Streetart in Paris: Malen vor den Wahlen

Artikel veröffentlicht am 3. Mai 2017
Artikel veröffentlicht am 3. Mai 2017

Protest mit Acryl und Tapetenkleister: Streetartist  Combo hält nichts mehr in seinem Atelier. Kurz vor der französischen Stichwahl am Sonntag zwischen Marine Le Pen und Emmanuel Macron muss er raus, auf die Straße und ein Zeichen setzen.

Combo sieht müde aus. Letzte Nacht hat er nicht geschlafen. „Zu viel zu tun“, sagt er, wendet den Blick ab und hastet mit schnellen Schritten durch Paris. Auf 12 Uhr, ein abgenutztes Mauerwerk, wenig Passanten, es riecht nach Pisse. Combo schaut sich um. Keine Polizei in Sicht. Er öffnet seinen Rucksack, holt Plakatrollen hervor, schüttet Kleisterpulver in einen Wassereimer. Die Kleisterbürste taucht ab, dann kleckst Combo das Gemisch an die Wand. Wie einen Bauplan entfaltet er seine Collagen.

Das Motiv: die französische Nationalheldin, Marianne. Die Brust entblößt, in der rechten Hand, die Nationalflagge. „Ich habe eine Marianne mit blonden Haaren, eine mit asiatischem Aussehen und eine mit dunklem Teint gemalt“, sagt er und erklärt: „Das ist unser Nationalsymbol. Die Freiheit, die das Volk anführt. Wir holen uns dieses Symbol zurück und überlassen es nicht den Rechtsextremen, denn sie missbrauchen unsere Flagge und die Marianne, um sich ein Frankreich zurechtzuspinnen, das nicht unser Frankreich ist.“

Marianne 2.0.

Combo will die Nationalheilige in Frankreich updaten. Diversität statt griechische-Göttinnen-Einheitslook. „Das Nationalsymbol modernisieren“ - so nennt er es. Und auch die republikanischen Werte werden gleich mitgeliftet. Gleichheit, Freiheit und Humanität statt Brüderlichkeit. „Der Begriff Brüderlichkeit hat so einen chauvinistischen Touch. Er ist nicht mehr zeitgemäß.“

Auch die zwei restlichen Mariannes nehmen Form an. Es muss jetzt schnell gehen. Die Polizei hat ihn schon öfters geschnappt. Vor Gericht stand er auch. „Aber nur weil es illegal ist, ist es nicht unmoralisch“, sagt Combo, dessen Eltern aus dem Libanon und Marokko nach Frankreich emigriert sind.

Combo ist kein Einzeltäter. Gemeinsam mit seinen Streetart-Kollegen Jaeraymie und Raphael Frederici hat er bereits vor dem ersten Wahldurchgang die offiziellen Wahlplakate mit seinen Figuren überklebt. Jesus auf dem Wasser. „En marche“, vorwärts, eine Anspielung auf Emmanuel Macron. „Im Namen aller Schweine“ - Marine le Pen alias Miss Piggy. François Fillon als Pinocchio, ein Seitenhieb auf die Scheinbeschäftigungsaffäre seiner Ehefrau Penelope.

In Paris ist der 30-jährige Streetartist übrigens kein unbeschriebenes Blatt. Nach dem Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo Anfang Januar 2015 hat er in Paris 600 Plakate mit dem Wort „Coexist“ aufgeklebt. Anstelle des „C" malte er einen arabischen Halbmond, anstatt des „X“ einen Davidstern und des „T“ ein christliches Kreuz.

Nach den Attentaten im November 2015 startete er wieder eine Aktion. Dieses Mal Collagen. Auf Facebook hat er seine Follower dazu aufgerufen, ihm Fotos von sich zu schicken. Stehend und aufrecht. Daraus hat er Collagen angefertigt und überall in der Stadt angebracht. 

Auch diese Woche, wenige Tage vor dem zweiten Durchgang der Präsidentschaftszahlen, wollte Combo wieder raus auf die Straße, um mit Acryl und Tapetenkleister Zeichen zu setzen.

Der Artikel ist im Rahmen eines Recherchestipendiums des Deutsch-Französischen Jugendwerks entstanden. Thema: „Deutschland und Frankreich 2017 – hat die Jugend die Wahl?“.