Stanley Johnson: “Mein Großvater hätte den Beitritt der Türkei mit ganzem Herzen unterstützt”

Artikel veröffentlicht am 30. Mai 2008
Artikel veröffentlicht am 30. Mai 2008
Der 59-jährige in Cornwall geborene Schriftsteller, Politiker und Vater von Londons neuem, konservativen Bürgermeister Boris Johnson, über seine englisch-schweizerisch-türkische Herkunft und seinen proeuropäischen Großvater

Ali Kemal Bey - ein osmanischer Minister, Journalist und mein Großvater väterlicherseits - heiratete 1903 in Paddington mit 34 Jahren Winfried Brun, eine Angloschweizerin. Sie starb bald nach der Geburt meines Vaters, Osman Wilfred Ali Kemal, im September 1909 in Bournemoth, England. Mein Vater und seine ältere Schwester Celma wuchsen in Wimbledon auf. Ich glaube nicht, dass mein Vater viele Erinnerungen mit der Kindheit seines Vaters verband. Mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges 1914 war der Kontakt zur Familie sicherlich schwierig, da Ali Kemal damals in der Türkei lebte.

Meine Mutter erzählte uns, wie Ali Kemal 1922 in der Türkei starb, nachdem er von türkischen Soldaten verhaftet worden war. Nachdem sie 1936 meinen Vater geheiratet hatte, blieb sie in Kontakt mit Ali Kemals zweiter Frau Sabiha Hamin, der Tochter von Zeki Pasha, der die osmanische Vardar-Armee befehligt hatte. Ich wohnte bei ihr in Istanbul als ich Anfang 1959 mit 18 Jahren zum ersten Mal in die Türkei reiste. Meine Mutter hatte dafür gesorgt, dass ich in perfektem Türkisch nach Sabihas Adresse fragen konnte, sobald ich mit dem Schiff ankam. Dann kämpfte ich mich durch die Massen rund um die Galatabrücke!

©Foto zur Verfügung gestellt von Stanley Johnson

Ich reiste mit dem Bus weiter nach Ankara, um bei Zeki Kuneralp, dem Halbruder meines Vaters und Sohn von Ali Kemal und Sahiba, zu wohnen. Zeki war damals hoher Beamter im diplomatischen Dienst der Türkei. Das war eine glückliche Zeit für mich: Ich blieb für zwei oder drei Wochen in Ankara und lernte die Kuneralp-Familie näher kennen. Zekis Frau Neçla wurde 1978 während seiner Zeit als spanischer Botschafter auf tragische Weise in Madrid ermordet. 

Über die Jahre hatte ich regelmäßig Kontakt zu meiner türkischen Familie. Zeki war zweimal Botschafter von Großbritannien. Es erfüllt mich mit Zufriedenheit, dass Königin Elisabeth II. und der Duke of Edinburgh bei ihrem offiziellen Staatsbesuch in Ankara am 13. Mai ein privates Treffen mit Zekis Sohn Selim und dessen Frau Gamze in ihrem Terminkalender vorgesehen hatten - ein Treffen, das der aktuelle türkische Präsident Abdullah Gül in die Wege geleitet hatte. 

Mein Großvater Ali Kemal war Politiker, Journalist und gleichzeitig Autor mehrerer Bücher. Meine Kinder und ich sind ein wenig in seine Fußstapfen getreten und haben uns in diesen Bereichen versucht. Mein Sohn Boris ist Politiker und hat mehrere Sachbücher, einen Roman und viele Zeitungsartikel geschrieben. Auch meine ältere Tocher Rachel Sabiha ist Romanautorin und Journalistin. Ich habe versucht, sie dazu zu überreden, auch in die Politik zu gehen! Wir brauchen viel mehr Frauen in der englischen Politik. Mrs Thatcher ist dafür das perfekte Beispiel.

©Zur Verfügung gestellt von Stanley JohnsonFür seine Wahlkampagne 2008 als Londoner Bürgermeister verwies mein Sohn Boris häufig auf seine türkische Abstammung. Er war einige Male in der Türkei. Seine 'multikulturellen' Wurzeln würden ihn für das Bürgermeisteramt der englischen Hauptstadt gut vorbereiten. Denn London ist ein aus vielen verschiedenen Ethnien und Religionen. Ich bin mir sicher, dass dies eine enorme Rolle gespielt hat. Der Enthusiasmus der türkischen Presse für seine Kandidatur ist durchaus gerechtfertigt! (Schlagzeilen in der Türkei lauteten Melting pot Londons neuer Chef ist ein Türke - Johnson, Ali Kemals Enkels Sieg in London, Türke Johnson stößt Ken vom Trohn, A.d.R.)

Ich selbst war Teil der offiziellen EU-Türkei-Delegation als ich von 1979 bis 1984 Mitglied des Europaparlaments war. Ich bedaure es sehr, dass es so lange gedauert hat, die Vorbereitungen zum EU-Beitritt der Türkei abzuschließen. Prinzipiell sprechen wir ja schon seit den Sechzigern davon. Umso erfreulicher ist es, dass mein Cousin Selim beim türkischen Außenministerium als derzeitiger stellvertretender Wirtschaftssekretär für dieses wichtige Dossier verantwortlich ist. England setzt sich schon seit längerem für einen EU-Beitritt der Türkei ein: Deshalb wird Selim wohl kaum irgendwelche dringenden SMS auf Boris' Handy schicken müssen!

©Gustav BH/ WikipediaIch bin sicher, dass mein Großvater Ali Kemal den Beitritt der Türkei mit ganzem Herzen unterstützt hätte. Soviel ich weiß, teilte er mit aller Leidenschaft den Glauben des großen Gründers der türkischen Republik: Nämlich die Schaffung einer modernen, weltoffenen, verständnisvollen und wirtschaftstüchtigen Nation, in der Frauen vollständig emanzipiert und Menschenrechte wirklich respektiert werden.