Stuck in the Sound: Französischer Indie-Rock zwischen Phoenix und Freud

Artikel veröffentlicht am 6. Juni 2012
Artikel veröffentlicht am 6. Juni 2012
Die vier Pariser Jungs der Gruppe Stuck in the Sound, die während ihrer Zeit an der Universität ihr erstes Album beim unabhängigen französischen Plattenlabel „Discograph“ veröffentlichten, etablieren sich nun mit ihrem neuen Album Pursuit in der Musikszene und träumen von internationalem Erfolg à la Phoenix oder M83. Mit dem Ehrgeiz „alles aus dem Weg zu räumen, was ihnen in die Quere kommt“.

Im Alba Opéra, dem charmanten kleinen Hotel mit der typischen Pariser Atmosphäre, eingeklemmt zwischen Opéra, Montmartre und Pigalle, treffe ich José Reis Fontao und Emmanuel Barichasse der Pariser Band Stuck in the Sound, die eigentlich aus vier Mitgliedern besteht. Die Tatsache, dass Arno Bordas (Bass) und François Ernie (Schlagzeug, Backingvocals) aus persönlichen Gründen nicht anwesend sind, ist kein Zeichen von Hierarchie innerhalb der Gruppe. Jedenfalls versichert José „es gibt keinen Anführer innerhalb von „Stuck“. Wenn jemand nicht zufrieden ist, verschwindet das Stück einfach, alle müssen einverstanden sein.“ Auf Anhieb.

Von links nach rechts: Emmanuel Barrichasse (Gitarre), José Reis Fontao (Gitarre/ Gesang), Arno Bordas (Bassgitarre) und Francois Ernie (Schlagzeug).

Die Geschichte begann vor etwa zehn Jahren in der Nähe von Paris, mit jenen kleinen Auftritten, die alle Rockbands am Anfang ihrer Karriere erst einmal spielen müssen. Die vier Kumpels beschließen, alles hinzuschmeißen, Jobs und Studium, um sich ganz und gar ihrer einzig wahren Mission zu widmen: Emotionen rüberzubringen und den Leuten mit ihrer Musik Freude zu bereiten. Nach der Veröffentlichung ihres ersten Albums Nevermind the Living Dead machte die Gruppe zunächst durch Auftritte auf Festivals auf sich aufmerksam, egal ob beim Rock en Seine, den Vieilles Charrues oder den Eurockéennes. „Bei Rock en Seine haben wir uns wie kleine Jungs gefühlt, weil wir mit Queens of the Stone Age und den Pixies gespielt haben, das war wie Disneyland für uns.“ Zwei Gruppen, die die Pariser Jungs genauso beeinflusst haben wie die Smashing Pumpkins, Nirvana, Sonic Youth oder auch Caetano Veloso, ein brasilianischer Sänger.

"Wie in einem Videospiel"

Der Kontakt mit so vielen verschiedenen Musikszenen ermöglichte Stuck in the Sound viele Stücke mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zu komponieren. „Jedes Lied und jedes Werk hat seine eigene Geschichte“ - die Idee konnte von Manu oder José kommen, aber auch genauso gut „bei einer gemeinsamen Jamsession oder beim Improvisieren zwischendurch."

„Der Stil von Stuck setzt sich wie ein Puzzle aus einer musikalischen Collage zusammen, die aus Melodien und Stimmen oder einfach nur aus einer gelungenen Improvisation bestehen kann“. Achtung allerdings vor leichtfertigen Vergleichen oder dem Abstempeln von „Stuck“ als "typische" Indie-Band. Ihre Musik hat zwar Ähnlichkeit mit dem Indie-Rock, unterscheidet sich aber durchaus von allem Altbekannten aus dieser Szene. Im Endeffekt handelt es sich hierbei um das musikalische Zusammentreffen von vier jungen Männern am Puls der Zeit, die sich als Künstler frei ausleben wollen und in der eher unbekannten Pariser Musikszene aktiv sind.

