Straßburger Sinti, Roma und Kalé: Wir waren alle für Hollande

Artikel veröffentlicht am 13. Juli 2012
Artikel veröffentlicht am 13. Juli 2012
„Herzlichen Glückwunsch, Herr Präsident, auch wir wollen an der Zukunft teilhaben“, sagt der kleine Junge aus Forbach im Osten Lothringens im Video, bevor die Männer hinter ihm anfangen die Marseillaise zu spielen - eine Gypsy-Jazz-Marseillaise mit Gitarre und Geige.
Mit dieser etwas anderen Version der Nationalhymne gratuliert der Französische Verband der ZigeunervereineFrançois Hollande zu seiner Wahl zum Präsidenten am 6. Mai. Haben alle Sinti und Roma den neuen Präsidenten so herzlich willkommen geheißen?

Germain Mignot ist Koordinator von Ärzte ohne Grenzen in Straßburg. Sein Büro liegt direkt neben dem Place de la République, im Herzen Straßburgs. Die Roma, um deren ärztliche Versorgung er sich kümmert, seien froh, dass Nicolas Sarkozy nicht wiedergewählt worden ist. Obwohl die meisten keinen Fernseher oder Computer haben, seien sie bestens über Sarkozys Rede in Grenoble im Juli 2010 informiert gewesen.

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Nicolas Sarkozy hatte damals in ziemlich polemischer Weise gefordert, „der illegalen Errichtung von Roma-Lagern ein Ende zu bereiten“. Abschiebungen, Diskriminierung und Räumungen von Siedlungen standen von diesem Moment an ganz oben auf der Tagesordnung.

In Straßburg gibt es aber nicht nur Roma aus Osteuropa, sondern auch Sinti (Manouches), die vorwiegend aus dem Elsass, den deutschsprachigen und den Benelux-Ländern stammen und Kalé, die aufgrund ihrer Herkunft auch oft „les Espagnols“ - die Spanier - genannt werden. Germain zeichnet mir viele Kreuze auf meinen Stadtplan von Straßburg, überall dort, wo Roma, Sinti oder Kalé wohnen.

Das erste Kreuz im Plan ist die Siedlung Polygone im Süden der Stadt. Es ist das einzige Kreuz für Sinti und Kalé, die nur noch während der Sommermonate umherziehen. Bevor ich in die Straße einbiege, die zur Siedlung führt, spricht mich ein Mann an: „Sie wissen schon, dass das eine etwas unsichere Gegend ist? Was suchen Sie?“ - „Den Verein Lupovino“. Er scheint sich der strahlenden Sonne bewusst zu werden und meint, dass ich die Siedlung doch betreten könne.

Rechts graue Einfamilienhäuser, eine Frau klopft einen Teppich aus, links hinter dem Bauzaun ein Bagger, der Schutt aus dem Garten eines der vielen neuen rot- und orangefarbenen Häuser abträgt. „Hier ziehen in weniger als einem Monat 150 Familien ein“, erzählt mir Boualem Ayad, Vizepräsident des Vereins Lupovino, der sich für ein „normales Leben“ der sesshaft gewordenen nomadischen Bevölkerung im Polygone und im Elsass einsetzt.

Stolz berichtet Boualem, wie er bei der Planung der neuen bunten Reihenhäuser mitgewirkt hat: „Meine Aufgabe war es, herauszufinden, wie die Leute jetzt leben und wie sie leben wollen“. So gibt es bei jedem Haus einen Platz für einen Wohnwagen und geheizt wird mit Holz, das man notfalls, wenn kein Geld mehr da ist, selbst im Wald sammeln kann. Funktionieren könne dieses Projekt aber nur aufgrund einer außergewöhnlich guten Zusammenarbeit zwischen Lupovino und den Behörden, betont er.

