Tausendundeine Therapie

Artikel veröffentlicht am 9. Mai 2006
Aus der Community
Artikel veröffentlicht am 9. Mai 2006

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In diesem Jahr hat cafebabel.com unter dem Namen „Cafe therapy“ eine Debattenreihe organisiert. Ziel war es, die Ängste der Europäer besser zu verstehen und über mögliche Therapien zu diskutieren.

In den letzten Jahren wurde die „Alte Welt“ von der Angst ergriffen. Das Vertrauen in das Projekt eines geeinten Europas wurde immer brüchiger. Nach dem „Nein“ der Franzosen und Holländer zur Europäischen Verfassung hat cafebabel.com den Europäern eine „Café-Therapy“ verschrieben: Man traf sich und diskutierte in ganz Europa, sowohl „online“ in Form von vertiefenden Dossiers, als auch „offline“ durch öffentliche Debatten. Heute stellen wir Ihnen die Lösungen vor, die wir in diesen Monaten gefunden haben.

Trägt der Multikulturalismus?

Der Mord an Theo Van Gogh in Holland, die islamistischen Terroranschläge in London und die Auseinandersetzungen in den Pariser Vororten haben das Problem der multiethnischen und multikulturellen Gesellschaften in Europa ans Tageslicht gebracht. In den Niederlanden endete die Debatte in einer Reihe von strengen Gesetzesvorschlägen. Die holländische Ministerin für Integration und Immigration Rita Verdonk „ging sogar soweit, den Gebrauch von Niederländisch auf den Straßen vorschreiben zu wollen“ schreibt Philip Ebels auf cafebabel.com.

Doch die Idee des Multikulturalismus stützt sich hauptsächlich auf Toleranz, die neu definiert werden muss. Denn „die einzige Möglichkeit, die Jugendlichen der benachteiligten Gruppen innerhalb der französischen Gesellschaft zu integrieren, ist Arbeit“, meint Aziz Senni, ein französischer Unternehmer marokanischen Herkunft, der als Gast an einer von cafebabel.com organisierten Debatte in Paris teilnahm. Senni, Autor des Buchs „Der soziale Fahrstuhl war kaputt, deshalb habe ich die Treppe genommen“, schlug außerdem vor, positive Diskriminierung nicht auf der Basis von Rasse oder Religion, sondern allein des Wohnorts durchzuführen. Die Auseinandersetzung in den Banlieues haben in Frankreich Spuren hinterlassen.

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EU-Islam: so nah und doch so fern

„Es existiert keine Angst vor dem Islam, sondern allein eine Angst vor dem, was man nicht kennt“ erklärte eine Teilnehmerin muslimischen Glaubens zur Eröffnung einer Diskussion, die von cafebabel.com letzten November in Sevilla organisiert wurde. Es seien die Formen jeglichen religiösen Integralismus, die man bekämpfen müsse. „Ich fürchte gleichermaßen die Formen des katholischen Fanatismus wie die des islamischen“ fügte ein anderer Teilnehmer hinzu.

Derzeit leben etwa 17 Millionen Muslime in Europa. Religiöse Auseinandersetzungen sind längst entfacht. Doch nach Meinung des spanischen Theologen Juan José Tamayo „können die Religionen nicht weiterhin Ursache für Konflikte sein, weder untereinander noch in der Gesellschaft. Vielmehr müssen sie sich anerkennen, respektieren und in Dialog miteinander treten.“

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Textilien und Verschmutzung: Angst vor China?

Für Lu Yiyi, Forschungsbeauftragte der China-Abteilung in der Londoner Denkfabrik Chatman House, besteht „das Hauptproblem der Beziehungen zwischen der EU und China darin, dass es keine einheitliche europäische Außenpolitik gibt“. Darüber hinaus beurteilt sie die Angst der Europäer vor billigen Produkten aus China als „ignorant“. „Die EU-Länder können einen Vorteil aus der Liberalisierung des Finanzwesens ziehen, die in China langsam in Gang kommt.“ Auch die Klage des Westens über die hohe Umweltverschmutzung durch die chinesische Industrie erscheint wenig glaubhaft angesichts der Weigerung der USA, das Kyoto-Protokoll zu unterschreiben; ein Protokoll, dem Peking zugestimmt hat. Zudem hat die chinesische Regierung zugesagt, „den Anteil erneuerbarer Energien am Energieverbrauch bis 2020 zu verdoppeln“ präzisiert Simon Borkin aus London.

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Regionalisierung: alle für Einen, Einer für alle!

