Tallinner: Politikverdrossenenheit am Tresen

Artikel veröffentlicht am 25. November 2008
Artikel veröffentlicht am 25. November 2008
Spricht man mit einem Esten über Politik, sträuben sich seine Haare mehr als unter Einfluss der baltischen Kälte. Sich engagieren, für etwas kämpfen, sich vereinnahmen lassen? Das machen in Tallinn nur wenige junge Leute. Europa ist Lichtmeilen von den täglichen Sorgen der Studenten entfernt.

In der 24. Etage des höchsten Turms von Tallinn ist der Blick über die Stadt unverbaut. In einem Lederstuhl vor seinem Schreibtisch, in einer erfolgreichen Consultingfirma, sitzt Jaan Urb. Mit nur 25 Jahren arbeitet er in der Woche und studiert am Wochenende. Für diesen Rhythmus hat er seine Tätigkeit bei der Partei People’s Union aufgegeben: „In der estnischen Hauptstadt sind die Studenten zu sehr mit ihren Nebentätigkeiten beschäftigt“, stellt das ehemalige Mitglied des Nationalrates der Jungen Esten fest. „Unsere Organisation funktioniert besser im Rest des Landes. Dort nehmen sich die Menschen mehr Zeit, um sich zu versammeln. Oder sie denken weniger an ihre persönliche Karriere.“

Mit 24 Jahren gehört Evelin Kruusse zu jener kleinen Minderheit, welche die Zeit findet, sich politisch zu engagieren. Ihre Tatenkraft ist so auffällig, wie die neonpinke Strähne in ihren blonden Haaren. Ob Debattierclub rund um aktuelle Themen oder Club der Jungen Frankophonen - die Masterstudentin im Bereich Internationale Beziehungen aus Tartu, der zweitgrößten estnischen Stadt, macht viele Dinge gleichzeitig. Aber ohne Ambitionen für die Politik: „Ich habe einen Monat lang in einem Ministerium gearbeitet. Für nichts in der Welt würde ich von einer politischen Partei abhängen wollen, nachdem ich die Politik von innen gesehen habe“, erzählt sie lachend.

Einige Organisationen verkümmern trotzdem nicht. Das Nationalgefühl der Esten ist noch sehr stark und es existieren zahlreiche Studentenverbindungen. Vorsicht denen, die es wagen sich geheimen Zeremonien zu nähern, zu denen man die Traditionskluft fast in Burschenschaftmanier anlegt.

Aktivisten sind nicht sehr angesehen

In jeder der sechs politischen Parteien gibt es einen Ableger für junge Leute. Dort gibt es die gleichen Meinungsverschiedenheiten wie bei den Älteren. Mittels der Medien sprechen die jungen Leute die für sie wichtigen Probleme an, wie Gewalt in der Schule, Tierrechte oder Ökologie. In Estland findet dieser Kampf über eine einfache Nachricht im Internet statt. Politisch aktiv sein ist allerdings nicht immer gern gesehen. Vor allen Dingen, wenn man der Partei der jungen Sozialdemokraten angehört, wie Laur Kiik: „Die Esten haben Angst vor der Linken. Für sie hat das Wort „sozial“ eine kommunistische Konnotation.“

Auf der Seite der Sympathisanten, hinter den großen innovativen Projekten und den eloquenten Reden, sind die Erfolge nicht immer auf der Höhe der Worte. „Wir leben in einer Gesellschaft, in der es schwierig ist, anderen zu vertrauen“ fährt Laur Kiik fort. „Misstrauen ist überall. Das sind bestimmt Reste vom KGB. Selbst innerhalb der Parteien gibt es permanent Streit.“

Wo der Politiker an der Politik zweifelt

Die politische Klasse Estlands ist noch sehr jung. „An der Spitze der Parteien gibt es nur wenig Rotation und daher nur wenig offene Stellen zu besetzen“, beobachtet Gerd Tarand. Der 23-jährige Student besitzt das Profil des idealen Kandidaten. Das Handy ans Ohr gepresst, in der Hand immer einen Kugelschreiber mit dem Logo der Europäischen Union und ein Terminplan, der, trotz seines jungen Alters, eines Ministers würdig wäre. Die Parlamentarier selbst ermuntern die jungen Leute, sich eher auf ihr Studium zu konzentrieren als sich politisch zu engagieren: „Bildung und Politik müssen getrennt bleiben. Das Studium ist wichtiger und muss vor allem anderen kommen“, bestätigt Peeter Kreitzberg. Wenn man zu dem Wort „Politik“ noch das Wort „Europa“ hinzufügt, löst man einen generellen Lachanfall aus. „Dennoch sind die Esten laut Umfragen sehr europafreundlich“, analysiert Regina Palandi, eine 21-jährige Studentin der Politikwissenschaften. „Vor allem seit dem georgischen Beispiel und der Tatsache, dass der US-amerikanische „Regenschirm“ nicht automatisch aufgeht.“

Die Europäische Union, irgendwo da unten

Verbundenheit, Werte, soziale Fortschritte: Es fehlt nicht an Lobreden für die Worte, die sich um die europäischen Sterne drehen. Trotzdem interessieren sich die Esten nicht sehr für das, was in dieser mysteriösen, weit entfernten bürokratischen franko-flämischen Stadt Brüssel passiert. Die estnische Wahlbeteiligung zu den Wahlen des Europäischen Parlaments im Jahr 2004 war die niedrigste in ganz Europa: 26,89%. Dieser Trend wird sich wohl auch bis zu den Europawahlen 2009 nicht ändern. „Die momentane Debatte dreht sich darum zu erfahren, ob wir offene oder geschlossene Listen haben werden“, erwähnt Peeter Kreitzberg, estnischer Abgeordneter, verantwortlich für Kultur und Bildung. „Esten müssen Persönlichkeiten wählen können. Sie werden nicht wählen gehen, wenn sie nicht das konkrete Ergebnis der sechs zu besetzenden Sitze sehen.“

Alle sind sich einig, dass die Presse sicherlich eine erzieherische Rolle zu spielen hätte. „Wir haben einen einzigen Journalisten dauerhaft in Brüssel, obwohl ein Land wie Malta vier hat“ beklagt daher der Abgeordnete des estnischen Parlaments Riigikou. Sensationsblätter haben viel Erfolg mit der Berichterstattung von Skandalen, zum Nachteil von Analysen. Aber ist das nicht der Fehler einer Gesellschaft, die permanent mit dem Internet verbunden ist?