Stadtmagazin 'Il Mitte': Italiener erzählen ihr Berlin

Artikel veröffentlicht am 21. Februar 2013
Artikel veröffentlicht am 21. Februar 2013
Murphys Gesetz: Unter Italienern landet man irgendwann immer beim Thema Krise. Unterdessen geht es aber auch um partizipativen Journalismus und die Widersprüche der gefragtesten europäischen Hauptstadt. Ebendiese Themen könnten auch auf Il Mitte zu finden sein, dem neuen Magazin für Italiener in Berlin. Wir haben mit seinem Gründer, Valerio Bassan, in der Redaktion (seiner Wohnung) gesprochen.

"Wo wir gerade dabei sind, es ist noch kein Jahr her, seitdem wir mit Il Mitte online gegangen sind", erzählt Valerio Bassan, 26 Jahre. Er sitzt hinter seinem Bildschirm, wo sonst sollte der Chefredakteur des neu gegründeten Berliner Stadtmagazins für Italiener und Fans der italienischen Kultur in der deutschen Hauptstadt auch sitzen.

Er in Berlin, ich in Paris

Die wackelige Skype-Verbindung braucht ein wenig Zeit. Dann befinde ich mich endlich demjenigen gegenüber, der innerhalb weniger Monate eine Art Referenz für die italienisch sprechende Community in Berlin geworden ist. Er plaudert unermüdlich direkt aus seiner Redaktion – in Wirklichkeit eigentlich seine Berliner Wohnung, die er mit seiner Freundin und Fotografin Elena teilt, die ebenso „Mehrheitseignerin“ des Magazins ist. Zuzweit bilden sie momentan noch das Herzstück der Redaktion von Il Mitte, hinzu kommen 7 Redakteure auf Freiwilligenbasis, die regelmäßig für das Magazin und seine Blogs schreiben. Von Tragikomödien einer Italienerin in Berlin, über spezielle Codes, mit denen man im hippen Berlin am besten punktet, bis hin zu Regeln für freischaffende Journalisten – auf Il Mitte kann man so ziemlich alles rund um das Thema Berlin finden.

"Ich bin erst seit kurzem in Berlin", sagt Valerio. "Seitdem ich mich kurz nach dem Journalistikstudium in Mailand dazu entschlossen hatte, ins Ausland zu gehen. In Berlin lebt man nicht megagut, wenn man die Sprache nicht beherrscht", fügt er hinzu und erinnert damit an jenes wohl gekannte, erste Ohnmachtsgefühl der Eurogeneration, die gerade ein neues Land zur Wahlheimat auserkoren hat.

Ziemlich schnell war daraufhin die Idee für ein Onlineportal geboren, das die italienischsprachigen Bewohner von Berlin auf dem Laufenden über die Stadt halten und ihnen das pulsierende Kulturangebot näherbringen soll. Aber nicht nur das. "Wir informieren unsere Leser auch über glatte Straßen, Staus oder Pannen der U-Bahn." Lokal, praktisch gut - lautet in etwa das Credo. Auch Interviews mit Stars aus aller Welt, die in Berlin Halt machen, kann man auf Il Mitte lesen.

"Wir versuchen eine präzise, ehrliche und auf Bürgerjournalismus basierende Information anzubieten", erklärt Valerio weiter. "Il Miotte macht Lokaljournalismus – allerdings in einer Metropole wie Berlin. Wir haben also auf jeden Fall auch einen Glocal-Touch. Ich denke, darin liegt die Zukunft des Online-Journalismus“, erklärt er entschlossen. Valerio hat auch einen Musikblog auf der italienischen Plattform Linkiesta – ein vor zwei Jahren gegründeter Pure Player in Italien – und seinen eigenen Wordpress, auf dem er unter anderem seine Abschlussarbeit zum Kosovo präsentiert, mit der er das Journalismusstudium abgeschlossen hat.

Io sono un berlinese

Momentan konzentriert sich Il Mitte besonders auf den Multimedia-Aspekt der Seite. Mehr Fotos und Videos sollen das Angebot zukünftig auflockern. Hinzu sollen lokale Serien und Projekte kommen, um die Interaktion mit den Berlinern zu fördern. Unter den meistkonsultierten Rubriken des Magazins befindet sich eine Sprachrubrik mit linguistischen Tipps für Deutsche, die Fan des Bel Paese sind. Die Rubrik heißt « Die Dritte der Mitte » ('dritte' heißt im Italienischen soviel wie Tipps oder Vorschläge) und wird von Miriam Franchina, einer der aktivsten Il Mitte-Autoren geführt.

Berlin: eine Wende kommt selten allein

Nach der täglichen Lektüre von Artikeln zur Krise, zum Braindrain in Italien und zur Jugendarbeitslosigkeit, kann ich mir die Frage an Valerio nicht verkneifen. Ich frage ihn, ob Berlin tatsächlich das hält, was in den Medien so versprochen wird. Berlin, neues gelobtes Land? "Soweit würde ich nicht gehen", kontert Valerio und zitiert die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Berlin (über 10%). Eine Situation, die manch einen überraschen wird, Valerio zufolge aber die natürliche Konsequenz „einer Stadt, die bis zum Halse in Schulden steckt und nur durch die Transferzahlungen der anderen Bundesländer überleben kann." Trotzdem wählen immer mehr junge Leute in Europa Berlin als neue Wahlheimat, um ihre Projekte zu realisieren oder es zumindest zu versuchen. Dieser Berlin-Hype, der momentan in Europa die Runde macht, scheint der Stadt gut zu tun. "Hier hast du die Möglichkeiten, bekannt zu werden, zu zeigen, was du drauf hast", sagt einer, der seinen Berlin-Traum wahr machen konnte.

Mit ein bisschen Ironie muss Valerio allerdings zugeben, dass er von einem Praktikum mit 400 Euro Gehalt nur träumen kann. Ich erkläre ihm, dass wir hier in der Pariser Redaktion Probleme hatten, einen Praktikanten mit 700 Euro im Monat zu finden. Wir – zwei ausgewanderte Italiener - sind uns beide ziemlich einig über das Konzept einer „falschen Krise“. Manchmal und manchmal auch zu oft machen sich die jungen Leute zum Sprachrohr der Reichen. Das sind Luxusprobleme. Valerio will aber auf keinen Fall nach Italien zurück. Eine provokative Einstellung, wenn man an den Braindrain vieler junger Italiener denkt. Wir versprechen uns den Kontakt zwischen Paris und Berlin zu halten, ohne einen Umweg über Italien zu machen. Zumindest zum jetzigen Zeitpunkt. Luxusprobleme?

Illustrationen: ©Valerio Bassan