Wir waren alle für François Hollande

Hinter den Reihen neuer Häuser liegt die Siedlung, wie sie im Laufe der letzten 40 Jahre entstanden ist: Selbst gebaute Häuser mit Blumenkübeln, ein paar Wohnwagen, zwei, drei Hunde, Hühnergackern. Patricia steht im Vorgarten ihres mit Holz verkleideten Hauses und unterhält sich mit einer Nachbarin in der Sprache der Sinti. Ich frage sie nach dem neuen Präsidenten. „Wir waren hier eigentlich alle für Hollande.“ Allerdings setzt sie nicht allzu große Hoffnungen auf Verbesserungen unter dem Nachfolger Sarkozys: „Wenn sie erst einmal gewählt sind, sind sie alle gleich“.

Dem würde Tamara, Anfang 40, die mit ihrem Mann einen Wohnwagen und einen Container bewohnt, widersprechen. Sie ist froh darüber, dass die „Geschenke“, die Sarkozy den Reichen gemacht hat, ein Ende haben werden. Hollande werde sich mehr für die Armen wie sie einsetzen. Allerdings gefällt ihr die Idee, dass Homosexuelle heiraten können, nicht sonderlich gut. Das verstoße gegen ihre Religion, den Protestantismus.

Ein Stück weiter im Polygone fegt eine ältere Dame vor ihrer Haustür. Sie hält François Hollande für einen Verrückten: „Es ist gefährlich, die Grenzen zu öffnen, dann kommen die Araber und es wird weniger Hilfen für uns Franzosen geben.“ Eine offene Grenze zu Deutschland hingegen scheint für sie kein Problem darzustellen: Sie findet Deutschland schön und geht gerne im Schwarzwald spazieren. Außerdem seien Einkäufe dort billiger.

Im Wohnwagen der Vorurteile

Im Wohnwagen der Vorurteile, den der Verein Lupovino anlässlich eines Festes im Park Schulmeister in der Nähe aufgestellt hat, fehlt das Ausstellungskleid – es wurde letztes Jahr gestohlen. Dass das Kleid so aussah wie ihres, wissen die Flamencotänzerinnen, die sich gerade zu wehmütiger Musik grazil auf der Bühne bewegen, wahrscheinlich nicht. Die Tradition des Flamencos ist eng verwoben mit den Kalé.

Vor dem Wohnwagen lerne ich Lindo mit dem schwarzen Hut kennen, der sich zunächst als Antoine vorstellt. Auch er wird nächste Woche den Mietvertrag für eines der neuen Häuser im Polygone unterschreiben. Allerdings hat er vor, sich von dort aus eine Wohnung in einem anderen Viertel zu suchen. Ihm gefallen die immergleichen Gespräche im Polygone nicht, die sich nur um die Bewohner der Siedlung drehen.

Lindo fühlt sich in der „Welt der Arbeit“ verankert, wohingegen die anderen nur an der Flasche hingen. Ich könnte ihm widersprechen, ihm von dem jungen Mann erzählen, der als fliegender Händler Marken-T-Shirts verkauft oder von dem Familienvater, der von den Spielsachen, die er auf Märkten anbietet, mir ein kleines Badekrokodil geschenkt hat.

Espace 16

Schließlich mache ich mich auf den Weg zu einem anderen Kreuz auf dem Stadtplan: ‚Espace 16’ hinter dem Bahnhof ist die einzige legale Roma-Siedlung Straßburgs. Hier leben etwa 20 Familien in weißen Wohnwagen hinter einem hohen grünen Zaun, an dem steht: „Betreten strengstens verboten.“

Durch den Zaun hindurch unterhalte ich mich mit einer jungen Frau in meinem Alter. Sie hält ihre 4 Jahre alte Tochter auf dem Arm. „Wir brauchen eine Arbeitserlaubnis, das wird sich unter Hollande nicht ändern“, sagt sie verbittert, als mein Handy piep piep macht: „Willkommen in der EU“ steht in der SMS. 

Illustrationen: Teaserbild: (cc)nromagna/flickr, Mädchen ©Lupovino, Espace 16 ©Iris Nadolny; Video (cc)gabrielufat/YouTube