sri lanka: auf der pirsch mit laxman marley

Artikel veröffentlicht am 22. Juli 2012
Artikel veröffentlicht am 22. Juli 2012

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Don't you worry 'bout a thing, 'cause every little thing is gonna be alright! Auf den Weg in mein Hotel trotte ich die lange und staubige Hauptstraße von Dambulla entlang, als plötzlich glückliche Bob Marley-Klänge an mein Ohr dringen. Ganz unvermittelt muss ich lächeln. 

Kann es jamaikanisches Strandfeeling denn überhaupt geben in diesem hässlichen Örtchen im leeren und heißen Zentrum von Sri Lanka? Läge Dambulla nicht so nah an Sigiriya, dem berühmten sri-lankischen „Löwenfelsen“ aus dem 5. Jh. n. Chr., und den besterhaltenen buddhistischen Höhlentempeln der ganzen Insel, verirrte sich wohl niemals ein Tourist in dieses Konglomerat aus Busdepot und Shoppingcentern. Allen Widrigkeiten zum Trotz hat es Bob Marley doch bis hierher geschafft, zumindest in Gestalt von Laxman, dem selbsternannten „Bob Marley Sri Lankas“.

Als seine kleine, rot-schwarz-gelbe Rikscha neben mir hält, plärrt es aus den Lautsprechern so laut, dass ich Laxman kaum verstehe. Rise up this morning, smiled with the rising sun, three little birds pitch by my door step... Da ich sonst nichts zu tun habe, steige ich in sein Gefährt und lasse mich durch „sein“ Dambulla kutschieren. Das sei nämlich viel besser als sein Ruf und Bob Marley auch nach so vielen Jahren immer noch der größte Musiker aller Zeiten. Laxman, der lieber Bob genannt werden will, ist Mitte dreißig und dank Jeans, Bob Marley-Shirt und Jamaika-Mütze schon von Weitem zu erkennen. Sein Beruf? „Touristenhelfer“. Kein tourist guide und Abzocker, auch kein bloßer Rikscha-Fahrer, sondern vielmehr einer mit einem großen Herzen. „Geld ist mir egal, ich mache das eher zum Spaß. Hinterm Steuer treffe ich viele interessante Leute aus Europa und Amerika, da kann ich viel lernen und auch oft lachen.“ 

Singing sweet songs of melodies pure and true, singing... this is my message to you-uu-uuu... Laxmans erste gute Tat ist eine Fahrt zu seiner accii, was auf Singhalesisch „Großmutter“ bedeutet. Mit ihr verbinden ihn zwar eher freundschaftliche als Blutsbande, aber was mache das schon. Großmütter habe man ohnehin nie genug, lacht Laxman. Nach einer Tasse zuckersüßen tay (Schwarztee) und meinem Umzug vom Hotel in acciis Gästezimmer, nimmt Laxman mich mit auf die Schnellstraße Richtung Norden. „Wenn du wilde Elefanten sehen willst, musst du nicht in das teure Öko-Ressort gehen. Die gibt es auch gleich hier am Straßenrand.“ Während ich mich noch frage, ob Bob Marleys träge wippende Klänge die scheuen Elefanten nicht eher abschrecken, sind wir auch schon in eine Geschwindigkeitskontrolle gerauscht. Aber Laxman lässt sich nicht beeindrucken, zahlt 1000 LKR (knapp 5,90€) und fährt munter weiter. Bob Marleys Don't you worry-Mantra scheint auch das von Laxman zu sein. 

„Es war nicht immer so einfach, vor allem nicht während des Bürgerkriegs von 1983 bis 2009“, erzählt er mir, während wir im hohen Gras am Straßenrand auf die Elefanten warten. „Auch meiner Familie ging es nicht immer gut. Meine Schwester arbeitet momentan in den Vereinigten Arabischen Emiraten und ich muss für ihre zwei Töchter sorgen.“ Eine der beiden hat sich gerade von ihrem Alkoholiker-Ehemann getrennt, was in Sri Lanka wie in vielen anderen asiatischen Ländern auch noch immer nicht einfach ist. „Aber ich versuche trotzdem das Gute zu sehen, hart zu arbeiten und vielleicht auch einmal nach Europa zu kommen.“ Nur zu Besuch natürlich, denn leben will Laxman in der grauen Kälte nicht. Auch könne er sich nicht von der exzellenten Küche Sri Lankas verabschieden, die sich durch Reis, Kokosnüsse und besonders viel Chili auszeichnet. „Einmal war ich in Südindien, in Mumbai, und konnte einen Monat lang nichts essen. Alles dort war scheußlich, viel zu fett und dreckig. Zum Glück habe ich dann aber ein sri-lankisches dhaba gefunden, sonst wäre ich verhungert.“

