Teflon-Merkel, Batman, nackte Kaiser: Wikileaks' Europaporträts aus Washington

Artikel veröffentlicht am 29. November 2010
Artikel veröffentlicht am 29. November 2010
Das Webportal Wikileaks hat die internationale Politik von heute auf morgen kräftig umgestülpt, sozusagen ihr Innenleben nach außen getragen: 250.000 diplomatische Dokumente enthalten unter anderem ziemlich ‚rohe‘ Porträts der europäischen Staatsoberhäupter. Vom absolutistischen Komplex eines Nicolas Sarkozy, über die Trunkenheit des Silvio B.
und die Unkreativität einer deutschen Kanzlerin: Europatour mit den Augen von Uncle Sam.

Noch ist nicht sicher, wer hinter dem größten Leck von Geheiminformationen der jüngsten Geschichte steckt. Aber es gibt bereits einige Pisten: Nach den Anschlägen vom 11. September entwickelte das Weiße Haus eine Art Regierungsportal, um die offizielle Kommunikation zu vereinfachen. Das Portal zählte drei Vertraulichkeitsniveaus (vertraulich, geheim und streng geheim, bisher gab es kein Informationsleck in der Kategorie streng geheim). Ca. 3 Millionen amerikanische Diplomaten, Politiker und Geheimdienstler hatten weltweit Zugang zu den Dokumenten, die nun in die Hände von Wikileaks gespielt wurden.

In Windeseile und nach mehreren harten Schlägen aufgrund von Veröffentlichungen geheimer Dokumente auf Wikileaks (erst im Spätsommer wurden hunderttausende Geheimberichte zum Irak und Afghanistan veröffentlicht) rief das Pentagon nun eine 120-Mann starke Spezialeinheit ins Leben, die zukünftige Informationslecks dieser Art unterbinden soll. Washington hatte bereits in den letzten Tagen versucht, seine internationalen Partner über die Informationslecks zu unterrichten.

Neben Skrupellosigkeit (Ausspionieren Hoher Vertreter der Vereinten Nationen durch die USA, insbesondere des UN-Generalsekretärs) und äußerst heiklen Themen (Gespräche mit arabischen Ländern über einen eventuellen Angriff auf den Iran), zeigen die Notizen der US-Diplomaten besonders die akribische Genauigkeit der nordamerikanischen Diplomatie - eine Maschinerie, die selbst persönliche Details wie den Blick oder die Art zu Sprechen internationaler Entscheidungsträger festhält.

Berlusconi - besoffen, Merkel - zögerlich

Silvio Berlusconi sei sowohl « unverantwortlich als moderner europäischer Staatsmann“ als auch „politisch und körperlich schwächelnd“, jemand, der sich "nach seinen permanenten nächtlichen Eskapaden nicht genügend ausruht". Angela „Teflon“ Merkel hingegen hätte eine regelrechte „Risikoabneigung“. Der Kanzlerin fehle es an Kreativität und Überzeugungskraft. Der aktuelle deutsche Außenminister kam ebenfalls nicht besonders gut weg: Guido Westerwelle wurde in den diplomatischen Schreiben Inkompetenz und Arroganz vorgeworfen, die Amerikaner sähen lieber den aktuellen und charismatischeren Verteidigungsminister, Karl Theodor zu Guttenberg, als Vertreter der deutschen Außenpolitik.

Porträts einer zerschlissenen spanischen Familie

Alles andere als harmlos sind auch die Kommentare für Spanien: Zapatero sei ein opportunistischer Politiker, der sich einzig und allein auf die nächsten Wahlen denn auf das Allgemeinwohl im Lande konzentriere. Der König von Spanien allerdings genießt ein gutes Ansehen: In den diplomatischen Memos wurden gar Notizen gefunden, wie man sich in Anwesenheit von König Juan Carlos am besten zu verhalten habe. Das Informationsvolumen in der US-Botschaft in Madrid wuchs besonders an, als die spanische „überalterte und romantisierende“ Linke 2004 an die Macht kam. Laut Washington sei dieser Machtwechsel zudem auf das schlechte Krisenmanagement der Partei PPE nach den Madrider Zuganschlägen vom 11. März 2004 zurückzuführen.

Sarkozy, der pro-amerikanischste Staatschef von allen

Nicolas Sarkozy wird zunächst als proamerikanischster Präsident seit dem Zweiten Weltkrieg eingeschätzt: Er ist Fan von Nachmittagsjoggen, Ray Bans und … George W. Bush, dem er öffentlich seine Bewunderung kund getan haben soll, bevor er als Präsident in den Elysée-Palast einzog. Doch einige Ticks des französischen Präsidenten fielen den amerikanischen Diplomaten dann mit der Zeit doch auf: „Autoritär“ und „empfindlich“, sei er - die Beschreibung des "Kaisers ohne Kleider" resümiert die Einschätzung jedoch am bildlichsten. Ein Präsident, der so machttrunken sei, sollte bestens überwacht werden.

Putin und Medwedew alias "Batman und Robin" und arbeitssüchtiger Erdogan

Am Rande Europas wird der russische Präsident Dmitri Medwedew als Begleiterscheinung „Robin“ von „Batman Putin“ angesehen, als eine „nebensächliche und zwiespältige“ Persönlichkeit, die nur Handlanger des „Alphamännchens“ Putin sei.

Der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan sei laut US-Diplomaten „dickköpfig, hyperaktiv, arrogant“ und außerdem ein unverbesserlicher „Workaholic“ in Bezug auf das schwammige Projekt einer Zwangsislamisierung seines Landes.

Die meisten Staatsoberhäupter reagierten auf die Wikileaks-Enthüllungen mit diplomatischer Gelassenheit, bezeichneten die Neuigkeiten als Tratsch und bekundeten den Vereinigten Staaten ihre volle Unterstützung. Doch insgeheim gibt es sicherlich den ein oder anderen europäischen Staatschef, der sein Porträt mit den nächsten Enthüllungen gern mit dem Stempel 'top secret' unter den Diplomatentisch fallen lassen würde.

Foto: (cc) h.koppdelaney