„Tales of the afterwar“: Junge Europäer in der Nachkriegszeit

Artikel veröffentlicht am 4. November 2016
Artikel veröffentlicht am 4. November 2016

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Leben nach dem Krieg? In Europa? Ein Rückblick auf die Entstehung der Projektreihe Tales of the afterwar, die in Kürze startet.

Es waren einmal zwei Gemeinschaften, die seit mehrenen Generationen in gegenseitigem Misstrauen auf demselben Gebiet lebten. Eines Tages erschütterte eine Krise eines bis dahin unbekannten Ausmaßes das Land. Das Misstrauen verwandelte sich in Spannungen, die Spannungen in Hass. Ein Auseinandersetzung brach aus und verwüstete mehrere Jahre lang das Land, bis eine Friedensvereinbarung  die Konfrontationen beendete.

Diese Erzählung bleibt vage, wenn ich sie nicht in eine Zeit, die unsere, und in einen geographischen Raum, den europäischen Kontinent, einbette. Nichtsdestoweniger bleibt sie unvollständig, da sie weder die schwierige Rückkehr zu einem Zusammenleben der Gemeinschaften noch die erforderlichen Anstrengungen zum Wiederaufbau des Landes erwähnt.

   Risse in Europa

Vor sechs Monaten ließ mich das Verlangen nicht los, mich mit der Frage des Zusammenlebens in Europa zu beschäftigen. Europa, weil ich mich dort immer zu Hause gefühlt habe und weil dieser Kontinent, einstmals Symbol des sozialen Fortschritts und der Demokratie, seit einigen Jahren seine Träume und seinen Glauben in die Zukunft verloren zu haben scheint. Was war geschehen? Und vor allem, wie kann dieser Trend zum zunehmenden Extremismus, zur Angst vor dem Anderen und zum Rückzug in die eigene Kultur umgekehrt werden?

Ich wusste nicht, wie ich ein so weites Thema angehen sollte, aber eine Begegnung brachte mich schließlich auf die richtige Spur. Ein slowenischer Fotograf, den ich auf einer Konferenz getroffen und mit dem ich über die aktuelle Krise in Europa und deren mögliche Folgen gesprochen habe, erinnerte mich unvermittelt daran, dass niemand den Krieg auf dem Balkan vorausgesehen hatte. Wie alle Einwohner Sloweniens hatte ihn der Konflikt, als das Unvorstellbare geschah, völlig überraschend getroffen. Die zu Beginn der Auseinandersetzungen nach Sarajevo entsandten Journalisten konnten die ersten von bosnischen Flüchtlingen bezeugten Gräueltaten selbst kaum glauben.

Und da wurde mir eines klar: In seiner extremsten Form ist die Krise des Zusammenlebens nichts anderes als ein Bürgerkrieg. Indem wir den Frieden zu sehr als eine selbstverständliche Errungenschaft betrachten, laufen wir nicht Gefahr, dass er uns entgleitet? Und dabei hat der Krieg mehrmals im Laufe der letzten 20 Jahre in Europa seine Spuren hinterlassen. Im Osten in der Ukraine und in Georgien, aber auch im Westen: Wenige Menschen wissen, dass noch heute eine Mauer die katholischen und die protestantischen Gemeinschaften in Nordirland trennt, ein Überbleibsel eines 30 Jahre währenden Konflikts, der erst 1998 ein Ende fand.

   Nachkriegserzählungen

Es zeichnete sich nun eine neue Frage ab: Was geschah mit den Völkern, die sich gegenseitig bekriegt hatten, als der Krieg vorbei war? Wie lernten die jungen Generationen nach ein, fünf oder dreißig Jahren Auseinandersetzung miteinander zu leben? „Die Nachkriegszeit ist ein von Historikern und Journalisten vernachlässigtes weites Studienfeld“, vertraute mir kürzlich ein Experte des Zweiten Weltkriegs an. Und dabei hatte ich das Gefühl, dass unser westliches Europa, das seit drei Generationen in Frieden schlummert und aus einem bleiernden Schlaf erwacht, sehr viel lernen kann von diesen Regionen, in denen die Erinnerung an den Krieg noch so lebendig und die Problematik des Zusammenlebens so stark verwurzelt ist.

Im Zuge der Nachforschungen habe ich schließlich von Bürgern geführte lokale Initiativen entdeckt, die den Dialog zwischen den einst verfeindeten Gemeinschaften wieder herstellen wollen. Nach und nach habe ich von Projekten erfahren, die von Forschern, Künstlern, Landwirten, ehemaligen Militärs oder Sozialarbeitern getragen werden. Die logische Folge war, diese Menschen zu treffen, ihre Geschichten mit meinen eigenen Ohren zu hören und sie mit meinen Bildern und Worten wiederzugeben.

So wurde das Projekt Tales of the afterwar geboren: die Geschichten der Bürger zu erzählen, die sich für Toleranz einsetzen in den Regionen Europas, die eine Auseinandersetzung durchgemacht haben. Auf dem Balkan, dann in Nordirland und in Georgien ­– diese Reise durch Europa wird den Alltag, die Schwierigkeiten und die Hoffnungen derer erzählen, die den Krieg erlebt haben und die ihn hinter sich lassen möchten ...

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