"Tanzet und mehret euch": Orban möchte mehr Kinder von den Ungarn

Artikel veröffentlicht am 8. Juli 2013
Artikel veröffentlicht am 8. Juli 2013

Die Regierung Orbán hat das ungarische Volk wieder einmal überrascht. Sie möchte für Studierende, die Single sind, Tanzveranstaltungen organisieren - um ihnen die Möglichkeit zu geben, die wahre Liebe zu finden. Mehr als 10 Millionen Forint (ca. 35.000 Euro) wurden ausgegeben, um zehn Abende in zehn ungarischen Städten zu organisieren. Wir waren bei einem Tanzabend in Budapest dabei.

Bereits einen Monat im Voraus begann die Presse in Ungarn, über die Absurdität der Idee zu schreiben, mit Schlagzeilen wie „Frei zum Tanzen?“ oder „Wähle das Tanzpaar“. Diese Titel sind Anspielungen auf spezielle Veranstaltungen: Tanzabende, bei denen nicht nur getanzt wird. Auch all unsere Fragen zu Beziehungen und zum anderen Geschlecht stoßen hier auf offene Ohren. Ins Leben gerufen wurde die Initiative von der Regierung Orbán. Denkt man an die wahre Absicht dahinter, handelt es sich um eine ziemlich beunruhigende Initiative: der Plan ist es nämlich, für die Vermehrung der ungarischen Bevölkerung zu sorgen.

Ein zweideutiger Abend?

Auf dem Programm des Balls standen Gespräche und Aktivitäten, um den idealen Partner für die Familiengründung zu finden. Allerdings konnte schlussendlich niemand an diesen Aktivitäten teilnehmen, weil die Organisatoren diesen Programmpunkt kurz vor dem Ball gestrichen hatten, ohne jedwede Angabe von Gründen. Während die Regierung und das „Ministerium für Human Ressources“ mit den Vorbereitungen für das große Fest beschäftigt waren, hatten die jungen Ungarn, für die die Initiative überraschend kam, eine Alternatividee. Sie waren empört darüber, dass sich die Anstrengungen der Regierung allein auf heterosexuelle Paare konzentrieren. Eine Gruppe Universitätsstudierender entschloß sich dazu, als schwule und lesbische Paare auf dem Parkett aufzutreten und romantisch zu zweit zwischen allen anderen zu tanzen. 

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Die Veranstaltung begann am 26. Mai um 16 Uhr in der Budapester Burg, nahe dem Nationalen Tanztheater. Kurioserweise gibt es im Saal zwar eine Bühne und eine Freitreppe, aber nicht viel Platz zum Tanzen. Sollte es nicht ein Tanzabend werden? Das Publikum ist gemischt, das Durchschnittsalter liegt bei etwa 40 Jahren, viele Rentner und Rentnerinnen mit ihren Enkelkindern und Eltern mit ihren Kindern sind da. Nicht wenige haben die Absicht der Regierung missverstanden und den Abend für ein Fest zum Tag der Kinder gehalten. Die Zahl der anwesenden Journalisten übersteigt mit Sicherheit die der jungen Leute mit der Absicht sich zu „reproduzieren“. Der Großteil derer ist einfach nur hier, um einen netten Tanzabend zu verbringen und sich über eine weitere bizarre Initiative der Regierung lustig zu machen. 3 Stunden lang wird getanzt: ein bisschen klassischer Tanz, ein bisschen zeitgenössischer Tanz und dann Fit’n’Folk, eine Mischung aus ungarischem Volkstanz und Aerobic. Die Versuche der Moderatoren, die jungen Leute zum Tanzen zu bewegen, sind vergeblich. Schließlich beginnen die beiden selbst zu tanzen, um das Eis der allgemeinen Peinlichkeit zu brechen. 

Regierungskritik: ein parodierter Tanzabend

Die meisten sind hier, um einen netten abend zu verbringen und sich über die bizarre Initiative der Regierung lustig zu machen.

Der Abend schreitet fort und es werden immer mehr traditionnele Volkstänze gespielt. An diesem Punkt entscheiden meine Freunde und ich, draußen etwas frische Luft zu schnappen. Dort stoßen wir auf eine Gruppe „militanter“ Vertreter der Oppositionspartei Zusammen für 2014. Sie sind damit beschäftigt, Ansteck-Plaketten an die Leute in der Warteschlange zu verteilen. Sie tragen Aufschriften wie: „Hallo! Ich bin …. Einer meiner Verwandten ist Mitglied der Regierung, willst du bumsen?“ oder „Hallo! Ich bin … Ich suche meine andere (bessere?) Hälfte, die Lust auf eine Großfamilie hat und Hausarbeit liebt.” Ich probiere es auch gleich aus und schlage diesen Slogan vor: “Hallo! Ich bin eine brave Hausfrau. Ich suche meine andere Hälfte, bestenfalls hat er gerade eine Zigaretten-Lizenz gewonnen oder ist zumindest Eigentümer eines Grundstücks.” Der Bezug auf die Zigaretten ist kein Zufall. In diesen Tagen ist in Ungarn der „Kampf gegen das Rauchen“ aktuell, denn seit dem 1. Juli 2013 dürfen nur noch die glücklichen Besitzer einer staatlichen Konzession Zigaretten verkaufen. Ausgewählt wurden sie in einem untransparenten Verfahren, das auf obskure Parameter besteht. Mit meiner Plakette wollten mich die Türsteher nicht mehr in den Tanzsaal hineinlassen; ich solle sie abnehmen und versprechen, sie auch drinnen nicht mehr anzustecken. Nach einer hitzigen Diskussion und dem Schwur, die Veranstaltung nicht zu stören, erreichten wir schließlich, auch mit den Plaketten in den Saal gelassen zu werden.

Happy End

Nachdem wir zusammen etwas Volkstanz getanzt hatten, kommt eine Gruppe junger Leute an. Einige mit roten Bändern am Kragen, andere mit der Regenbogenflagge. Sie begannen miteinander auf dem Parkett zu tanzen. So eroberte ein Dutzend homosexueller Paare hat den Abend. Die Organisatoren versuchten von Panik gepackt die Gruppe hinauszubringen; es gelang ihnen jedoch nicht. Nach einigen Minuten fragt einer der Tänzer das Publikum „Wollt ihr bloß junge Paare tanzen zusehen?“ Die Antwort lautet „Nein!“. Und weiter: „Wollt ihr, dass sich die jungen Leute ins Publikum setzen?“ Die Antwort: „Ja!“.

Um 21 Uhr, gegen Ende der Veranstaltung, fingen alle an, gemeinsam zum Konzert der Band Bergendy die Rock’n’Roll, Jazz und Swing spielt, zu tanzen: Alte, Mütter, Kinder, Schwule, Lesben. Auch die Hauptadressaten der Veranstaltung, die schüchternen Singles, schienen sehr glücklich zu sein. Endlich hatte ihnen irgendjemand geholfen, ihre Schwierigkeiten, neue Leute kennenzulernen, zu überwinden. Die Regierung zeigte sich so zufrieden, dass sie entschied, das Programm im Sommer fortzuführen. Sehr zur Freude aller jungen Leute Ungarns, die den ganzen Abend grinsen mussten, weil ihnen auf Regierungskosten ein Tanzabend spendiert wurde.