Emmanuel, der mit dem amerikanischen Indierock der 1990er Jahre aufgewachsen ist, erklärt, dass er genauso gerne "super experimentelle Lieder wie Popballaden spielt". Im Grunde genommen haben sie mit Pursuit vermieden, wieder in die Schiene ihres vergangenen Albums zu rutschen. Denn während sie zuvor nicht mutig genug waren, nahmen sie dieses Mal das Risiko auf sich, musikalisch zu wachsen.

Infolge der ersten unveröffentlichten und noch schludrig produzierten Platte und einer Zeit, in der der Indie-Rock in Frankreich nur einigen Insidern in den Medien bekannt war, schufteten die Stucks wirklich hart. Nach vier langen Jahren des Experimentierens im Tonstudio veröffentlichten sie schließlich ihr erstes wirkliches Kunstwerk.

„Es verlief schrittweise, wie in einem Videospiel haben wir die Dinge überwunden um die nächsten Stufen zu erreichen. Wir haben immer daran geglaubt und uns erhobenen Hauptes hineingestürzt". Eine Opferbereitschaft, die Pursuit laut José zu "einem Album des Könnens und ohne Zweifel dem Gelungensten" macht. Diese Platte wird ihnen sicherlich ermöglichen, in Zukunft noch mehr Alben auf den Markt zu bringen.

Irgendwo zwischen den Inrocks, Phoenix und Freud

"Wer glaubt, dass wir ein Album mit Popsongs gemacht haben, um die breite Masse zu erreichen, liegt falsch", so José Reis Fontao. Das Album kennzeichnet auch den 10. Geburtstag der Gruppe (2002-2012), "zehn Jahre Arbeit, vier Typen, die zusammen schuften und sich ziemlich gut kennen". Es ist offensichtlich, dass die Stucks die Musik spielen, die sie lieben. Der Klang ist ein bisschen wie ihr "persönlicher Freud", ihre Therapie, ihre Psychoanalyse. "Sie werden erst dann aufhören, wenn sie sich so verloren fühlen, wie jene sich selbst genügenden Gruppen", die sich abschotten oder an den künstlerischen und kommerziellen Zwängen zugrunde gehen, weil sie nicht mehr den nötigen Abstand zu ihrer Musik haben.

Sie lehnen das heutige Musikbusiness trotzdem nicht ab, da sie genau wissen, dass „das Internet heutzutage unentbehrlich ist, um Trends zu setzen." Es sei ihre Aufgabe, den Zuhörern Spaß und Freude zu bringen. Gleichzeitig aber würden sie es hassen, eine Karriere wie Coldplay hinzulegen. Ganz besonders José, der zugibt: "In gefüllten Stadien zu spielen, würde mich unglaublich nervös machen.“

José und seine drei Kumpanen wünschen sich vor allem, dass der Stil von Stuck überall ein bisschen bekannter wird. Noch wichtiger sei ihnen aber, weiterhin gute Musik zu machen: "Die Fans sind nach und nach gekommen und es werden immer mehr." Zu ihrer Anfangszeit hatten sie hauptsächlich junge Fans, aber dann sind auch Vierzigjährige dazugekommen.

Außerdem möchte Manu möglichst unterschiedliche Leute erreichen und nicht nur den Durchschnittsfranzosen. Die vier Musiker liebäugeln mit dem internationalen Erfolg ihrer Kollegen Phoenix und M83. Wie auch immer: Als Teilnehmer des Wettbewerbs CQFD 2004 [Ceux qu’il faut découvrir, zu Dt.: Die es zu entdecken gilt] der Zeitschrift Les Inrocks, hat die Gruppe bereits ein gutes Stück des Weges zurückgelegt. Mit ihrer Single „Toy Boy“ sind sie direkt ins Rampenlicht gerückt.

Heute haben Stuck in the Sound ihr eigenes Label, das sich von den Großen abgrenzen und mehr Underground machen will. Ihr Label ist immer auf der Suche nach purem und authentischem Rock und damit meilenweit von kommerziellen Standards entfernt.

Illustrationen: ©Julien Mignot außer dem Albumdisplay ©mit freundlicher Genehmigung von Discograph; Videos: Pursuit (cc)pierrecable/YouTube, Toyboy (cc)golobl/YouTube