Stade de France: Angst, aber keine Lust Angst zu haben

Artikel veröffentlicht am 14. November 2015
Artikel veröffentlicht am 14. November 2015

Es war der wohl beschissenste Moment, um einen neuen Studentenjob zu beginnen. Für ihre allererste Mission als Hostess wurde Oksana, französische Studentin (21), gestern ins Stade de France geschickt. An diesem Abend richteten Attentäter an mehreren Orten in Paris ein bisher ungekanntes Blutbad an. Bilanz: 129 Tote, mehr als 350 Verletzte. Ein Augenzeugenbericht.

cafébabel: Oksana, aus welchem Anlass warst du gestern im Stade de France?

Oksana: Ich habe mich gerade in einer Arbeitsagentur als Hostess für Events in Paris beworben. Gestern war mein erster Job. Was noch schlimmer ist: eigentlich sollte ich um 21Uhr30 schon Schluss machen. Aber weil ich die Kohle brauchte, habe ich eine Kollegin auch noch später am Abend vertreten.

cafébabel: Zu welchem Moment wurde dir zum ersten Mal bewusst, dass in Paris gerade Anschläge verübt werden?

Oksana: Ich war zunächst draußen zum Empfang platziert. Dort haben wir in den ersten 30 Minuten Explosionen gehört. Aber man denkt ja nicht direkt an einen Terroranschlag. Wir dachten eher an eine Reihe Kinder, die ein paar Knaller wegen des Fußballspiels hochgehen lassen. Aber dafür war es doch ein ganz schöner Rums. Gegen 21Uhr30 sollte ich im Inneren des Stadions weitermachen, es war dort noch ziemlich ruhig kurz vor der Halbzeitpause und der Salon Privé gleich unter der Präsidentenbühne, wo ich arbeiten sollte, war noch leer. Dort habe ich zum ersten Mal einen Sicherheitsmann gehört, der von einem Toten gesprochen hat. Anschließend sprachen sie von der Evakuierung von François Hollande, der ja genau über uns saß. In dem Moment habe ich zum ersten Mal weiche Knie bekommen.

cafébabel: Wusste das Publikum Bescheid?

Nein, die Zuschauer wurden aus Sicherheitsgründen erstmal nicht informiert. Nach der ersten Halbzeit wusste niemand von nichts. Wir mussten weiterhin unser schönstes Lächeln aufsetzen, während die Leute ihre Petits Fours verspeisten und an ihren Champagnergläsern nippten. Da war die Geiselnahme im Bataclan schon im Gange. Während der zweiten Halbzeit flog ein Helikopter über dem Stadion. Ein Kollege musste etwas aus seinem Auto holen und hat wohl 'die Überreste' eines Kamikazen gesehen. Im Stade de France ist das Netz sehr schlecht. Ich konnte erst in einer Pause an mein Telefon. Und da hatte ich tausend Messages von Freunden und Familie: alle sprachen vom Bataclan, den Attentaten im 10. und 11. Arrondissement. Erst jetzt wussten wir, was wirklich los war. Das Stadion war abgeriegelt, raus konnte keiner. Am Ende des Freundschaftsspiels wurde gesagt, dass diesmal nicht wie gewöhnlich Interviews mit Spielern und Trainern im Anschluss an das Match gegeben würden, dass sich in Paris 'schlimme Ereignisse' zugetragen hätten. Zu diesem Zeitpunkt waren die Leute schon auf dem Rasen.

cafébabel: Was geht einem in diesem Moment durch den Kopf?

Oksana: Ich hatte Angst, aber raus traute ich mich auch nicht. Die Leute fingen an, unglaubwürdige Geschichten zu erzählen. Als ich in den Salon zurückkehrte, gab es einen Horrormoment. Am Ende des Spiels, als die Stadionpforten geöffnet wurden, gab es plötzlich eine weitere Detonation. Und dann rannten alle ins Innere des Stadions. Es gab eine Massenbewegung. Die Menschen drängten in alle Richtungen und bis auf den Spielrasen. Die Explosion schien in geraumer Nähe, fast als habe sie im Inneren des Stadions stattgefunden. Es gab Leute, die anfingen zu weinen und uns nach Smartphone-Ladegeräten fragten. Da habe auch ich angefangen, in Panik zu verfallen. Später haben wir mehr über die verschiedenen Anschläge im 10 und 11. Arrondissment und im Bataclan erfahren. Wir konnten es nicht fassen.

cafébabel: Wie hat sich die Lage beruhigt?

Oksana: Ich bin um halb eins in der Nacht gegangen, mein Vater sollte mich abholen. Überall hatten Streifenwagen und die Feuerwehr die Straßen barrikadiert, Sirenen heulten im Minutentakt. Ich konnte meinen Vater nicht finden und dann ging auch noch mein Telefon aus. Erst in diesem Moment ist mir richtig klar geworden, was an diesem Abend passiert war. Im Inneren befanden wir uns in einer Art Blase, wir haben gehört, ohne zu sehen. Während ich nach meinem Vater suchte, hörte ich einen Polizisten am Telefon sagen: das ist kein Plan Vigipirate [Sicherheitsplan in Gefahrensituationen; AdR] mehr, das ist Krieg. Meinen Vater fand ich gegen Viertel nach eins. Als ich endlich im Auto saß, bin ich erstmal in Tränen ausgebrochen.

cafébabel: Wenn man sowas miterlebt hat, kann man da noch schöne Abende mit Freunden auf Pariser Terrassen verbringen?

Oksana: Ich will nicht leugnen, dass das schon angsteinflößend ist. Plötzlich ist alles so nah und greifbar. Ich wusste auch vorher, dass in Frankreich eine Gefahr für Attentate bestand. Dass mehrere Anschläge in der Vergangenheit vereitelt wurden. Aber das war eben alles noch nicht real. Zu sehen, dass Orte des Gemeinschaftslebens angegriffen werden, an denen wir alle an diesem Abend hätten sein können oder wo ich in der Vergangenheit auch schon öfters war... Ich habe Angst, aber ich habe auch keine Lust Angst zu haben. Ich werde auch weiterhin weggehen. Aber ich fühle mich weniger sicher. Große Menschenaufläufe, wie zum Beispiel die COP21 [Weltklimakonferenz Anfang Dezember in Paris; AdR], geben mir ein mulmiges Gefühl.

cafébabel: Wie hast du den heutigen Tag verbracht, den Morgen nach den Attentaten?

Oksana: Ich bin heute nicht rausgegangen. Ich hatte einfach keine Lust. Erst wollte ich Blut spenden, aber eine Freundin sagte mir, die Spendestellen sind völlig überlaufen. Dann habe ich mir die Nachrichten angesehen. Das hat mich deprimiert. Gestern wollte ich nichts hören, nichts wissen, ich war terrorisiert. Aber heute habe ich mir das Video vom Bataclan angesehen, auf dem Menschen zu sehen sind, die flüchten oder aus den Fenstern klettern, auf dem Schüsse zu hören sind. Da war sie, die Realität, die ganze Abscheulichkeit der Anschläge. Ich habe dann lieber einen Film geschaut.