Stichwort: Tablighi Jamaat

Artikel veröffentlicht am 5. Juni 2007
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Artikel veröffentlicht am 5. Juni 2007
In der Diskussion um den früheren Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz ist die Tablighi Jamaat in die Schlagzeilen geraten. Der Deutschtürke soll eine Moschee dieser Missionsbewegung besucht haben. Dies wurde als Beweis für Kurnaz’ Gefährlichkeit gewertet. Doch die Radikalität der Tablighi Jamaat ist umstritten.

Die Tablighi Jamaat (TJ) ist die wohl bedeutendste Missionsbewegung der islamischen Welt, deren Ziel die Reinigung und Festigung des islamischen Glaubens ist. Die sunnitisch-orthodoxe Bewegung wurde 1926 vom Religionsgelehrten Maulana Mohammed Ilyas (1885-1944) in Indien gegründet. Ihre Zentrale befindet sich heute im pakistanischen Lahore, als religiöses Zentrum gilt der Ort Raiwind, wo Versammlungen und Schulungen für neue Mitglieder stattfinden. Die TJ zählt heute mehrere Millionen Anhänger und verfügt über ein weltweites Netzwerk von Missionsstationen, die durch regelmäßige Missionsreisen untereinander in Kontakt stehen. Diese Reisen gehören zur religiösen Pflicht jedes Mitglieds und dienen der Verbreitung des Islam, sowie der Festigung des individuellen Glaubens.

Die Bewegung richtet sich insbesondere an junge Muslime, die durch den Einfluss des Westens vom Islam abgekommen sind, und die zu einem starken und reinen Islam zurückgeführt werden sollen. Sie legt großen Wert auf die Kenntnis und Befolgung religiöser Regeln und Praktiken und wendet sich gegen nicht-orthodoxe Strömungen wie den Mystizismus und religiöse Minderheiten wie die Schiiten. Ihre Anhänger sind durch traditionelle Kleidung und Vollbart erkennbar. Die TJ vertritt ein konservatives Frauenbild, weshalb Frauen in ihr nur eine untergeordnete Rolle spielen. Wie auch andere islamistische Bewegungen ist die TJ eine Reaktion auf den westlichen Einfluss, die in der Rückbesinnung auf einen ‚reinen’ Islam eine Antwort auf die Herausforderung der Moderne sucht.

Im Gegensatz zu anderen islamistischen Bewegungen versteht die TJ sich als nicht-politisch und lehnt jede Anwendung von Gewalt ab. Kenner der Szene bescheinigen ihr, Distanz zur Politik zu bewahren. Allerdings ist die TJ in ihrem Auftreten so zurückhaltend, dass Außenstehende für Informationen zu ihrer Struktur, Lehre und Zielsetzung auf Aussagen der Mitglieder angewiesen sind. Ihre Lehre wird weitgehend mündlich vermittelt, schriftliche Quellen gibt es praktisch keine. Sie wird daher immer wieder verdächtigt, hinter der Fassade einer pietistischen Erweckungsbewegung weit militantere Ziele zu verfolgen. So werden ihr Kontakte zu terroristischen Gruppen in Pakistan und anderen Ländern nachgesagt.

Ob es sich bei diesen Kontakten um mehr als die Initiativen Einzelner handelt, bleibt schwer zu klären. Letztlich ist jedoch nicht von der Hand zu weisen, dass viele spätere Terroristen über die TJ zum Islamismus gekommen sind. Auch wenn die TJ selbst sich aus der Politik heraushält und Gewalt ablehnt, befördert ihre dogmatische Glaubenslehre den Übergang zu einer militanteren Form des Islamismus. Dennoch kann die Bewegung ebenso wenig für die Taten einzelner Mitglieder verantwortlich gemacht werden, wie von der Mitgliedschaft in der TJ, wie im Fall Kurnaz, auf eine radikale Gesinnung geschlossen werden kann.