Stichwort: Deobandis

Artikel veröffentlicht am 13. September 2007
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Artikel veröffentlicht am 13. September 2007
Die islamische Erweckungsbewegung der Deobandis breitet sich zunehmend auch in Europa aus. Ausgehend von der nordindischen Stadt Deoband hat die religiöse Strömung, die vor allem durch die Taliban bekannt geworden ist, ein weltweites Netzwerk von Seminaren errichtet. Nicht zuletzt in Großbritannien.

In Großbritannien stehe fast die Hälfte der Moscheen unter der Kontrolle der islamischen Deobandi-Sekte, berichtete ‚The Times’ in ihrer Ausgabe vom 07/09. Auch die Mehrheit der Religionsseminare, in denen Prediger und Lehrer ausgebildet werden, werde von der radikalen Bewegung betrieben. Die Zeitung zitierte Predigten des Imams Riyadh ul Haq, in denen er mahnte, sich von Andersgläubigen fernzuhalten und die eigene Lebensweise zu bewahren. In vielen Moscheen werde zum Hass gegen die Ungläubigen angestiftet und zur Verteidigung des Islams aufgerufen, schrieb die Zeitung. Wenn nötig mit Gewalt.

Der Artikel wirft Licht auf eine sunnitisch-hanafitische Strömung, die zu den bedeutendsten der islamischen Welt zählt. Allerdings handelt es sich bei den Deobandis , die ihren Ursprung in der nordindischen Stadt Deoband haben, weniger um eine streng organisierte Sekte, als um eine locker vernetzte Bewegung. Ihr Rückgrat sind die Religionsschulen, in denen eine besonders strenge Auslegung des Islams gelehrt wird. Ihren Ursprung hat die Bewegung in der Darul uloom von Deoband, einer 1867 gegründeten Religionsschule, die heute nach der Kairoer Universität von Al Azhar die renommierteste islamische Lehranstalt der Welt ist.

Die islamische Identität schützen und stärken

Gegründet wurde die Darul uloom unter dem Eindruck des 1857 blutig niedergeschlagenen Aufstands gegen die Briten, der die Schwäche der Muslime vor Augen geführt hatte. Ziel der neuen Bewegung war es, sich auf das Wesentliche im Islam zu besinnen und sich schärfer gegenüber anderen Religionen abzugrenzen, um die eigene Identität zu stärken. Die Deobandis wandten sich insbesondere gegen synkretistische Praktiken wie Heiligenverehrung und Gräberkult, die in Indien unter dem Einfluss des Hinduismus entstanden waren. Der Sufismus wurde nicht grundsätzlich abgelehnt, aber von ‚falschen Praktiken’ gereinigt.

Bekanntheit erlangten die Deobandis vor allem durch die Taliban. Die afghanische Bewegung rekrutierte sich ursprünglich aus Studenten – auf Arabisch taliban – der Deobandi-Seminare im pakistanischen Grenzgebiet. Die ebenso strenge wie weltfremde Ideologie der Koranschüler, die in der sharia eine Handlungsanleitung für alle Lebensbereiche sehen, leitet sich aus der Deobandi-Lehre ab. Auch die Frauenfeindlichkeit der Taliban lässt sich aus dem zurückgezogenen Leben in dem rein männlichen Umfeld der Koranschulen erklären. Dennoch ist die Ideologie der Taliban eine politische Umdeutung der Deobandi-Lehre.

Keine politischen Ambitionen

Denn die Darul uloom war von Anbeginn nicht politisch. Im Kampf gegen die britischen Kolonialherren spielte die Schule zwar eine bedeutende Rolle, doch seit der Teilung Indiens 1947 gibt sie sich zurückhaltend. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die Muslime im mehrheitlich hinduistischen Indien immer der Komplizenschaft mit Pakistan verdächtigt wurden. Treue gegenüber dem Staat war daher stets erste Priorität. Doch allgemein sind die Deobandis – anders als Maulana Maududis politische Partei Jamaat-i islami – nicht auf die Errichtung eines islamischen Staats ausgerichtet.

Heute zieht sich das Netz der Deobandi-Schulen über die halbe Welt. Mit den indischen und pakistanischen Einwanderern kamen die Deobandis auch nach Großbritannien. Viele der Seminare werden von früheren Studenten der Mutterschule betrieben und fühlen sich der dort gelehrten Auslegung des Islams verpflichtet. Eine strikte Kontrolle über die Tochterschulen gibt es aber nicht. Was einzelne Imame wie Riyadh ul Haq predigen, sollte daher nicht der gesamten Bewegung angelastet werden. Dass in den Schulen und Moscheen der Deobandis ein sehr strenger Islam gelehrt und gepredigt wird, sollte dennoch allen klar sein.