Sterile Debatte zu Italiens Fertility Day 

Artikel veröffentlicht am 14. September 2016
Artikel veröffentlicht am 14. September 2016

[Kommentar] Mit einigen schmissigen Slogans zum Fertility Day wollte das italienische Gesundheitsministerium junge Paare zur Fortpflanzung anstiften - damit sollte dann schnell die demografische Kurve des Landes wieder auf Vordermann gebracht werden. Das ging daneben.

Seid mal nicht so streng. Es ist ja nicht der Fehler der lieben Frau Ministerin Beatrice Lorenzin. Die Idee kam ja nicht mal von ihr. Und sie hat auch nicht im Alleingang die Werbekampagne für den 22. September erfunden. Um sich darüber klar zu werden, reicht ein einfaches Experiment: Einfach mal die Slogans der verschiedenen Werbeplakate laut und mit nostalgisch gerolltem rrrrrrrr lesen und sofort landet man im Kino der 1930er. Damals, als der Duce Mussolini italienischen Frauen stolz Getreide entgegenhielt - diesen italienischen Müttern der Nation - die Pontinische Ebene trocken legte und alle Züge noch pünktlich kamen. Die Zeitungen aus dieser vergangenen Epoche machten mit Titeln wie Il Numero è Potenza (Anzahl ist Macht) auf. Jetzt, Jahrzehnte später, ist das italienische Gesundheitsministerium völlig geblendet vom Must, die italienische Bevölkerung zu vermehren und auf internationalen Treffen glänzen zu können.

Junge fruchtbare Gebärmütter, eure biologische Uhr tickt beständig. Die Heimat braucht euch! Das ist mehr oder weniger die Paraphrase der Werbebotschaften für den mysteriösen Fertility Day, der am 2. September angekündigt wurde und in der Sprache von Shakespeare wohl hipp und cool klingen soll. Und wie es uns das Ministerium in Erinnerung ruft: „Junge Eltern zu sein ist das beste Mittel für Kreativität.“ Aber wenn man mal darüber nachdenkt, klingt das eher nach einem Slogan, der auch 80 Jahre vorher hätte ausgegraben werden können. Damals gab es den so genannten 'Tag der Mütter und Kinder' in Italien, an dem die Erzeugerinnen des Reiches von tosenden Applauswellen empfangen und öffentlich aufgefordert wurden, schön weiter zu gebären.

Das Problem hierbei ist nur, dass sich die Zeiten doch ein wenig geändert haben. Man fragt sich, ob die Ministerin in Rom und ihre Entourage sich darüber auch bewusst sind. Eins ist sicher: die Werbekampagne zum Ankurbeln der Geburtenrate im Land war eine ziemlich sterile Pleite, eine Initiative, die bereits zu Ende war, bevor sie überhaupt geboren wurde. Die Seite der Initiative wurde bereits wenige Stunden nach der Ankündigung offline gestellt. Die Kampagne selbst hat besonders im Netz nur Unbehagen, Wut und eine gehörige Portion Ironie hervorgerufen. Letztere ist sicherlich den Gutmenschen geschuldet, die sich nicht mal mehr über die x-te Respektlosigkeit oder die Selbstbestimmung jedes Einzelnen aufregen. Diese Kampagne zeigt weiterhin, dass diejenigen, die die Realität eigentlich verbessern und lebenswerter machen sollen, selbst völlig realitätsfremd sind.

Für jeden Geschmack ist etwas dabei. Du willst keine Kinder, weil gerade nicht der richtige Moment ist? Du willst nicht warten und kein Risiko eingehen? Du solltest dich schämen, Frau (alle Werbebotschaften richten sich fast ausschließlich an Frauen!), denn das Gedeihen deiner Heimat sollte vor deiner eigenen Eitelkeit stehen. Ganz egal ist dabei, ob ihr prekär lebt, gerade euren Job verloren habt, wenn ihr euren Chef nach dem Mutterschutz fragen müsst: Pflanzt euch fort und gebt denjenigen wieder Hoffnung, die diese längst verloren haben und auf Kosten des Staates dahinvegetieren.

Oder anders gesagt: Unsere Großeltern werden sich freuen, die fehlende Sozialhilfe und Mutterschutzgelder in Italien zu blechen. Und Entschuldigung, aber die Plakate sind wirklich lächerlich: darauf sind werdende Mütter zu sehen, die ihre Bäuche streicheln und dabei eine Sanduhr in der Hand halten, laufende Wasserhähne (eine Anspielung auf das Referendum zur Privatisierung des italienischen Trinkwassers?) oder junge Leute während des Beischlafs mit einem fancy Emoticon zwischen den Füßen. Die Fortdauer der Italiener ist damit auf jeden Fall gesichert - auf einem Plakat sind sogar gestrickte Babysocken mit einer Trikolore-Schärpe zu sehen.

Man kann sich jetzt noch ewig über die ungeschickt konstruierte Botschaft der ministeriellen Initiative aufregen oder totlachen. Und wenn man denn möchte, könnte man sogar an einen guten Willen der Ministerin Lorenzin glauben, die behauptete, die Message sei nicht so angekommen wie gedacht. Doch einige Zweifel bleiben, wenn man den ‘Nationalen Plan zur Fruchtbarkeit’ des Gesundheitsministeriums durchblättert. Schon der Name erinnert an Mussolinis Opera Nazionale per la Maternità e l'Infanzia (Nationales Amt für Mutterschaft und Kinder, gegründet 1925, um die Geburtenrate anzukurbeln, AdR).

Aber der Staub der Geschichte ist schlagartig verschwunden, wenn man den Plan anfängt zu lesen: Dort steht, dass „die Tendenz der Frauen, die Mutterschaft auf später zu verschieben, um sich der eigenen Karriere zu widmen“ gefährlich sei. Wie jetzt, gefährlich? Und welche Antwort auf diese Art rhetorische Frage geben? „Was ist gegenüber einer Gesellschaft zu tun, die Frauen aus dem Haushalt gedrängt hat, indem sie ihnen die Tür zum Arbeitsmarkt geöffnet hat, sie dann aber in männliche Verhaltensmodelle presst, die den Wunsch nach Mutterschaft untergraben?“ Aussichtslos.

Versuchen wir trotzdem eine Antwort: Man könnte versuchen, dass Elternsein in Zukunft als freie Wahl und tatsächliche Möglichkeit zu bewerben. Weit von verpflichtendem Elterndasein, welches immer noch rigoros biologisch und heterosexuell ist, weit entfernt von einer Kultur, die Mütter zwingt, berufliche Ambitionen für das Wohlsein der Familie auszubremsen und junge Väter, das Brot egal mit welchem Job nach Hause zu bringen. Für was? Für eine Familie, die von der Gesellschaft aufgezwungen wurde, obwohl es ganz und gar nicht der richtige Zeitpunkt war.

Die vernünftige Wahl ist nicht das Zeugen und Gebären von Kindern, sondern deren Bildung und Erziehung. Schreiben sie das doch mal in eine Kampagne, sehr geehrte Frau Ministerin.