Stromae: “Vorbild? Ich? Mit 25 sollte man die Klappe halten und zuhören”

Artikel veröffentlicht am 3. Februar 2011
Artikel veröffentlicht am 3. Februar 2011
‘Alors On Danse’ war der belgische Hit des Jahres 2010. Der hagere Sänger Stromae möchte sich jedoch weiterentwickeln und den Eurodance-Song, der im letzten Jahr die Charts in vielen Ländern eroberte, hinter sich lassen - und von zu Hause ausziehen. Interview.

Hin und wieder erblickt eine Dance-Hymne das Licht der Welt, deren Rhythmus die Mauern von ganzen Jahrzehnten zum Vibrieren bringt: So war es 1997 mit 'Remember Me' des schottischen DJ Blueboy oder dem fantastischen 'Dragostea Din Tei' der moldawischen Band O-Zone aus dem Jahr 2004. Na gut, das ist eine eher merkwürdige Zusammenstellung, aber eine Gemeinsamkeit wird deutlich: Ein sich immer wiederholender Rhythmus wird mit einem fremdsprachigen Songtext aufgepeppt. 2010 gingen die Lorbeeren an den belgischen Musiker Stromae. Seine Single ‚Alors On Danse‘ stürmte die Spitze der Charts in 15 der 27 EU-Länder. Paul van Haver, das Alter Ego von Stromae, gibt zu, dass er es sich nicht erträumt hätte, dass ein französischsprachiger Hit in Europa so erfolgreich sein könnte. „Es war wohl seine Exotik und Originalität“, erklärt er auf den Transmusicales in Rennes. „Ich würde mir wünschen, dass die Leute die Botschaft des Songs verstanden haben, zumindest durch das Video.“

Der Name des Buena Vista Social Club Sängers fällt während des Interviews des Öfteren

Alle lieben Stromae

Im Musikvideo zeigen uns Split Screens, wie sich Paul, angefangen mit dem mühsamen, weil stumpfsinnigen Schreibtischjob, durch das tägliche Leben schleppt. Am Ende seiner Reise durch die Straßen tritt er in einem Club auf, bevor man ihn schließlich wieder auf seinen Schreibtischstuhl zurückverfrachtet. „In diesem Song geht es um Nachtclubs“, sagt der 25-Jährige aus Brüssel, dessen Pullis im Rentier-Stil, knallige Socken und bequeme Mokassins über seinen schmächtigen Körperbau hinwegtäuschen. „Ich habe früher viel in Clubs gefeiert. Ich habe Leute wie mich trinken sehen, die vortäuschten glücklich zu sein. Aber ich habe auch die Traurigkeit in ihren Augen erkannt. Anfangs habe ich das kritisiert, aber dann fing ich an mich dafür zu interessieren. Bei vielen Leuten geht es darum seinen Lebensunterhalt zu verdienen.“

Nach dem Konzert auf den Transmusicales wird Stromae heute nicht zurück auf seinen Schreibtischstuhl befördert. Trotzdem gibt er sich angesichts seines gigantischen Erfolgs in ganz Europa bescheiden. Sein grandioser Künstlername Stromae ist übrigens ein Anagramm des Wortes "Maestro" und Ausdruck der Vorliebe der französischsprachigen Jugendkultur, Wörter zu verdrehen [Verlan für à l'envers; A.d.R.]. Paul behauptet, nur wenig Englisch zu sprechen, und dass er „nicht so gut“ sei, im Interview schlägt er sich aber sehr gut. Gerne übernimmt er auch das Mikro, um eine Pressekonferenz zu leiten. Lieber aktiv mitbestimmen, als von der Masse bestimmt zu werden. „Jean-Luc Brossard [der Organisator des Festivals] hatte echt Mut, jemanden wie mich zu engagieren, jemanden, der so populär ist“, kommentiert er seinen Auftritt auf dem viertägigen Indoor-Musikfestival. Stromae hat die Einladung dankbar angenommen, um gegen sein Mainstream-Image - das Teenager-Vorbild - anzukämpfen. „Bei meinen Shows waren viele Jugendliche, aber dann kamen auch neugierige Erwachsene. Ich möchte gerne alle ansprechen.“ Dazu noch ein Wort zur Arbeitsmoral: „Ich habe alles selbst geschrieben und komponiert. Ich schlafe, arbeite und atme meine Arbeit. Man muss alles wie in der Schule üben. Ich sage nachts meine Texte auf und wenn ich einen Fehler mache, fange ich wieder von vorne an.“

Belgien, nicht Ruanda

Stromae vermutet, dass der exotische Touch seine Musik beim europäischen Publikum so erfolgreich macht. Aber eigentlich ist 'exotisch' wieder ein Siegel, dass Stromae fälschlich verpasst wurde. Sein Vater kommt aus Ruanda, aber für Stromae spielt das keine große Rolle. „Ich fühlte mich mit Ruanda niemals verbunden. Meine Familie ist belgisch und lebt hier“, erwidert er ehrlich und bestimmt. Wenn er als Vorbild gelte, dann liege das an den Medien und seinem Erfolg. „Mit 25 sollte man die Klappe halten und zuhören.“ Er lächelt. „Ich würde niemals behaupten, ich wollte jemandem etwas beibringen. Die einzige Botschaft, die ich verbreiten will, ist, zu lächeln und 'Cheese' zu sagen. Ich glaube auch, dass jeder Musik machen kann. Ich bin dafür das beste Beispiel.“ Paul begann mit 16 Jahren zu rappen; Percussion spielt er seit seinem 12. Lebensjahr. Er wuchs in einem Elternhaus auf, in dem eine Mischung aus französischem Rap und Latin gespielt wurde. 'Umfeld' ist ein wichtiges Stichwort, um zu verstehen, wer Stromae heute ist. Zwei seiner Brüder helfen ihm, seine Karriere zu managen. Außerdem lebt er noch zu Hause - aber das nicht mehr lange.

Jetzt muss der Mann nur noch aus seinem Kokon schlüpfen. Wenn es um Texte geht, sollte man Stromae auf jeden Fall im Kopf behalten. In einem Song seines neuesten Albums singt er über Pädophilie und häusliche Gewalt aus Sicht eines kleinen Kindes. „Ich habe meine Familie und Freunde gefragt, ob es zu extrem und schockierend ist, über sexuellen Missbrauch im Elternhaus zu sprechen. Aber ich glaube, das Tabu ist das Hauptproblem“, erklärt er enthusiastisch. „Es ist ein trauriges Thema. Bestimmt kennt jeder jemanden, der so etwas mal erlebt hat.“ Für Stromae steht nun ein Jahr voller Auftritte und Festivals an. Mit Sicherheit wird er weitere Hallen voller erhobener Arme erleben, die sein bescheidenes, jedoch selbstbewusstes Ego so erfreut haben wie hier in Rennes. Er hat Potenzial, ist charismatisch und laut eigener Aussage ein Nobody. Das Gegenteil beweist Stromae jedoch damit, dass die Menschen auf seinen Konzerten bis zum Morgengrauen tanzen.

Fotos: (cc) @Dati; ©Renata Burns; Album ©Stromae auf myspace