Sven Schelker in 'Der Kreis': "Das falsche Gefühl, unendlich liberal zu sein"

Artikel veröffentlicht am 10. Februar 2015
Artikel veröffentlicht am 10. Februar 2015

In dem Film Der Kreis (2014) spielt der junge Schweizer Schauspieler Sven Schelker den Travestiekünstler Röbi Rapp. Seine erste Filmrolle – und schon hagelte es Preise, unter anderem den Teddy Award und den Panorama Publikumspreis bei der Berlinale 2014. In diesem Jahr gehört Sven Schelker zu den European Shooting Stars. 

Als Röbi Rapp und Ernst Ostertag das erste Mal in der Bar aufeinandertreffen, in der Röbi als Travestiekünstler auftritt, ist es Liebe auf den ersten Blick. Rapp, dargestellt von dem jungen Schauspieler Sven Schelker, lässt sich auf eine für ihn ungewohnt ernste Beziehung ein. Der Lehrer Ernst Ostertag (gespielt von Matthias Hungerbühler) bekommt wegen seines zunehmenden Engagements für die Schwulenorganisation und Zeitschrift Der Kreis im Zürich der späten 1950er-Jahre immer größere Probleme.

Stefan Haupts Film Der Kreis, der im letzten Jahr bei der Berlinale lief, erzählt in fiktionalen und dokumentarischen Szenen die wahre Geschichte von Rapp und Ostertag, die heute noch ein Paar sind und selbst auch im Film zu Wort kommen. Sven Schelker wurde für seine eindrückliche Darstellung des Röbi Rapp in diesem Jahr zum European Shooting Star gekürt. Wir treffen ihn am Rande der Pressekonferenz der European Film Promotion.

cafébabel: Der Film Der Kreis, in dem du eine Hauptrolle spielst, hat zahlreiche Filmpreise abgeräumt, darunter auch den Teddy Award bei der letzten Berlinale. Wie fühlt sich so viel Erfolg an?

Sven Schelker: Eigentlich war das ganze Jahr mit diesem Film ein ziemlicher Rausch. Er war auf über 80 Filmfestivals dabei, auch auf vielen LGBT-Festivals. Es gab sehr viel gute und schöne Rückmeldungen. Einmal kam ein Mitte 30-jähriges schwules Pärchen auf mich zu: Sie waren so aufgelöst und zitterten so, dass sie fast nicht reden konnten. Beide waren einfach nur dankbar dafür, dass die Geschichte so erzählt wurde, weil sie diese Zustände von damals, in den 1950er- und 1960er-Jahren in der Schweiz, sogar heute mitunter noch kennen. Das war so ungefähr das Stärkste und Schönste mitzubekommen, dass es einfach absolut richtig und wichtig war, diese Geschichte und dieses Thema hochzuhalten.

cafébabel: Wie hast du dich auf die Rolle des Travestiekünstlers Röbi Rapp vorbereitet?

Sven Schelker: Wir haben in der Frühphase des Films mehrere Gespräche mit Röbi Rapp und Ernst Ostertag geführt und uns so gut und kritisch vorbereitet wie möglich. Das war ja auch eine etwas speziellere Situation, weil man die echten Rollenvorbilder im Film oft sieht und so automatisch ein direkter Vergleich hergestellt wird. Ich kannte Matthias Hungerbühler, der im Film den Lehrer Ernst Ostertag spielt, davor nicht. Es ging also auf jeden Fall auch darum, dass wir einander kennen lernen und die Intimität zwischen uns so normal und authentisch wie möglich wirkt. Dieser Mix aus Dokumentation und Fiktion ist ein eher spezielles Format. Deswegen war und ist es auch ein einzigartiges Projekt.

cafébabel: Hattest du den Eindruck, du musst den echten Röbi Rapp so perfekt wie möglich imitieren oder warst du in deinem Spiel völlig frei?

Sven Schelker: Der Anspruch, jemanden zu 100% zu imitieren oder zu kopieren, wäre falsch gewesen, denn das ist nicht möglich. Es ging einfach darum, in der Vorbereitungszeit ein so genaues und starkes Gefühl wie möglich für Röbi zu bekommen. Wir haben, wenn wir miteinander gesprochen haben, auch nicht nur über die Thematik des Films geredet, sondern über Gott und die Welt. Ich bin ja ein Schauspieler und kein Imitator. Es ging schließlich auch darum, mich selbst in ihm zu suchen.

cafébabel: Kanntest du die Schwulenorganisation „Der Kreis“ schon vor dem Film?

Sven Schelker: Nein, ich hatte noch nie davon gehört. Das war auch ziemlich erstaunlich, weil die meisten oder sogar alle meine homosexuellen Freunde die Geschichte kennen. Der „Kreis“ war eigentlich die erste Schwulenorganisation weltweit. In Deutschland war Homosexualität zu dieser Zeit noch strafbar.

cafébabel: Wie aktuell findest du das Thema heute, mehr als 50 Jahre nach der Hochzeit und dem Niedergang des „Kreises“?

Sven Schelker: Das Thema ist genauso aktuell wie jeher. In der Schweiz oder in Deutschland haben wir oft das falsche Gefühl, unendlich liberal zu sein. Wir glauben, dass Homosexuelle doch eigentlich frei sind. Aber man muss nur mal auf die andere Seite der Landesgrenze gehen und es sieht komplett anders aus – auch innerhalb von Europa. In Kiew gab es ja einen Zwischenfall, als unser Film ein Festival eröffnet hat. 24 Stunden später wurde das Kino in Brand gesteckt. Da ist schon schwer davon auszugehen, dass da homophobe Motive dahintersteckten. 

cafébabel: Seit 2012 bist du Ensemblemitglied des Hamburger Thalia Theaters. Würdest du in Zukunft lieber auf der Bühne stehen oder vor der Kamera?

Sven Schelker: Am besten wäre es, wenn beides parallel funktionierte. Ich komme tatsächlich vom Theater und das war mein erster Film bisher. Im Moment habe ich aber extreme Lust und auch ein Bedürfnis danach, noch mehr vor der Kamera zu erfahren und auszuprobieren. Das ist noch mal ein großer Unterschied von der Arbeit her, die man zu leisten hat oder die man leisten kann. Wie das nebeneinander klappt, das wird sich zeigen. Aber es wird auf jeden Fall funktionieren, weil ich alles dafür tun werde, dass es funktioniert!

Cafébabel Berlin auf der 65. Berlinale

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