Lachend versuche ich Laxman zu erklären, warum das Essen in Sri Lanka und Mumbai für Europäer gar nicht so anders ist, als er plötzlich aufhorcht. Rechts von uns taucht die erste Elefantenherde auf, drei Kühe und ein Kalb, und trottet gemächlich an der Straße entlang. „Sie suchen eine geeignete Stelle, um zu passieren“, flüstert mir Laxman zu. Don't you worry 'bout a thing, 'cause every little thing is gonna be alright... Der mittlerweile etwas gedämpfte Bob Marley scheint die kleine Elefantenherde nicht abzuschrecken. Während die Sonne hinter den hohen, grasigen Hügeln untergeht und die Landschaft in das für Sri Lanka so typische, magische Rotgold taucht, ziehen noch drei weitere einsame Elefanten an uns vorbei und ich finde eine lange Pfauenfeder im Gras. Don't you worry... 'bout a thing... Erst als es schon längst dunkel geworden ist, machen wir uns in der blinkenden Rikscha auf den Heimweg zu accii.

Am nächsten Tag will Laxman mich unbedingt zum Busbahnhof fahren, doch vorher legen wir einen kurzen Zwischenstopp bei ihm Zuhause ein. Stolz präsentiert er mir seine kleine Behausung, in der mintgrüner Putz von der Decke bröckelt und sich lange Schlieren über die Möbel und Fenster ziehen. Laxman muss meinen Blick abgefangen haben, denn sofort versucht er zu erklären: „Mein Haus liegt doch direkt an der Hauptstraße von Dambulla, unweit des Goldenen Tempels. Die Mönche versuchen schon seit Jahren, das Land an sich zu bringen und uns alle hier zu enteignen. Deswegen repariere ich nichts mehr am Haus, das wäre ja nur herausgeworfenes Geld.“ Über die buddhistische Geistlichkeit von Dambulla kann Laxman kaum Gutes berichten. „Die wollen immer nur Spenden. Nicht sehr buddhistisch, was?“

Beschweren will er sich aber trotzdem nicht über Gebühr. 'Cause every little thing is gonna be alright. I won't worry! So lange er sich seinen stündlichen tay mit Keksen, ein Abendessen für seine Nichten und eine Spritze gegen Krätze für seinen Hund leisten kann, geht es Laxman eigentlich schon gut. Natürlich würde er immer noch gerne seine Freunde in Deutschland und Holland besuchen, aber an ein Visum komme man als Singhalese nun mal nicht so einfach heran. Als ich am Busbahnhof aussteige, will Laxman noch nicht einmal Geld von mir annehmen. Schließlich kann ich ihm gerade so die 1000 LKR für den Strafzettel aufdrängen. Es ginge ihm doch gut und er behielte mich lieber als Freundin, nicht als Kundin in Erinnerung. Als Laxman schon längst wieder in seine bunte Rikscha eingestiegen und langsam davongerattert ist, höre ich noch lange das fröhliche Rauschen seiner Musikanlage: Don't you worry 'bout a thing... Bob Marley hätte es bei accii in Dambulla sicher gut gefallen. 

Im Juli 2013 erwarten Laxman und seine Nachbarn täglich die unmittelbare Zwangsräumung, da die entsprechenden Grundstücke nun den Mönchen des Golden Temple überschrieben worden sind. Eine Entschädigung oder Ersatzunterkunft erhalten die Anwohner der Kandy Road nicht. Die lokalen und Landesmedien in Sri Lanka haben bislang nicht über die Vorkommnisse in Dambulla berichtet.