Streetart-Protest: Sound-Bomben regnen auf Berlin

Artikel veröffentlicht am 10. November 2015
Artikel veröffentlicht am 10. November 2015

Je zahlreicher die Vertreter der Willkommenskultur werden, desto lauter wird auch der Protest gegen die Aufnahme von Flüchtlingen. Das Berliner Streetart-Kollektiv Turn the Tide glaubt, dass man nur dann ernsthaft Flüchtlinge abweisen wollen kann, wenn man keine Ahnung vom Krieg hat. Wie sich der in der Realität anfühlt, will das Kollektiv mit seinen nächtlichen Sound-Graffiti-Aktionen zeigen. 

Wer in der Nacht vom 3. November zufällig über die Oberbaumbrücke gelaufen ist, der ist sicher auf halber Strecke von Bombengedröhne und lauten Schüssen aufgeschreckt worden. Immer wieder knattern Gewehre, unterbrochen von historischen Sätzen wie "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten" oder "Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt". Nach einer weiteren Gewehrsalve beginnen zwei Frauen heftig auf Arabisch zu diskutieren, im Hintergrund Orgelklänge und schreiende Menschen. Dann Sirenen und Schreie. Immer wieder Schreie. 

Spätestens an diesem Punkt ist der Feierabendrausch verflogen und hat einem wachsenden Unwohlsein Platz gemacht. An einem der Brückenpfeiler klebt das Graffiti einer ihr Gewehr präsentierenden Soldatin, die Augen von einem roten Balken verdeckt. Woher der Sound kommt, das Schüsserattern und Schreien, lässt sich kaum eruieren. Irgendwo an der Decke muss er hängen, der Lautsprecher. 

Die Angst vor dem Krieg ist Grund genug zur Flucht

Die Mitglieder des politischen Streetart-Kollektivs Turn the Tide haben lange überlegt, wie man all den Berlinern, die immer noch glauben, dass Syrer und Afghanen "nur zum Spaß" aus ihren Ländern nach Europa fliehen, die brutale Realität von Krieg und Terror vermitteln kann. "Es geht uns nicht um die Aufgeklärten, sondern um all jene, die das bis jetzt noch nicht gepeilt haben", meint ein Sprecher der Gruppe, deren Mitglieder anonym agieren. Krieg ist grausam, entmenschlichend und in vielen Fällen tödlich. Kein Wunder, dass Menschen davor fliehen. "Bei uns kennen nur viele Leute diese Angst nicht mehr", glauben Turn the Tide. "Aber was wäre, wenn es plötzlich wieder Bomben auf Berlin regnen würde?" 

Vor nicht allzu langer Zeit war ja auch die deutsche Hauptstadt Schauplatz von Kampf, Tod und Vertreibung. In ihre Soundcollagen, die über Noisebombs vor Ort abgespielt werden, haben Turn the Tide daher eine Menge historischer Zitate rund um Mauerbau und -fall eingebunden. Zwischen Kriegsgeräuschen und Nachrichtenschnipseln zur Flüchtlingskrise erhalten die knisternden Radioaufnahmen eine ganz neue, beunruhigende Bedeutung. Warum feiern wir Mauerfall und Wiedervereinigung so ausgelassen, bauen aber gleichzeitig neue Mauern an den Ostgrenzen der EU? 

Mit ihren Plakaten und Noisebombs, die aus nicht viel mehr als einem Lautsprecher, einem Miniverstärker und einem mp3-Player bestehen, wollen Turn the Tide nun regelmäßig durch Berlin ziehen, um mit ihren Aktionen möglichst viele Menschen zu erreichen. Nach der Oberbaumbrücke sollen bald auch andere Orte dran sein. "Es gibt viel zu sagen", sind die Mitglieder des Kollektivs überzeugt. Dabei geht es ihnen auch um die Satire, um die kritische Umdeutung von Darstellungsmethoden aus Medien und Werbung. "Oft werden Symboliken ja gar nicht verstanden oder durchschaut", meint ein Sprecher von Turn the Tide. "Unser Logo zum Beispiel sieht ein bisschen runenmäßig aus. Das könnte natürlich schnell als rechts interpretiert werden."  

Wir müssen lernen, selbst zu denken

Die ideologische Ambivalenz der Symbole ist beabsichtigt, schließlich wollen Turn the Tide Wahrnehmungs- und Welterklärungsmechanismen in Frage stellen. Die Realität ist vielschichtig und vor allem die Flüchtlingskrise kann nicht in ein paar Sätzen erklärt werden. "In diesem Sinne machen wir Werbung für den Menschenverstand", bringt es ein Mitglied der Gruppe auf den Punkt. Es kann nicht schaden, auch mal wieder selbst zu denken. Und nicht die Augen vor den Kriegen zu verschließen, vor denen gegenwärtig viele Millionen Menschen nach Europa fliehen. 

Ich bin ein Berliner - dieser Artikel stammt von unserem cafébabel Berlin-Team.