Stimmen aus der Blogosphäre

Artikel veröffentlicht am 12. Juni 2006
Artikel veröffentlicht am 12. Juni 2006

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Phantasievolle Lösungen für die Kommunikationskrise zwischen Europa und seinen Bürgern oder Selbstdarstellungen, die in den Wortkaskaden des Netzes versanden? Eine Reise durch europäische Blogs.

Sarkastisch, seriös, respektlos, ironisch, unsinnig, politisch (un)korrekt – für jeden Geschmack ist etwas dabei. Die Blogs sind der neue, nicht-institutionelle Ausdruck des Mottos „Debatte, Dialog, Demokratie“, mit dem die Europäische Union derzeit versucht, die Herzen der immer euro-skeptischer werdenden Bürger wieder für sich zu gewinnen.

Dialog gibt es, vor allem virtuellen. Auch Demokratie gibt es, oder besser gesagt, e-Demokratie, die in Bit gemessen wird. Ganz zu schweigen von der Debatte: Die Welt der Blogs ist das Sprachrohr vieler Bürger, die das Demokratie-Defizit der europäischen Institutionen kritisieren. Oder anderer, die sich einfach mit ihren Lesern über die Euro-Soße aus Kritik, Ratschlägen und Klatsch austauschen wollen. In Blogs redet man mit einem Mix aus Enthusiasmus und Respektlosigkeit über die Europäische Union. Einige sind wahre literarische Turnhallen, in denen akrobatisch mit neuen Formen des interaktiven Journalismus experimentiert wird.

Europa ja oder nein?

Was denken Blogger über die Krise der EU? „Im Vergleich zu herkömmlichen Medien befassen sich Blogs wesentlich intensiver und kritischer mit Europa“ – meint der Blogger und Mitgründer von cafebabel.com, Nicola dell’Arciprete. „Anstatt mit Begriffen wie ‚Denkpause’ zu jonglieren, regen sie zum Individualismus an und geben Ideen eine konkrete Form. Leider ist ihnen mit der mangelnden Transparenz der EU nicht gerade geholfen, aber vielleicht werden wir eines Tages aus einem Blog erfahren, ob der Kommissionspräsident in seinem Büro mit mit der neuesten Praktikantin turtelt.“ Auch in Polen ist der anfängliche Euro-Enthusiasmus von 2004 nach und nach in Skepsis und Klage umgeschlagen. Dies ergab eine Untersuchung von Marysia Amribd, die die allgemeine Stimmung im Netz analysiert hat: „Viele polnische Blogs stellen lediglich Diagnosen auf und enthalten eher allgemeine Kommentare über die Krise der EU, ohne Lösungen oder konstruktive Alternativen zu bieten.“ Der Blog eurokonstytucja.pl, der schon vor dem Eintritt Polens in die EU gegründet wurde, hatte sich die negativen Begleiterscheinungen zum Thema gesetzt, die dies mit sich bringen würde. Chmureczka hingegen ist ein Beispiel dafür, wie Europa Bestandteil des täglichen Lebens werden kann: Die Autorin hat diesen Blog wie ein persönliches Tagebuch aufgebaut, schreibt darin aber auch, dass sie die ewigen Diskussionen über Europa langweilen.

Zwischen Information und Debatte

Publius ist ein französischer Gemeinschaftsblog zum heiß umstrittenen Thema EU-Verfassung. Die Meinungsvielfalt der diversen Autoren ist die besondere Stärke dieses Blogs, der vielstimmig zur Debatte rund um Europa beiträgt.

Les coulisses de Bruxelles ist der Blog von Jean Quatremer, einem Journalisten der französischen Tageszeitung Libération, der sich schon seit über 15 Jahren mit der Europäischen Union beschäftigt. „Ich will eine Chronik der großen und kleinen Eregnisse im Leben der EU schreiben“, sagt Quatremer. Sein Ziel sei es, „diesem viel zu oft als technokratisch empfundenen Abenteuer Substanz zu geben“. Aus den Seiten des Europamagazins Taurillon www.taurillon.org erhebt sich eine Stimme, die vor allem von der „Eurogeneration“ begrüßt wird: Der Blog fordert unter anderem, „einen hinreichenden Teil des europäischen Haushaltes für Aktivitäten im Interesse der Jugend abzuzweigen“.

Dann gibt es noch Gemeinschaftsblogs für „Fachleute“, wie etwa Quoi de neuf en Europe. Dieser Blog ist aktuellen Ereignissen und dem Gemeinschaftsrecht gewidmet. Er lässt durchblicken, dass „sich hinter der politischen Debatte über die Zukunft der EU eine durchaus greifbare Realität verbirgt: Nämlich die Stärkung eines noch unbekannten Systems, einer Rechtsordnung, die konkreten Einfluss auf unser Leben nimmt“. Blogs in englischer Sprache, die sich maßgeblich mit Wirtschaft befassen, lesen sich trotz des leidigen Themas angenehm: Dies gilt zum Beispiel für Captain’s quarters, Fistfulofeuros und The Glittering Eye,

der über „den Anfang vom Ende des Euros“ philosophiert.

Unter den anspruchsvolleren ist der Blog Europhobia nennenswert, der internationale Beziehungen aus einem anglo-europäischen Blickwinkel betrachtet. Sein Autor Clive Matthews hat sich vom Euroskeptiker zum Europhilen gewandelt. Sein kritischer Geist spart nicht mit provokanten Analysen. Ebenso lesenswert sind The road to euro serfdom und Samizdata. Letzterer definiert sich als ein „Blog für kritisch-rationale Menschen und Individualisten“.