Tatort: Der Hipster-Heimatkrimi

Artikel veröffentlicht am 16. März 2012
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Artikel veröffentlicht am 16. März 2012
 Ich muss irgendetwas verpasst haben. Dass der Tatort, diese in Lindenstraßen-Manier daherkommende Krimiserie, die im deutschen Fernsehen seit Jahrzehnten über den Äther läuft, irgendwie zum ultimativen Trend geworden ist, fiel mir erst auf, als Freunde, die mich in Paris besuchten, bereits am Sonntagmorgen die Sachen ins Auto stopften!
Wir fahren schon etwas eher los, sonst schaffen wir’s nicht zum Tatort. Heute Abend ermittelt der Jan Josef Liefers [als Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne mit Axel Prahl als Hauptkommissar Frank Thiel in Münster]. Genial! Weg waren sie – verzichten wegen einer dämlichen Fernsehserie auf einen Nachmittag in Paris.

  40 Jahre Tatort (cc)YouTube

Man kann wohl ohne Maßlosigkeit behaupten, dass der Tatort – eine Koproduktion der deutschen ARD, des österreichischen ORF und des Schweizer Fernsehens – die beliebteste Krimi-Serie im deutschen Fernsehen ist. Seit über 40 Jahren sitzen am Sonntagabend zur Hauptsendezeit Generationen von Deutschen vor dem Flimmerkasten und folgen akribisch ihren Lieblingsermittlern - bis zur Lösung des Falls. Denn eins ist sicher, nach 90 Minuten kann der Deutsche getrost eindösen: Ob in Münster, Hamburg oder Berlin: der Mordfall ist aufgeklärt – die Ordnung wieder hergestellt. Spießig? 

Deutsche Fernsehspießer und Großstadt-Hype

Moderatorin und Autorin Sarah Kuttner (32) hat die Krux in einem Spiegel-Interview neulich recht prägnant zusammengefasst: "Das ist das neue Ding, was wir coolen Leute seit einiger Zeit schauen müssen. Eine Art neue Spießigkeit. Ich finde diese Krimis furchtbar altbacken und öde. Nichts ist schlimmer als der Satz: Der beste "Tatort" ist der Münsteraner."

Was ist nur dran am Tatort, dass nachwievor 8,5 Millionen Deutsche (2011; Tendenz steigend) ihren Sonntagabend dem Tatort widmen? Ob auf dem heimischen Sofa oder in der Kneipe um die Ecke: Es ist schwer, den Deutschen am Sonntagabend von der Glotze wegzukriegen. Und danach vom Computer, denn der Tatort ist dann Sonntagnacht auch das meist diskutierte Thema in deutschen Tweets.

Seit mehreren Jahren gehört es zum guten Ton, den Tatort im Rudel zu gucken. Ein Phänomen, das zunächst in Hamburg losgetreten wurde – und sich mittlerweile über die ganze Republik ausgebreitet hat. 'Tatort – Public Viewing' heißt das Ganze und erinnert an nicht immer schöne Großevents von der letzten WM in Deutschland. Beim Tatort geht’s allerdings etwas chilliger zu.

Mitfiebern ist das Codewort. Gemeinsamkeit! Es ist angesagt, sich für den Tatort zu verabreden – und so ist es nicht unwahrscheinlich in Berlin auf eine Bande Hipster zu treffen, die Störenfriede mit einem shhhhhhhhh anfauchen, wenn ihr sonntägliches Prozedere unterbrochen wird. 37 Tatort-Kneipen soll es laut der ARD in Berlin mittlerweile geben. Und auch Wien surft auf der Erfolgswelle mit. Jede Woche fiebert ein ganzer Kinosaal in der österreichischen Hauptstadt mit den Tatort-Kommissaren mit - auf den Spuren des organisierten Verbrechens.

