Témoignage : Paris, 16.03.2008, Buchmesse.

Artikel veröffentlicht am 31. März 2008
Artikel veröffentlicht am 31. März 2008
Paris im Regen.
Chronik eines verpatzten Anschlags

Une heure avec David Grossman – Den Vortrag, den ich auf der Pariser Buchmesse besuchen wollte, war für 18 Uhr angesetzt. Um fünf saß ich noch immer im RER B zur  Cité Universitaire. Glücklicherweise fährt die Straßenbahn, die dort vorbei kommt direkt zur Porte de Versailles. Es schien, als hätte ganz Paris die gleich Idee gehabt wie ich. Alle fuhren irgendwie zum Pariser Messegelände, das gerade ein ganzes Bündel an Veranstaltungen bietet – darunter auch die Buchmesse. Als ich es durch das Gedränge an der Straßenbahn schaffte, merkte ich, dass ich irgendwie gegen den Strom unterwegs bin, alle anderen versuchten aus der Bahn heraus zu kommen. Warum nur? Ich hörte jemanden sagen, es sei nicht möglich einzusteigen, alle sollten sich zum sortie begeben: „Für heute, gute Frau, müssen Sie Ihren literarischen Spaziergang leider aufgeben“, erklärte mir lächelnd ein Polizist. Wäre so etwas in Italien passiert, es hätte zweifellos in einem Chaos  geendet, in einer mörderischen Massenpsychose. Meine Augen trafen zufällig die einer Dame mittleren Alters, die sagte: „Wissen Sie, vielleicht ist's ja eine Bombe.“ Sie sagte dies mit dem gleichen Ton  in dem man sagt: „Wissen Sie, vielleicht wird es morgen regnen in Paris – das haben sie zumindest in der Wettervorhersage angekündigt.“ Im Bewusstsein, dass da genau jetzt irgendetwas unter meinen Füßen explodieren könnte folgte ich vorsichtig den Anweisungen der Polizei. Die U-Bahn war vorsorglich schon einmal komplett gesperrt. Ich zog es vor, nicht die Straßenbahn zu nehmen, denn wäre ich ein Terrorist, würde ich garantiert genau den Zug für meine Bombe auswählen, der vor Leuten überquillt, die an einem simplen Kulturevent teilgenommen haben – oder es zumindest versuchten. Mit einer Zeitung unterm Arm und meinem pastellfarbenen Regenschirm, der verwegen dem Pariser Wind trotzte, verließ ich traurig Porte de Versailles. Eine Stunde später wurde der Alarm aufgehoben, ich aber war schon weit weit weg, mit einem Crêpe in der einen Hand und meinem Stadtplan in der anderen, der sich noch nie in diesen 15 ersten Tagen meines Erasmus-Aufenthaltes also so nützlich erwiesen hatte wie an diesem Tag. Die Veranstaltung dauert noch bis zum 19. März. Es wird also noch viele Vorträge geben. Und die Rolle Israels, oder besser gesagt: die Rolle der israelischen Literatur auf dieser Buchmesse, hat viel Polemik provoziert. Ich habe auf jeden Fall gehört, dass das Wetter in den nächsten Tagen besser werden und eine schwache Frühlingssonne die Pariser Dächer wärmen soll – ist zumindest das, was der Wetterbericht sagt...

F. A.