Sterbehilfe im ersten Hospiz Sloweniens

Artikel veröffentlicht am 26. November 2010
Artikel veröffentlicht am 26. November 2010
Zum ersten Mal, seit seiner Gründung vor 15 Jahren, kann der Žargi-Verein neun Sterbende stationär aufnehmen und umfassend versorgen. Die Kosten für den Bau des Hospizes wurden von Ljubljanas städtischer Wohnungsbaugesellschaft getragen.

Die Einzelzimmer des Žargi-Vereins sind mit elektrischen Betten und speziellen Matratzen gegen das Wundliegen ausgestattet. Im Wohnbereich gibt es ein Esszimmer, wo sich die Patienten, die dazu noch in der Lage sind, treffen und unterhalten können. In einem Ruheraum können die Patienten ihre Gedanken sammeln. Die Vereinsvorsitzende Tatjana Žargi sieht die Aufgabe der Einrichtung in Ljubljana darin, im Sinne der Hospiztradition, dem Abschied vom Leben ein menschliches Gesicht zu verleihen. „Seinen Frieden mit der eigenen Sterblichkeit zu machen, gehört unausweichlich zum Leben dazu. In unserer Gesellschaft, treten wir dem Tod aber sehr befangen gegenüber.“

Der Tod ist Tabu

Soziologen beobachten das Verschwinden des Todes aus dem öffentlichen Leben. „Über den Tod wird nicht laut gesprochen, Gespräche darüber finden nur im Privaten statt“, schreiben die Professorin Karmen Erjavec und Petra Thaler von der sozialwissenschaftlichen Fakultät [der Universität Ljubljana, A.d.Ü.] in einer Studie über die Darstellung des Todes in den Medien. Laut der Gesundheitssoziologin Majda Pahor von der medizinischen Fakultät Ljubljana, hätten Slowenen eine „moderne“ Einstellung zum Tod, sie würden ihn verleugnen und aus dem Alltag verdrängen. „Das hängt damit zusammen, dass allgemein wenig über das Leben reflektiert wird.

Wenn man über das Leben nachdenkt, denkt man zwangsläufig über den Tod nach, und in Verbindung mit dem Tod auch über den Sinn des Lebens. In Slowenien ist eine gewisse Rückhaltung, was das Nachdenken, die Neugier und das Fragenstellen angeht, weit verbreitet. Die großen Einschnitte im Leben wie Geburt und Tod sind ritualisiert“, erklärt Pahor. „In gewisser Weise haben wir akzeptiert, dass wir daran nichts ändern können. Wir lassen sie über uns ergehen“. Sind die Slowenen am Lebensende auf den Tod vorbereitet?

Pahor zufolge gäbe es keine Studien darüber wie die Menschen in Slowenien sterben. Um die 18.000 Menschen sterben pro Jahr in Slowenien, 60-80 % davon im Krankenhaus. „Wenn eine Person am Ende ihres Lebens steht, kann die moderne Gesellschaft sehr furchteinflößend sein“, sagt Lunder [Dr. Urška Lunder, Leiterin der Palliativpflege an der Uniklinik für Lungenkrankheiten und Allergien in Golnik, A.d.Ü.]. „Körperlich geschwächte Menschen haben ein sehr großes Bedürfnis nach Spiritualität. Sie stellt für sie eine Orientierungshilfe dar. Typisch für unsere Gesellschaft ist die Ausrichtung auf die Außenwelt. Dies geht jedoch häufig auf Kosten der Reflektion und Selbsterkenntnis. Lunder glaubt, dass das Sterben dadurch schwieriger wird. „Am Lebensende steht Selbsterkenntnis. Selbstreflektierte Menschen sind häufiger mit sich selbst im Reinen und erleben friedliche letzte Tage. Sie bleiben gedanklich im hier und jetzt, sind optimistischer eingestellt, und haben weniger Probleme.

„Sterben nach Plan“ und Euthanasie

Die Hospizmitarbeiter empfehlen, dass sich die Menschen Gedanken darüber machen, wie sie leben wollen, wenn es auf das Ende zugeht. „Wir haben ein Programm ‚Sag uns vorher, wie du nicht sterben willst‘, das die Menschen ermutigen soll, ihren Willen unabhängig von ihrem gegenwärtigen Gesundheitszustand kundzutun. Im Hospiz können die Menschen diese Erklärung selbst verfassen. Des Weiteren können Wünsche und Anweisungen, den Tod, die Begleitrituale und die Beerdigung betreffend, geäußert werden. Diese Erklärung, eine Art „Gesundheitstestament“, ist seit Verabschiedung des Gesetzes über Patientenrechte rechtlich verbindlich. Lunders Meinung nach besteht der Hauptvorteil der Todesplanung darin, dass sich die Menschen, zusammen mit ihren Angehörigen und dem medizinischen Personal, mit dem Sterben auseinandersetzen, und bis zum Ende die Kontrolle behalten.

Wenn es um das Sterben geht, kommt auch häufig das Thema Euthanasie zur Sprache. „Euthanasie und Beihilfe zum Suizid sind Straftaten in Slowenien“, sagt Pahor. „Euthanasie wäre völlig unnötig, wenn es möglich wäre, jedem Sterbenden hochwertige palliative Pflege zu bieten. Bei der Debatte über Euthanasie muss auch der kulturelle Hintergrund berücksichtigt werden. In Slowenien ist die Überzeugung, dass das Leben ein Geschenk ist, das einem nur vom Geber wieder genommen werden darf, weit verbreitet. In anderen Ländern, zum Beispiel in Holland“, fügt Pahor hinzu, „ glaubt man dagegen, dass jede Person das Recht hat selbst über ihr Leben zu entscheiden“. Žargi denkt, dass diese Themen sowohl von der Gesellschaft, als auch von Fachleuten angegangen werden sollten, da viele Menschen gar nicht wissen, was Euthanasie wirklich bedeutet.

„Euthanasie und Suizid mit medizinischer Unterstützung sind inakzeptabel“, stellt Professor Jože Trontelj vom Nationalen Medizinischen Ethikkomitee klar. „Das Komitee gründet seine Haltung auf Erfahrungen in Holland, wo sowohl medizinische Irrtümer als auch Missbrauch häufig und unvermeidbar sind.“

„Slowenische Patienten haben heutzutage eine Reihe von Rechten, von denen die meisten gar nichts wissen“, sagt Albina Bobnar von der medizinischen Fakultät in Ljubljana. „Sie können entscheiden, ob sie eine Behandlung fortsetzen oder lieber abbrechen wollen“. Euthanasie ist der letzte Ausweg. Der Philosoph und Bioethik-Experte Igor Pribac ist ein Befürworter der freiwilligen Euthanasie: Sind wir bereit, uns mit eigenen Händen das Leben zu nehmen? Dabei handelt es sich um eine sehr intime Frage: „Das ist ein Thema, über das wir Gedichte schreiben - kein Thema für die öffentliche Debatte und die Gesetzgebung“. Pribac ist der Ansicht, dass das slowenische Arzt-Patienten Verhältnis einer der Hauptgründe für die Ablehnung von Euthanasie ist. Das angespannte Verhältnis hat Tradition in Slowenien, wo Patienten häufig von ärztlichen Gutachten abhängig sind und dadurch zu mehr Passivität gezwungen sind als Patienten im restlichen Europa.

Die Autorin dieses Artikels, Petra Mlakar, ist eine der 27 Finalisten des EU Health Journalism Prize 2010 (für Slowenien)

Fotos: (cc) Simon Pais/ flickr/ on myspace