Vom Hipster-Heimatgefühl namens Tatort

Und dabei ist der Tatort Lichtjahre entfernt von US-amerikanischen durchstilisierten, rasanten und IT-lastigen CSI und Co. Formaten. Ganz im Gegenteil: Die deutsche Krimiserie setzt auf Altbewährtes, den detektivischen Spürsinn und Kombinatorik - und kann dabei komplett auf einen überirdischen Sinn à la The Mentalist verzichten. Wichtiger sind die Schlagabtausche der zumeist in Duos ermittelnden Kommissare. Kommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und sein kroatischer Kollege Ivo Batic (Miroslav Nemec) zum Beispiel werden in der letzten Münchner Folge „Der traurige König“ (26/02/2012) auf eine harte Probe gestellt. Als Leitmayr auf einen Verdächtigen schießt, der anschließend ins Koma fällt, riskiert er nicht nur seine berufliche Integrität, sondern auch die jahrelange Partnerschaft mit Batic.

Ok, zugegebenermaßen: Die beliebteste deutsche Krimi-Serie hat ein bisschen Neunziger-Flair; im Ausland würde man den Tatort hundertpro als ‚typisch deutsch‘ betiteln. Doch das Erfolgsrezept ist subtil und lässt sich auf ein einziges Wort herunterbrechen: H-E-I-M-A-T. Dieses Wort, das sich – typisch deutsch? - so schwer in andere Sprachen übertragen lässt. Der Tatort fühlt sich heimelig, nach Zugehörigkeit an – und wirkt deshalb nach so vielen Jahren immer noch als Zuschauermagnet.

In einigen deutschen Städten werden sogar Touristentouren zu den Schauplätzen der Serie angeboten. Denn der Ort ist ein wichtiger Identifikationsfaktor der Serie. Über 30 Kommissare ermitteln in der Bundesrepublik. Der Zuschauer, der morgens vielleicht in Hamburg noch kurz einkaufen war, kann ebendiesen Schauplatz abends im Tatort wiederentdecken, wenn sich Mehmet Kurtulus als Hauptkommissar Cenk Batu in Hamburg eine terroristische Zelle der Al Quaida infiltriert, um ein Attentat zu verhindern ("Der Weg ins Paradies", 18/12/11). Jeder Tatort hat sein unverkennbares Lokalkolorit.

Deutschland im Wandel – Tatort im Wandel

Auch wenn man sich im Web häufig darüber lustig macht, dass im Tatort immer auch ein paar Sehenswürdigkeiten der jeweiligen Stadt obligatorisch Revue passieren müssen, so wird die Serie doch häufig als „Spiegelbild Deutschlands“ betitelt. Sozialpolitische Tendenzen werden aufgegriffen, das populäre Medium zum kulturellen Speicher.

Der typische Tatort in 123 Sekunden (cc)YouTube

Die erste Folge „Taxi nach Leipzig“ (1970) thematisierte die deutsche Teilung; später sollte es dann u.a. auch um ethnische Minderheiten, Terrorismus, Arbeitslosigkeit oder den Balkan-Krieg gehen. Auch die Frauenquote, über die in Deutschland derzeit so hitzig diskutiert wird, hat der Tatort längst in die Tat umgesetzt – neben der vielleicht bekanntesten Kommissarin Maria Furtwängler (Kommissarin Charlotte Lindholm, Hannover), ermitteln 8 weitere Damen der Schöpfung, allerdings häufig mit geballter Männlichkeit an ihrer Seite.

Der Tatort also doch progressiv? Nun gut, wir wollen’s mal nicht übertreiben. In den Augen eines Zugezogenen hat die Krimireihe sicherlich etwas Altbackenes à la Derrick. Aber wer irgendwann mal eine Zeit in Deutschland verbringen will, kommt am Tatort nicht vorbei. Das hat auch Til Schweiger, im Ausland sicher noch aus dem letzten Tarantino-Streifen Inglorious Basterds in Erinnerung, begriffen. Nach seinen Hollywood-Eskapaden wird er nun ab 2012 in Hamburg ermitteln.