Stierkampf - leidenschaftlicher Sport am Limit

Artikel veröffentlicht am 28. November 2008
Artikel veröffentlicht am 28. November 2008
Zwischen Kunst, Sport, Leidenschaft und Tötung - der Stierkampf führt ständig zu Kontroversen. Treffen mit jungen Toreros aus England und Spanien.

Geschmeidigkeit, Leichtigkeit, Konzentration, die Ausdauer eines Langstreckenläufers oder Lungenkapazität - all diese Fähigkeiten könnten den Voraussetzungen entsprechen, die ein guter Sportler braucht. Dennoch definiert Ángel Luis Carmona, 24 Jahre, mit diesen Worten die körperlichen Anforderungen, die man braucht, um ein guter Matador zu werden.

©C.F.Ángel Luis Carmona trainiert zwischen sieben und acht Stunden pro Tag. Morgens verbringt er einige davon mit Rennen, um seine Lungenkapazität zu erhöhen. In einer Sporthalle macht er auch Kraftsport und Dehnungsübungen, um seine Elastizität und seine Geschmeidigkeit zu trainieren. Bis dahin handelt es sich um Übungen, denen sich jeder Sportler widmen könnte, doch der grundlegende Aspekt des Stierkampfes, der ihn nach Ansicht der Experten dieser überlieferten Tradition in den Rang der Kunst hebt, das ist die Leidenschaft, die der Torero für das todgeweihte Tier verspürt.

Ein englischer Torero

Für Francis Evans Kelly, einen englischen Matador, haben Sport und Stierkampf nur die Unentbehrlichkeit einer guten körperlichen Verfassung gemein. Im Durchschnitt 20 Minuten pro Runde (zwei Runden pro Torero) ein 500 Kilogramm schweres Tier mit dem Capote und der Muleta (purpurrotes und gelbes bzw. dunkelrotes Tuch, dass an einem Stab befestigt ist) durch die Arena zu treiben, „setzt eine gute Ausdauer voraus“. Francis erklärt sogar, dass seine Muskelübungen die gleichen sind wie die, als er in England Rugby gespielt habe. Im Stierkampf gebe es im Gegensatz zu anderen Sportarten keine Konkurrenz, sagt der Brite weiter. Es ist ein Kampf zwischen Mensch und Tier, Intelligenz und Kraft. „Genau in dieser Konfrontation sind die Formen, die Passagen, die Zeit, die Geschwindigkeit, die Veronika (eine Passage, die vom Torero mit dem Capote ausgeführt wird, dessen Position an das Tuch erinnert, mit dem Veronika Jesus Christus den Schweiß und das Blut abwischte, A.d.R.) die Schlüssel, um den Kunststatus zu erlangen.“

©C.F.

Erhaltung und Tod

Auch wenn es widersprüchlich und paradox scheinen mag, behauptet die Vereinigung der Toreros von sich, die Stiere „viel mehr“ zu respektieren und zu schätzen als gewisse Umweltschützer, die die Abschaffung ihrer Tradition fordern. Sie sind sogar der Meinung, dass sie zum Schutz des Kampfstiers beitragen, der Rasse, die für die Stierkämpfe gezüchtet wird. Wenn es die Stierkämpfe nicht gäbe, würden sie verschwinden. Rindfleisch kommt von Exemplaren, die zwischen sieben und acht Monaten alt sind, mit genetisch verändertem Ölkuchen gefüttert und auf sehr engem Raum aufgezogen werden. Der Kampfstier lebt im Gegensatz dazu in der Freiheit und wird mit vollkommen natürlichem Ölkuchen und Futter ernährt, bis er ein Alter von fünf oder sechs Jahren erreicht hat. Wenn er dort angelangt ist, erklärt Carmona, „wird er mit seinem Schicksal konfrontiert“.

„Mit sechs Jahren wird der Stier mit seinem Schicksal konfrontiert.“

Ein anderer Grund, warum der Torero denkt, dass er „nur teilweise“ ein Sportler ist, ist der direkte Kontakt, den er schon seit einem sehr frühen Zeitpunkt mit dem Stier hat. Ángel Luis erinnert sich, dass er acht Jahre alt war, als er seinen ersten „tendadero“ hatte (Stierkampf mit Kälbern, um auszusuchen, welche Exemplare gut für die Zucht sind). Ein lebendes Wesen bei seiner Entwicklung zu sehen, als Kalb (weniger als ein Jahr), als jungen Stier (zwischen einem und zwei Jahren) und als Ausgewachsener, „ist eine Erfahrung, die nur ein lebendes Wesen vermitteln kann.“ Ángel Luis Carmona kennt sie alle und kennt auch den Namen von jedem Tier, mit dem er im Laufe der Jahre trainiert hat.

Das Opfer und das Spektakel

Wie jeder Beruf ist der Stierkampf eine Medaille mit zwei Seiten. Denn er ähnelt auch einem traditionellen Sport. „Der Stier geht über alles“, betont Carmona. „Wenn du dich einmal entschieden hast, dich dem Stierkampf zu widmen, musst du auf viele Aspekte in deinem Leben verzichten, unter anderem auf die Anonymität. Eine echte Erholung gibt es nicht, und auch nicht Ausschweifungen und Zerstreuung. Wir bereiten uns darauf vor, unser Leben in einer Arena vor Menschen zu spielen, die das Spektakel wollen.“

Außerdem ist der Torero, wie jede andere berühmte Persönlichkeit, in der Schusslinie der Medien, vor allem derer, die lieber über das Privatleben der Matadore berichten, als über die berufliche Laufbahn. In dem Sinne, auch wenn es nur im kleinen Maßstab ist, da er gerade erst in Osuna in der Provinz Sevilla die ‚Alternativa‘ erhalten hat (Übergang von der Kategorie Novillero, der mit Jungstieren kämpft, zur Kategorie des Matadors, A.d.R.), hat Ángel schon kennenlernen müssen, wie es ist, „beobachtet zu werden“.

Steuerunterschiede

Jeder professionelle Matador, selbst von den besseren, muss 54 Prozent seiner Einnahmen pro Stierkampf abgeben.

Einer der größten Kritikpunkte, der gegen die Stierkämpfe angeführt wird, ist die Menge an Geld, die dabei im Spiel ist. Trotzdem ist bei den Stierkämpfen der Anteil, den der Staat kassiert, verglichen mit anderen großen Spektakeln wie dem Fußball beachtlich, selbst wenn das Ereignis in Spanien, Frankreich oder Portugal stattfindet, welche alle „Stierländer“ sind. Jeder professionelle Matador, selbst von den besseren, muss 54 Prozent seiner Einnahmen pro Stierkampf abgeben, das heißt mehr als die Hälfte von dem, was er verdient. Im Vergleich: andere Sportler geben als freie Professionelle 15 Prozent IRPP (Steuer auf das Einkommen von natürlichen Personen in Spanien) ab. Außerdem muss der Torero das Geld für die ganze Cuadrilla verwalten, also für das Team, das ihn begleitet: zwei Picadors, drei Banderilleros, ein Degendiener, ein Fahrer und ein Handlungsbevollmächtigter. So ist das eben in der Sporthierarchie.

Kleines Stierkampflexikon:

- der Picador ist ein Reiter, dessen Rolle darin besteht, den Stier im ersten Tercio zu stechen

- die Banderilleros sind Toreros mit der Aufgabe, die Banderillas zu platzieren

- der Handlungsbevollmächtigte hat die Rolle des Managers, repräsentiert den Matador und verwaltet seine Angelegenheiten