Die Europäische Integration bringt zwei entgegengesetzte Tendenzen mit sich: einerseits eine Zentralisierung der Macht in Brüssel und andererseits eine Verteilung der Macht auf die einzelnen Länder und regionalen Selbstverwaltungen. Die Belgierin Frieda Brepoels, Vize-Präsidentin der „Neuen Flämischen Allianz“, sagt in einen Interview mit cafebabel.com: „Nationale Souveränität ist ein Gedanke aus dem 18. Jahrhundert, sie kann nicht die fundamentale Basis der Zukunft Europas sein.“ Und fügt hinzu: „In der Zukunft müssen wir, als Erstes daran arbeiten, uns in Richtung eines ‚Europas der Regionen’ zu entwickeln.“

Der neue Autonomiestatus der spanischen Region Katalonien, der kürzlich von den spanischen Abgeordneten verabschiedet wurde, setzt auf die Kompetenzerweiterung der katalonischen Hauptstadt Barcelona. Unabhängigkeitsbestrebungen sollen so eingedämmt werden. Eine ähnliche Lösung steuert Ministerpräsident Zapatero auch für den baskischen Teil Spaniens an. Damit soll endlich ein Frieden erlangt werden, nach dem Spanien schon seit dem ersten Anschlägen der Eta in den 1960er Jahren verlangt. Die baskische Untergrundorganisation selbst hat im letzten März eine anhaltende Waffenruhe ausgerufen. „Die Regionalisierung ist eng mit der europäischen Integration verbunden. Sie zerstört alte Identitäten, um neue zu kreieren“ schreibt Tiziana Sforza aus Rom.

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Der EU-Geldkuchen: Bleibt da auch ein Stück für mich übrig?

Die EU entstand in den 1950er Jahren in Frankreich und Deutschland aus der Idee heraus, eine „Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ zu begründen. Diese „sollte den Gründerstaaten über ihre Grenzen hinweg den freien Handel ermöglichen, der Frieden und Wohlstand schaffen würde“, so Paul Heinzhof in seinem Artikel auf cafebabel.com. Im Jahr 1986 fand auch Spanien in der EU einen wichtigen Bezugspunkt nach dem Ende der Franco-Diktatur. Genauso erscheint heute die EU-Osterweiterung das einzige Mittel, um den Ländern, die die Tragödie des Stalinismus ertragen mussten, unter die Arme zu greifen. Umso wichtiger ist daher die Integration der zukünftigen Mitgliedsstaaten – wie Rumänien, Bulgarien und Kroatien – im Hinblick auf einen einheitlichen Binnenmarkt, der nach Aussage der europäischen Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes „vorteilhaft für alle – für jeden einzelnen Mitgliedsstaat, für den Verbraucher und für die Unternehmen“ sein wird.

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Die Rückkehr des Nationalismus

„Gab es je eine krisenfreies Europa?“ fragt sich Martin T. Haberger, Theaterschauspieler und Gründer des Projekts Euroliteratour, das den kulturellen Austausch zwischen Europäern fördern will. Die neuen nationalistischen Bewegungen, die auf eine Rückkehr zur Realpolitik des nationalen Interesses abzielen, sind die Symptome der EU-Krise. Samuele Pii, Präsident der Jungen Europäischen Föderalisten, schlägt vor, die Probleme von einem „kosmopolitischen Gesichtspunkt“ her anzugehen: Europa muss als gemeinsamer Wert anerkannt werden.

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Die Flucht ins Ausland

Unlängst wurde ein neuer Alarm ausgerufen: In Osteuropa wandern junge, gut ausgebildete Menschen in den Westen ab: Der „brain drain“ ist ausgebrochen. Doch ist in einer Gesellschaft, in Mehrsprachigkeit immer wichtiger wird und die Studentenmobilität massiv gefördert wird der „brain drain“ ein völlig unvorhersehbares Phänomen? Wäre es nicht besser, ihn als „Austausch von Intelligenz“ zu bezeichnen? Kevin Byrne, Englischlehrer in Japan, erklärt auf cafebabel.com den „Austausch von europäischen Studenten und Bürgern [zum] Schlüssel zur kulturellen Bereicherung und zur wirtschaftlichen Entwicklung des Kontinents.“

Der Austausch von Personen und Informationen wäre damit die wahre Stärke der EU.

Zudem wollen nicht alle Studenten und Berufstätige, die ihr eigenes Land verlassen haben, dauerhaft im Ausland bleiben. Im Gegenteil: die Ungarin Bernadette, die momentan zwecks eines Studienaufenthalt im schwedischen Lund lebt, meint: „Nach Abschluss des Masterstudiums gehe ich direkt nach Ungarn zurück. Ich will auf alle Fälle einen Arbeitsplatz in Ungarn finden.“

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