden Fall verändern sie unsere Sichtweise auf die Welt. Es ist ein Kulturkampf, um die Dinge anders zu zeigen, um die Dinge in einen neuen Zeitbezug zu setzen, um aus den Instant-Nachrichten der Medien rauszukommen. Der Dreh eines Dokumentarfilms dauert ein, zwei, drei... manchmal 15 Jahre. Die Autoren von Dokus sind keine einfachen Nachrichtenmacher, sie bauen langfristige Beziehungen auf. Und all diese Dinge zusammen tragen im Endeffekt dazu bei, einen Teil der Welt zu ändern. Und danach schauen wir, wie wir den Rest ändern.

cafébabel: Und was heißt Tënk?

Hugo Massa: Das ist ein Wort auf Wolof (Sprache, die in Senegal und Gambia gesprochen wird, AdR) und bedeutet 'sag mir, was du denkst'. Es heißt soviel wie: Erzähl mir eine Geschichte und wie du die Welt siehst. 

Tënk-Trailer (2016)