Stinkefinger und andere Fingerfertigkeiten aus Europa

Artikel veröffentlicht am 1. April 2011
Artikel veröffentlicht am 1. April 2011
Trotz der audiovisuellen Globalisierung und dem ständigen Informationsüberfluss scheint es, als sei die Körpersprache in Europa immer noch so wirksam wie vor Jahrhunderten. So kann selbst heute noch das Bestellen von zwei Kaffee mit einer einfachen Geste in Streit ausarten. Ein Leitfaden wie man Hände, Kinn und Hintern richtig einsetzt, um Probleme in Europa zu vermeiden.

Ich wollte in eine Londoner Bar zwei Kaffee bestellen. Es war sehr laut und die Kellnerin hat mich nicht verstanden, woraufhin ich ihr mit zwei Fingern ein V geformt habe, das Victory-Zeichen, nur umgedreht, also mit dem Handrücken in ihre Richtung. Zwei Kaffee! Ihr Gesichtsausdruck erstarrte und sie zog die Augenbrauen nach oben, fing sich dann anschließend wieder und antwortete freundlich: „In Ordnung, kommt sofort… Und ein Tipp: Lass diese Geste hier lieber sein.“ Wie bitte?

2 Finger: ein No-Go in London

Auf der anderen Seite des Ärmelkanals erklärt mir ein Franzose nicht ohne Stolz: „Diese Geste hat ihren Ursprung in den Kriegen des Mittelalters: Die englischen Bogenschützen waren sehr gut, ihre Techniken äußerst beliebt; sodass die Franzosen, wenn sie nach einer Schlacht einen Bogenschützen gefangen nahmen, ihm den Zeige- und Mittelfinger abschnitten, um sie außer Gefecht zu setzen. Deshalb provozieren manche französische Hooligans auch heute noch die Engländer in den Stadien, indem sie ihnen das verdrehte Victory-Zeichen zeigen”, sprach's und schloss seine Erklärung mit einem boshaften Lachen ab, wobei er sich wie Napoleon mit einer Hand auf dem Bauch nach hinten lehnte.

Eine andere Version der Geschichte lautet, dass nur der Mittelfinger abgeschnitten wurde. Und ebendieser Mittelfinger hat in ganz Europa als Geste Einzug gehalten: Wenn man einem Portugiesen, Ungarn oder Schweden den Stinkefinger zeigt, wird die Reaktion immer ungefähr die gleiche sein. So auch in den USA, in Lateinamerika und wahrscheinlich überall auf der Welt, wo die Europäer ihre Spuren hinterlassen haben.

Aber es gibt weitere Theorien: Manche behaupten, der Mittelfinger würde nach dem griechischen Dramatiker Aristophanes, einem der bedeutendsten Vertreter der griechischen Komödie, als Geste der Beleidigung gezeigt werden. Angeblich habe er einmal den ausgestreckten Mittelfinger direkt neben sein Glied gehalten, nur um zu provozieren. Und so ist es bis heute Tradition: Ob man nun Mittelfinger oder sein bestes Stück zeigt, das Gegenüber wird die Geste zu interpretieren wissen...

Europa gestikuliert auch anders

Eine andere 'nette' Geste ist es den linken Arm gewinkelt anzuheben und die Hand zur Faust zu ballen und mit der rechten Handfläche kräftig auf den linken Oberarm zu hauen. Das Ganze sollte am besten zusätzlich mit ein paar Kraftausdrücken untermalt werden. Der historische Ursprung dieser Geste dürfte ebenfalls in der Antike liegen: Damit beleidigten die Sabiner nämlich höchstwahrscheinlich römische Eindringlinge, ohne dass diese es bemerkten. Die naiven Römer dachten zunächst, dass es sich um eine Art Begrüßungsritual der Sabiner handelte. Erst später gingen sie der Sache auf den Grund. Die Geste ist heute auch in Europa ziemlich weit verbreitet. In Polen zum Beispiel machte 1980 der Leichtathlet Władysław Kozakiewicz von sich reden: Ihm wurde vorgeworfen, nach seiner Goldmedaille im Stabhochsprung die Sowjetunion mit entsprechender Geste beleidigt zu haben.

Aber konzentrieren wir uns lieber auf das Hier und Jetzt: Abgesehen vom Mittelaltertrauma der Engländer gibt es ja die besten Prachtexemplare in puncto Gestikulieren immer noch in den Mittelmeerländern. Und innerhalb dieser Länder sind die Italiener die Meister der Körpersprache. Ein Klassiker ist es dort, das Kinn leicht anzuheben und mit einer schnellen Dreifinger-Handbewegung das Kinn so zu streifen, als ob es nass wäre und man die Person gegenüber bespritzen wollte. Damit drückt der Italiener aus, dass er das Gerede seines Gegenübers nicht wirklich spannend findet. Ein weiterer, simpler Klassiker des Stiefels ist es sich umzudrehen und ganz einfach mit dem Hintern zu wackeln. Und ein absolutes Must in Italien ist die so genannte Geste zu "ti faccio un culo così" (Ich mach' dir soooo einen Hintern"); dafür beide Hände zu einer Art Pistole formen und schnelle, leicht nach vorn absinkende Bewegungen machen, die einen Hintern darstellen. Der Grund für die italienische Vielfalt im gestikulieren? Vielleicht die beliebte Commedia dell’arte, welche auf dem Komödiantentum und der Improvisation basiert.

Zum Schluss wäre da noch Spanien und dessen Fixiertheit auf die Cojones: Wir haben da eine nette (zugegebener Maßen recht männliche) Geste, die so widerlich und ordinär daherkommt, dass der Aggressor im Endeffekt schlechter dasteht als das Opfer: Dafür das Becken nach vorn schieben und sich die "Cojones" aus einem gewissen Abstand halten, als ob beide ein Kilo wiegen würden.

„Vielleicht kann man mit dieser Geste ja auch irgendwo zwei Kaffee bestellen?“

Foto: (cc) c-reel.com/flickr; Videos: König von Spanien: euskatala; Hochspringer: pablo115 beide (cc)Youtube.com