Streetwork hilft den verlorenen Kindern Krakaus

Artikel veröffentlicht am 6. August 2014
Artikel veröffentlicht am 6. August 2014

Groß zu werden ist überall auf der Welt nicht so einfach. Aber was passiert mit Kindern, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen und die sich nicht auf ihre Eltern verlassen können?  Kinder, die sonst alles auf der Straße lernen, werden in Krakaus gefährlichstem Stadtteil von Sozialarbeitern begleitet.

Ein großer blonder Junge kommt schüchtern lächelnd in den Raum. Er schüttelt allen die Hände, zieht seine Jacke aus, legt seine Cap ab und legt seinen Rucksack auf die Couch. Als er nach seinem Schultag gefragt wird, antwortet er wie fast Schüler: „Es war okay“. 

Wir befinden uns etwa 14 Kilometer von Krakaus Zentrum entfernt. Das Büro von Streetwork ist direkt neben dem Bienczycki Markt des Howa Huta Viertels, das nach Ansicht vieler Krakauer der schlimmste Stadtteil der Stadt ist. Der Name des Viertel heißt übersetzt „neue Stahlmühle“ und wurde 1949 als Modellstadt der damaligen sowjetischen Regierung aufgebaut. Die großen zehngeschossigen Blocks beherbergen zusammen 200.000 Menschen, was diesen Teil der Stadt zu einem der meist besiedelten Orte Krakaus macht. Die Tür zum Büro ist mit Postern beklebt, die junge Menschen zeigen, die hier ein und aus gehen. Drinnen ist es hell und geräumig. Der Raum erscheint in einem warmen grün. Das hier ist eine Oase des Kümmerns und des Mitgefühls in einer schwierigen Umgebung. 

Das Projekt ist im Januar 2012 angelaufen und hat an allen Wochentagen und manchen Samstagen geöffnet, um junge Menschen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren zu motivieren, ihre Schule abzuschließen, einen Abschluss zu machen und einen Plan für ihre Zukunft zu entwerfen. Das Projekt ist in vier Gruppen unterteilt. Team B zeigt stolz ihre Photos, die jungeTeilnehmer beim Fußball spielen zeigen. Außerdem wurden Tagesausflüge und Jugendliche beim Graffiti-Sprühen dokumentiert. 

Hoffnung in den Wohnblocks

„Das ist kein Spielplatz“, erklärt Lukasz Kisiel, einer der Sozialarbeiter, der für Nowa Huta arbeitet. „ Wir müssen auf die Straße gehen, um sie zu finden. Sie kommen hier um Hausaufgaben zu machen, zu lernen, einen Lebenslauf zu schreiben, Tee zu trinken oder einfach beim Dartspielen oder Tischfußball zu entspannen“. Auch ein Psychologe ist dort, um den Problemen zuzuhören und professionelle Hilfe für junge Menschen anzubieten.

Drei Zweiergruppen haben sich unter den Sozialarbeitern gebildet, die sich jeweils aus einem Mann und einer Frau zusammensetzen. Sie konzentrieren sich auf die problematischen Gegenden: Parks, Spielplätze und rings um die Supermärkte.

„Am Anfang wusste keiner, wohin wir gehen sollten, denn wir mussten den Stadtteil erst verstehen“, sagt Lukasz. „Unsere Ziele sind nicht unbedingt junge Menschen aus armen Familien, denn manchmal haben reichere Familien größere Probleme. Die Jugendlichen sind nicht unbedingt Kriminelle, aber sie könnten es werden“, befürchtet er. 

Jeder könnte ein Außenseiter sein

Das Projekt hat 2001 mit Freiwilligen begonnen, die sich um Obdachlose auf der Straße in den Wintermonaten gekümmert haben. Fünf Jahre später, nachdem das Problem erforscht wurde und sich vieles von der deutschen Erfahrung mit Menschen auf der Straße abgeschaut wurde, haben sie auch hier angefangen mit jungen Menschen zu arbeiten. Lukasz Hobot war einer der ersten sechs Sozialarbeiter in Krakau und organisiert jetzt das Projekt. Er versteht das Problem in seiner Tiefe.

„Wir hatten keine genauen Angaben über die Probleme hier im Viertel“, erzählt er, als er sich an die Anfänge von Streetwork erinnert. „Natürlich haben sich die Methoden geändert, die Orte haben sich auch verändert. Die Leute mit denen wir arbeiten, ändern sich ebenfalls“, erzählt er weiter.

