Sudan: Die EU zwischen Gedächtnisverlust und Snobismus

Artikel veröffentlicht am 26. Juli 2004
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Artikel veröffentlicht am 26. Juli 2004

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In der Region Darfur toben die ethnischen Säuberungen. Europa aber ist abgelenkt: Über den Irak sprechen ist mehr en vogue... Brüssel muss jetzt zu seiner Verantwortung stehen.

Der Sudan. Das größte Land des afrikanischen Kontinents. Ein Land, das sich gerade jetzt, wo nach einem mehr als zwanzigjährigen Bürgerkrieg der Frieden zwischen Norden und Süden schon greifbar schien, einer schweren humanitären Krise in der westlich gelegenen Region Darfur gegenüber sieht. Eine Krise, die wie gewöhnlich von den Medien übergangen wird, die lieber über den jüngsten Anschlag im Irak berichten. Es konnte denn auch geschehen, dass eines der "Grenzländer" der europäischen Union, Italien, beschloss, eine Gruppe von 37 Afrikanern, die erklärten Sudanesen auf der Flucht vor einer ethnischen Säuberungsaktion zu sein, nicht als Flüchtlinge anzuerkennen. Die Tatsache, dass die Flüchtlinge aus anderen Ländern kamen, ändert nichts am italienschen Zynismus, der sich offenbarte.

Der Westen redet, Karthum verspricht

Unterdessen beobachten wir die unerbittliche Fortsetzung eines der traurigsten Kapitel des ehemaligen „Oberägypten“, Heimat der schwarzen Pharaonen und in jüngster Zeit, vor dem 11. September, Zufluchtsort des Patriarchen des internationalen Terrorismus, Osama Bin Laden. Ein sogenannter „Waffenstillstand“ zwischen von der Regierung in Karthum bezahlten Milizen und in kleinsten Widerstandsgruppen organisierten Guerillakämpfern, die beschuldigt werden, den Startschuß zu einem Aufstand Anfang des Jahres 2003 gegeben zu haben, hat weder das Massaker an Tausenden verhindert noch die Flucht von über einer Million Menschen, die während des letzten Jahres in den Tschad oder die östlicheren Gebiete des Sudan strömten.

Die nutzlosen Besuche Powells und Annans, die Empfehlungen der Afrikanischen Union und der Vereinten Nationen haben nur bewirkt, dass die Regierung Unmögliches versprochen hat angesichts einer Lage, die, wie es heute aussieht, den „zuständigen Mitarbeitern“ entglitten zu sein scheint. Die Gruppen von arabischen Guerilleros, die Janjaweed, die im Sold der Regierung stehen und zu Pferd unterwegs sind, mit Schwertern bewaffnet und von mit bis an die Zähne bewaffneten Milizangehörigen in vollgepackten Pick-ups begleitet, nehmen mittlerweile von niemand mehr Befehle entgegen. Sie überfallen die Dörfer, beschlagnahmen alle Nahrungsmittel, füllen ihre Wasservorräte auf und hinterlassen eine endlose Blutspur, die nicht einmal vor den örtlichen Moscheen Halt macht.

Der Frieden in der Wüste

Es herrscht seitens der Europäischen Union ein Klima der anmaßenden Unbestimmtheit, was die humanitäre Krise in Darfur angeht. Ihre politische Haltung gegenüber der Regierung von Omar al-Beshir hat den Schleier nicht einmal gelüftet, den Karthum bis heute über die Frage der Menschenrechte gebreitet hält in einer Region, in der die Scharia nach der brutalsten Auslegung des Korans angewandt wird. Unterdessen eignen sich die geführten Besuche westlicher Vertreter, von der Regierung mit großem Aufwand vorbereitet, um zu beweisen, wie friedlich es in der Wüste zugeht, eher dazu, zu zeigen, dass die Anschuldigungen der Fremden nur Erfindungen sind, die darauf abzielen, die Regierung zu destabilisieren.

In Wahrheit durchlebt die sudanesische Bevölkerung von Darfur heute eines der schrecklichsten Kapitel in der Geschichte der Menschheit, ohne dass die internationale Gemeinschaft entschlossen eingreift. Der vorgebliche Frieden zwischen Norden und Süden, unterzeichnet in Nivasha in Kenia zur Beendigung des Bürgerkriegs, der in der Vergangenheit ungefähr vier Millionen Flüchtlinge im eigenen Land und zwei Millionen Tote hervorgebracht hat, hat sicherlich, wie versprochen, den Hahn der Wirtschaftshilfen für die Regierung in Karthum wieder aufgedreht. Obwohl der größte Teil davon für Entwicklungsprojekte bestimmt ist, ist jedoch nicht auszuschließen, dass sie benutzt werden, um die "neue Front" einzudämmen, die sich im Westen, in Darfur, aufgetan hat. Die Rolle der Europäischen Union bleibt in dieser wie auch in vielen anderen Notsituationen auf dem afrikanischen Kontinent zweitrangig und schließt sich nicht immer den Lösungsvorschlägen, die ihre auf dem Kontinent vertretenen Mitgliedsstaaten vorangetrieben haben, an.

Die Grenzen der regionalen Integration

Wird Europa es schaffen, wenigstens jetzt einzugreifen, bevor die gesamte schwarze Bevölkerung Darfurs von den arabischen Milizen mit Unterstützung der Regierung Beshir buchstäblich aus der Region weggefegt wird?

Der Sudan ist eine Bombe aus 38 Millionen Menschen, bereit, zu explodieren und Menschenströme in Richtung alte Welt zu treiben. Wird es das neue Europa der 25 schaffen, die vorgefertigte Prägung der internationalen Geopolitik „made in USA“ zu überwinden und neue Methoden und Strukturen zu entwickeln, um sich mit dem vergessenen Kontinent des Planeten auseinanderzusetzen? Die von der Afrikanischen Union geforderte regionale Integration, die ja dem Modell der EU folgt, scheint ohne Hilfe von außen nicht zu funktionieren. IGAD, das sieben Länder am Horn von Afrika verbindet, ist die offenkundige Bestätigung dessen: ohne das Eingreifen Italiens, Norwegens, des Vereinigten Königreichs und der Vereinigten Staaten wäre der Frieden von Naivasha nie erreicht worden.

Sicher hat sich die Afrikanische Union aktiver als andere internationale Körperschaften gezeigt, als es darum ging, die Aufmerksamkeit auf die Krise von Darfur zu lenken; es trennen sie jedoch noch Lichtjahre vom Erfolg der EU im Bereich von Frieden und Wohlstand.