Syrischer Flüchtling in Berlin: Zwischen Aufbruch und Ankommen

Artikel veröffentlicht am 13. Oktober 2015
Artikel veröffentlicht am 13. Oktober 2015

Der Musiker und Aktivist Omar ist vor vier Jahren aus Syrien geflohen, seit ein paar Wochen lebt er in Berlin. Besuch bei einem, der sich sein Leben völlig neu aufbaut.

Draußen ist es grau und regnerisch, drinnen kocht Omar Tee. Der Raum ist groß und gemütlich, mit einem Sofa in der Ecke. In der Mitte steht ein langer Tisch. Man kann sich vorstellen, dass an diesem Tisch viel Tee getrunken, viel geraucht und gequatscht wird. „Das Einzige, was mich an Deutschland wirklich stört, ist das Wetter“, sagt Omar und grinst. Natürlich wären da noch andere Sachen: Dass die Mühlen deutscher Behörden so langsam mahlen, zum Beispiel. Damit hat Omar mittlerweile einige Erfahrungen gemacht.

Vier Jahre ist es nun her, dass der 25-Jährige seine Heimatstadt Aleppo in Syrien verließ, ein paar Monate nach Beginn des „Arabischen Frühlings“. Die friedlichen Proteste gegen das repressive syrische Regime entwickelten sich schnell zu einem Bürgerkrieg. Omar hatte auch vor dem Krieg schon Musik gemacht, Rap-Songs geschrieben. Die Inhalte waren aber eher harmlos – das änderte sich mit Beginn des Bürgerkriegs. Omars Songs wurden politischer, er kritisierte offen das Regime, ging zu Demonstrationen. „Über Politik zu sprechen war quasi unmöglich“, berichtet Omar. „Es bestand immer die Gefahr, dass die Geheimpolizei kommt, dich verhaftet und mitnimmt. Wohin? Das weiß niemand.“ Bald geriet auch Omar in den Fokus der Geheimpolizei und eines Tages wusste er es: Sie werden kommen und mich holen.

Ein neues Leben im Libanon

Omar hatte keine Wahl, er packte seine Sachen und nahm den ersten Flug nach Ägypten. Nur wenige Stunden später stand die Geheimpolizei bei seinen Eltern vor der Tür: „Wir kennen ihn nicht, er ist nicht unser Sohn“, sagten sie, um sich und den Rest der Familie zu schützen. Omar erzählt all dies ganz sachlich und ruhig. Er ist ein nachdenklicher Sprecher, lässt sich Zeit, um die richtigen Worte zu finden. In Ägypten arbeitete Omar für seinen Onkel, er blieb zehn Monate. Dann ging es weiter in den Libanon, wohin Omars Familie mittlerweile geflohen war. Weil sie in Syrien neben einer Polizei-Schule wohnte, wurde sie vom Regime als menschliches Schild benutzt: Sie durfte nicht aus der Gegend wegziehen, denn solange dort Zivilisten wohnten, würde die oppositionelle Freie Syrische Armee die Schule nicht angreifen. Eine zynische Kalkulation.

Wenn Omar vom Libanon spricht, hellt sich sein Gesicht auf. Er lebte dort mit anderen syrischen Flüchtlingen zusammen und gründete mit einer Gruppe motivierter Helfer eine Schule für syrische Kinder. Zuerst wurde das Ganze von den Muslimbrüdern finanziert, Omar unterrichtete Englisch. Dann aber gab es Probleme, weil die Muslimbrüder sehr strikte Regeln einführen wollten – Geschlechtertrennung zum Beispiel. Dazu kam es aber nicht. Die NGO For The Unseen wurde neuer Spender und Omar konnte endlich das unterrichten, was ihm am meisten Spaß macht: Kunst und Musik. Er arbeitete außerdem für die NGO Relief & Reconciliation for Syria und produzierte Videos über die Schule, die weltweit vielfach geklickt wurden.

Kurz: Omar war im Libanon ziemlich glücklich. Dann erhielt er über die Internationale Migrationsbehörde IOM das Angebot, nach Deutschland umzusiedeln. Und Omar entschied: Das mache ich. Warum? „Für mich war der Libanon toll“, sagt Omar, „aber ich war ja nicht alleine. Ich musste meine Familie versorgen. In Syrien war mein Vater Unternehmer, im Libanon arbeitslos. Es war schwer für mich, das zu sehen.“ Deutschland bot neue Chancen, neue Hoffnungen.

Deutsch lernen: sechs Stunden am Tag, fünf Tage die Woche

Anfang 2015 kam Omars neunköpfige Familie über Hannover nach Berlin. Und der Behördenwahnsinn begann. Omar rührt in seinem Tee, sucht nach Worten. Er will nicht undankbar klingen, er ist beeindruckt von der Hilfsbereitschaft der Deutschen. Trotzdem: „In Deutschland ist alles sehr effektiv organisiert. Aber es dauert so unfassbar lange.“ Acht Monate verbrachte Omar mit seiner Familie in einem Camp in Marienfelde: keine eigenen Möbel, kein Internet und immer hunderte Menschen um einen herum. Omar sagt, diese Erfahrung sei für ihn deprimierend gewesen: „Früher war ich es immer, der anderen Menschen geholfen hat – plötzlich war ich derjenige, dem Hilfe angeboten wurde.“

Omar tat sich mit seinem Status als Flüchtling schwer, tut es noch. Für ihn war deshalb klar: Er wollte so schnell wie möglich raus aus dem Camp und sein Leben zurück. Nicht sein Leben in Syrien oder im Libanon, das ist ihm bewusst, das geht nicht. Aber ein Leben. Aktiv sein, Musik machen, etwas schaffen. Und vor allem: studieren. In Syrien hat Omar Übersetzung studiert, aber keinen Abschluss gemacht. Den will er in Deutschland nachholen und dafür muss er Deutsch lernen – sechs Stunden am Tag, fünf Tage die Woche. Omar ist ungeduldig, er will schneller vorankommen.

Unter Fremden

Seit ein paar Wochen wohnt er in einer WG zusammen mit drei Deutschen. „Es war schwer, eine Wohnung zu finden“, berichtet Omar, dann lacht er: „Aber das ist in Berlin ja generell nicht so leicht.“ Vorgestern ist sein Cousin aus Syrien angekommen, er lebt vorerst in Omars Zimmer. Er hat nicht, wie Omar, ein Flugzeug bestiegen und das Land legal verlassen – seine gefährliche Flucht führte ihn über die Türkei, Griechenland, Ungarn. Für ihn beginnt nun der lange Behörden-Prozess, den Omar zumindest schon zum Teil hinter sich hat. Omar hat keinen Asylantrag gestellt, er hat fürs erste eine Aufenthaltserlaubnis. Er will auf jeden Fall so lange in Deutschland bleiben, bis er einen Uni-Abschluss hat. Und dann? Omar zuckt die Achseln: „Zurück in den Libanon oder in die Türkei.“ Richtig heimisch fühlt er sich in Berlin noch nicht, aber momentan ist die Stadt für ihn ein guter Platz: „Es ist nicht mein Zuhause. Aber das Gute an Berlin ist: Hier ist irgendwie jeder ein Fremder.“

Ich bin ein Berliner - dieser Artikel stammt von unserem cafébabel Berlin-Team.