Krakau ist eine relativ junge Stadt, in der 13 Prozent der Bevölkerung zwischen15 und 25 Jahre alt sind. Aber die Zahl der jungen Menschen alleine ist nicht das Problem. Das Hauptproblem ist, dass das Projekt lediglich in fünf der 18 Bezirke der Stadt arbeitet. In der Zwischenzeit hat das Projekt finanzielle Unterstützung der Stadt und Zuschüsse von NGOs erhalten. Mehr Geld kam allerdings von der EU, vor allen Dingen vom European Social Fund

„Wir müssen diese Kinder irgendwie motivieren, weil sie zu viel Zeit auf der Straße verbringen“, erklärt Hobot. „Sie haben Probleme, aber das heißt nicht, dass sie schlechte Menschen sind. Sie erschaffen ihre eigene Welt und haben Angst nach draußen zu gehen. Sozialarbeiter sind die einzigen Menschen, die ihnen ihre Augen öffnen können. Die Kinder  müssen eine Balance in ihrem Leben finden. Alle können Außenseiter sein. Man muss keiner ethnischen oder kulturellen Minderheit angehören, um ein Außenseiter zu sein.“  

Kreativität fördern und Entwicklung fördern

Sozialarbeiter brauchen herausragende soziale Fähigkeiten, da ihr erster Kontakt mit den Kindern auf der Straße bereits wichtig ist. Mundpropaganda ist normalerweise die beste Möglichkeit, um das Projekt bekannter zu machen. Obwohl Jugendliche neugierig sind, ist es nicht einfach an sie heranzukommen, und es ist gerade für die Sozialarbeiter wichtig, Vertrauen zu gewinnen. Die meisten Jugendlichen in dem Viertel sind hier, weil sie nicht wissen, wohin sie sonst gehen sollten. Ihr tägliches Leben ist schwierig und sie verlieren leicht den Kontakt zu einer Welt außerhalb ihres Viertels. Um dagegen vorzugehen, werden sie dazu ermuntert, mit neuen Ideen das Programm zu verbessern. Die Idee dahinter ist, ihre Kreativität zu fördern und Fähigkeiten zu entwickeln, um zu zeigen, dass es alternative Lebensentwürfe gibt, die nichts damit zu tun haben, sein Leben zu verschwenden und in Parks abzuhängen.

Das letzte Projekt war ein Kletterkontest. Die jungen Menschen wurden dazu ermutigt, sich zu organisieren und sich in kleinen Teams zu organisieren. Die Teams waren mit Absicht kleiner, als die Gruppen von zehn bis zwanzig Jugendlichen, die normalerweise auf der Straße zusammen abhängen. 

Kleine Siege gegen große Probleme

Eine Studie über Streetwork unter jungen Menschen, die sich an dem Projekt beteiligen, zeigt eine Vielzahl an Problemen im täglichen Leben. 92,5 Prozent weisen Verhaltensauffälligkeiten auf, 85,7 Prozent haben Probleme in der Schule, und fast dieselbe Anzahl, hat Probleme mit ihren Familien. Acht von zehn befragten jungen Menschen denken, dass sie einen Psychologen brächten. Sieben von zehn hatten bereits Probleme mit Drogen, und mehr als die Hälfte der Befragten gab an, in Gruppen mit der Kommunikation Probleme zu haben.

Sozialarbeiter haben schon mehr als 600 Menschen geholfen, ihr Leben zu verbessern. Sie haben diesen jungen Menschen gezeigt, dass es eine Alternative dazu gibt, betrunken in Parks abzuhängen und kriminell zu werden. Eigentlich ist es aber gar nicht so einfach zu sagen, wie vielen Menschen Streetwork wirklich geholfen hat. Für diese Organisation ist jede positive Veränderung eine Verbesserung, auf die sie stolz sind. 

DIESE reportage IST TEIL DES DOS­SIERS 'EU­TO­PIA: TIME TO VOTE', DURCH­GE­FÜHRT FÜR CA­FE­BA­BEL IN KRA­KAU IM MÄRZ 2014 MIT FREUND­LI­CHER UN­TER­STÜT­ZUNG UN­SE­RER PART­NER DES AU­SSEN­MI­NIS­TE­RI­UMS FRANK­REICHS, DER EU­RO­PÄI­SCHEN KOM­MIS­SI­ON, DER STIF­TUNG HIPP­CRÈNE UND DER STIF­TUNG CHARLES LEO­POLD MAYER.