Steve James: Treffen mit dem Doku-Meister

Artikel veröffentlicht am 31. Januar 2012
Artikel veröffentlicht am 31. Januar 2012
Steve James war beim Internationalen Dokumentarfilmfestival 2011 in Amsterdam anwesend. Zwischen Interview, Diskussion und Basketballspiel habe ich beschlossen, den besten amerikanischen Dokumentarfilm-Regisseur auf den Prüfstand zu stellen. Money time.

Steve James, berühmter amerikanischer Dokumentarfilmer, Schöpfer (insbesondere) des vielbeachteten Hoop Dreams (1994), sitzt ganz hinten in der Amsterdamer Brasserie Schiller, sein Computer auf dem Tisch. Manche träumen ja davon, Hollywood-Schauspielern zu begegnen. Ich hingegen bevorzuge Dokumentarfilmer. Ich gestehe, dass ich sogar eine leichte Schwäche für Steve habe, diesen Mann mit dem sanften Blick, der mich herzlich willkommen heißt. Ich habe seinen letzten Film The Interrupters in Detroit (USA) gesehen. Ein erschütterndes Porträt von drei jungen Mitgliedern des Vereins CeaseFire, die die Gewalt mitten in einem Rotlichtviertel von Chicago bekämpfen. Mein Gesprächspartner ist neugierig zu erfahren, was mich nach Motor City geführt hat. Ich erkläre ihm, dass ich an einer Webdokumentation über die Stadt Detroit arbeite... Ich mag diese Interviews, die zu richtigen Dialogen werden.

Steve ist für eine Retrospektive seiner Werke und eine Top Ten seiner Lieblingsdokumentarfilme Gast beim IDFA 2011. James ist gewissermaßen ein „Veteran“ der Doku. Nicht jedoch für die Academy Awards, wo sein letzter Opus jüngst übergangen wurde. Was soll's, dann bleibt Steve James eben Amsterdam treu. Geschmeichelt von der besonderen Behandlung, die er vom „ersten Dokumentarfilmfestival der Welt, noch immer Spitzenreiter seiner Gattung“ erfährt, lobt er das Amsterdamer Publikum in den höchsten Tönen. Wobei er sich über gewisse kulturelle Unterschiede amüsiert: „Hier macht das Publikum den Eindruck, während der Filmvorführung weniger Reaktionen zu zeigen als in den USA. Tatsächlich gibt es oft erst nach dem Film den großen Gefühlsausbruch! Anlässlich meines Films Stevie (2002) wurde bei einer Frage-Antwort-Sitzung, zu der ich nicht kommen konnte, eine Diskussion entfacht. Einige warfen mir vor, diesen Film gemacht zu haben, andere verteidigten mich mit Zähnen und Klauen! Kurz gesagt: Bei der IDFA, da sind noch Leidenschaften - es ist sagenhaft, das zu erleben!“

Happy.Bin ich in diesem Punkt noch mit Steve James einverstanden, so bin ich in einem anderen mit ihm uneins: Warum von einem „goldenen Zeitalter“ sprechen, vom „cinéma du réel“, zu einem Zeitpunkt, wo die Regie von Dokumentarfilmen schwieriger erscheint als jemals zuvor? Genau genommen ist alles eine Frage der inneren Distanz. Und Steve James, der seine Karriere Ende der Achtziger begonnen hatte, mangelt es daran nicht. „Als ich mit meinem Regiestudium anfing, hätte noch niemand eine Karriere im Dokumentarfilm anvisiert. Heute begegne ich am laufenden Band Jugendlichen, die Dokumentarfilmer werden wollen. Was nicht bedeuten soll, dass es einfach sei, davon zu leben – weit gefehlt! Doch es gibt in der Tat einen Boom des Dokumentarfilms. Die Nachfrage seitens der Festivals und des Fernsehens ist gestiegen. Daher das mit dem goldenen Zeitalter, in einem gewissen Sinne. Natürlich gibt es da immer diese Angst davor, mit seinen Mitteln nicht auszukommen. Es ist schwierig, sich einen Platz zu schaffen; aber mit dem Aufkommen von neuen Technologien (weder Kameramann noch Studio werden benötigt) haben junge Regisseure im Ganzen mehr Möglichkeiten als damals, als ich startete. Es gab auch einen Boom der Genres: da gibt es Dokumentarfilme im Stile des Cinéma vérité, andere wiederum sind mehr auf Information und Untersuchung ausgerichtet; es gibt sogar Dokumentarfilme, die mit der Komödie flirten.“

„Hoop Dreams: Zwei der Personen aus dem Dokumentarfilm sind seither ermordet worden“

Wenn Steve James auch die Doku-Leinwand des neuen Jahrtausends genießt, ist er noch lange keine Produktionsmaschine. „Ich denke, dass der Ausgangspunkt aller meiner Filme etwas gewesen ist, das ich verstehen wollte, etwas, das mich irritierte. Zum Beispiel hat die Entstehung von The Interrupters mit Hoop Dreams zu tun: Zwei der Personen aus dem Dokumentarfilm sind seither ermordet worden. Ich hatte das Bedürfnis, die Ursachen dieser Gewalt zu ergründen.“ Sport sowie Ereignisse aus dem Leben von Steve James tauchen häufig in seinen Werken auf. Das ist nicht weiter erstaunlich bei jemandem, der in einer Familie von Sportlern aufwuchs und beim Basketball mit der afroamerikanischen Kultur in Kontakt kam. „Abends kehrte ich heim, weit weg von all dem, in mein Weißenviertel in Hampton, Virginia. In Hoop Dreams wollte ich sondieren, was der Basketball den schwarzen Amerikanern bedeutet.“

Steve James bezeichnet sich selbst als einen eher „traditionellen“ Dokumentarfilmer. Ohne allerdings soweit zu gehen die Möglichkeiten zu leugnen, die „eine Welt, die sich verändert hat“, bietet. „Als mir jemand zum ersten Mal erzählt hat, dass er sich meinen Film auf seinem Telefon angesehen hat, war ich entsetzt und glücklich zugleich!“ erklärt er, immer noch lachend. The Interrupters hat jüngst vom „Neue Medien“-Fonds des Filmfestivals von Tribeca (TFI) profitiert. „Wir werden eine interaktive Online-Plattform anbieten, auf der Internetnutzer, ausgehend von einer Filmszene, den Opfern ihrer gedenken können. Sie werden außerdem mehr über die Opfer aus dem Film erfahren können, zum Beispiel was die Medien über sie berichtet haben usw. All dies macht den Film auf eine andere Weise zugänglich. Die neuen Technologien lassen ihre traditionellen Vorgänger nicht verschwinden. Mit dem Fernsehen wurde weder das Kino eingestellt, noch wurde das Fernsehen vom Internet verdrängt!“ Enthusiastisch sagt mir Steve James zum Abschied: „Ich hoffe trotzdem, dass sich Internutzer meinen Film ansehen werden!“

Illustrationen: Homepage und im Text ©Hélène Bienvenu; Videos: The Interrupters (cc)DocumentaryTrailers/YouTube; Hoop Dreams (cc)DocuChick/YouTube