Südeuropa im Visier der Konservativen

Artikel veröffentlicht am 1. August 2005
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Artikel veröffentlicht am 1. August 2005

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Die katholische Kirche spricht offen gegen die Homo-Ehe in Spanien, gegen Abtreibung in Portugal und Stammzellenforschung in Italien. Und die Konservativen hören zu.

Seit sie das Vergnügen hatten, sich kennen zu lernen, haben die katholische Kirche und konservative Weltanschauungen ein gutes Paar abgegeben. Und vielleicht ist es sogar ihre Freundschaft, die auf unserem Erdwinkel die tiefsten Spuren hinterlassen hat.

Fortschritt oder Rückschritt?

Schon seit langer Zeit werden die Länder des Mittelmeerraumes - insbesondere Italien, Spanien und Portugal – tendenziell mit stark traditionellen Werten assoziiert. Zum Großteil liegt das an ihrem religiösen Erbe, das in ihren Gesellschaften lange Zeit die Rolle der Frauen bestimmt hat. Andere Länder wie Irland oder Polen gehören zur selben Kategorie. Die skandinavischen Länder hingegen gelten im kollektiven Unterbewusstsein der Südeuropäer als das „El Dorado“ des Liberalismus und der sozialen Gleichberechtigung. Sie verkörpern ein für uns alle erstrebenswertes Ideal, das sich aber überwiegend außerhalb unserer Reichweite befindet. Denn trotz der immensen Schritte, mit denen sich die südeuropäischen Gesellschaften in den letzten zwei Jahrzehnten dem Norden angenähert haben, liegt noch ein bedeutendes Stück Weg vor ihnen. Weiterhin bestehen etliche ungelöste Fragen; einige von ihnen sind während der letzten Monate deutlich zu Tage getreten.

Künstliche Befruchtung, Abtreibung und Familie

Die Gesetzgebung zur Abtreibung ähnelt sich in Portugal und Spanien stark. Während jedoch die Diskussion darüber in Spanien vorerst beendet zu sein scheint und fast niemanden mehr interessiert, treibt das Thema in Portugal die jeweils amthabende Regierung um wie ein vergifteter Bumerang, der die größte aller Kontroversen im Land auslösen könnte.

Mithilfe einer Volksbefragung will die kürzlich gewählte sozialistische Regierung im nächsten Jahr den Weg dafür ebnen, den Portugiesinnen den Schwangerschaftsabbruch zu erlauben. Wenn es die Kirche und die Konservativen zulassen, werden damit nicht nur die heimlichen Abtreibungen unter gesundheitsschädlichen Bedingungen bald der Vergangenheit angehören. Auch die holländischen Boote mit Abtreibungsaktivisten, die von der Armee mit der Vertreibung aus den portugiesischen Gewässern bedroht wurden, sowie die Tausenden von Portugiesinnen, die zur Abtreibung die Grenzen überqueren, werden dann Geschichte sein. Aber soweit ist es noch lange nicht: Die Diskussion verspricht erneut heftig zu werden, und ein Sieg der Abtreibungsgegner ist angesichts des bewährten Tandems aus Kirche und Konservativen relativ wahrscheinlich.

Ein anderer Schauplatz des gemeinsamen Kampfes von Kirche und Konservativen war die Debatte um die Homo-Ehe in Spanien. Gemeinsam mit der christdemokratischen Volkspartei (Partido Popular, PP) sowie dem selbsternannten spanischen Familienforum gelang es der Kirche von neuem, Zehntausende von Personen gegen die Verabschiedung zu mobilisieren. Papst Benedikt XVI. billigte dieses Vorgehen persönlich; es fehlte nur noch, er hätte Spanien als neues Reich des Bösen auf der Erde bezeichnet, seitdem diese Gesetzesinitiative eingebracht wurde und schließlich letzten Juni in Kraft trat.

Der Kampf gegen die Stammzellenforschung oder gegen die künstliche Befruchtung sind weitere Gebiete, auf denen sich die kirchlichen Eliten vor Eifer überschlagen haben, den Positionen der konservativen Parteien den Rücken zu stärken. Man muss sich lediglich an das gerade stattgefundene italienische Referendum erinnern, bei dem der Vatikan aktiv für die Stimmenthaltung geworben hat - eine Enthaltung, die letztendlich das Ergebnis der Befragung ungültig machte.

Bessere Zeiten

Sicherlich bleibt nicht alles beim alten. Einigen europäischen Länder fällt es schwerer das zu erreichen, was andere schon vor vielen Jahren erlangt haben. Aber es bewegt sich etwas, der Stillstand kann nicht ewig anhalten. Vielleicht wird es Portugal im nächsten Jahr gelingen, „seine große Kontroverse“ hinter sich zu lassen, und nach einigen Jahren wird es sich nicht einmal mehr an den Aufruhr erinnern, den sie hervorrief. Spanien für seinen Teil erlebt scheinbar eine goldene Zeit des sozialen Liberalismus, nachdem vorher acht Jahre lang die Konservativen die Macht innehatten. Italien wiederum – das Land, das noch vor gar nicht allzu langer Zeit das fortgeschrittenste unter den genannten Ländern war - scheint in Lethargie verfallen zu sein. Doch auch wenn der Vatikan zu nahe liegt und Berlusconi an der Macht bleibt, werden unzweifelhaft auch hier bessere Zeiten kommen.