Sprichst Du Twitter?

Artikel veröffentlicht am 7. April 2010
Artikel veröffentlicht am 7. April 2010
Tweet, tweet. Während der beiden Weltkriege waren es Brieftauben, die kurze, manchmal lebenswichtige Nachrichten überbrachten, wenn die elektronischen Leitungen unterbrochen waren. Heute sind es Twitter und seine 140 Zeichen langen Kurznachrichten. Unter der Bedingung, dass man die Sprache versteht. Ein kleines Twitter-Wörterbuch.

Für viele Bürger dieser Welt ist Twitter eine Möglichkeit die Medienzensur zu umgehen - ein Informationsmedium außerhalb jeder Kontrolle. Für seine Rolle im Rahmen der Demonstrationen zu den Wahlen im Iran hat Twitter sogar den Preis für die Meinungsfreiheit vom Index on Censorship, einer britischen Organisation, die über den Erhalt der Meinungsfreiheit wacht, in der Kategorie „Neue Medien“ verliehen bekommen.

Aber warum hat das 'Gezwitscher' von Twitter in Europa, wo es kaum Zensur wie im Iran gibt, so großen Erfolg? Bei den Briten haben die Tweets ('Gezwitscher') der Stars wie z.B. zwischen Lily Allen und Stephen Fry (1.412089 Follower) garantiert etwas damit zu tun. Die celebritweets (Stars, die twittern) haben sicherlich dazu beigetragen aus London die Stadt zu machen, in der in Europa am meisten getwittert wird. Der Vogel Twitter, lanciert von Jack Dorsey am 21. März 2006 in San Francisco, fühlt sich wohl in Europa.

In Paris zählte man im Jahr 2009 täglich 4500 Tweets. Das ist immer noch wenig im Vergleich zu London mit seinen 17.300 täglichen Kurzmeldungen. In Amsterdam sind es 6300, in Madrid 6000. Die Twittos (Personen, die twittern) sind so enthusiastisch, dass sie sich am 12. Februar 2009 in 202 Städten weltweit zu lokalen Twestivals zusammen gefunden haben. Diese wurden zu Gunsten humanitärer Organisationen wie Concern veranstaltet. #Twestival hat in den vergangenen 14 Monaten mehr als 1,1 Millionen Pfund zusammen getragen. Kurz gesagt: Twitter versteht es die Europäer anzusprechen: Party und gute Werte als Erfolgsrezept.

Plakat des Twestivals der Isle of WightAuch in Paris gibt es ein Twestival: Am 25. März fand zum zweiten Mal das Global Twestival statt. Aber in Frankreich war man schon immer besser im Reden als im Handeln. Im Land von Molière, welcher sicher nicht überlebt hätte in der Welt der 140 Zeichen, können die Twitterowicz, wie die Twitterer in Polen heißen, kreatwittern (kreativ twittern) und neue Wörter für das twictionary (Twitterwörterbuch) erfinden. Bei 140 Zeichen ist es besser kurze Wörter zu benutzen, um große Ideen zu verbreiten.

Andere, etwas libertärer, ziehen es vor nackt spazieren zu gehen und dabei twitpics an ihre Follower zu schicken: auf Französisch nennt man dieses Phänomen dann nuvitwitter! Weniger nebulös, aber dafür geselliger ist das Wort Twunch, was die Belgier geschmiedet haben - ein Zusammenschluss aus den Wörtern Twitter und Lunch. Es bezeichnet kleine Treffen, welche die Twittos im wahren Leben zusammen bringen.

Magenverstimmung wegen Neologismen

Man kann jedoch nicht alles twittern. Durch twitter shittern (twittern um des Twitterns willen) riskiert man als Twittwat zu enden (jemand, der keine Follower hat; twat im Englischen heißt in etwa so viel wie Arschloch). Auch Politiker, die Politwitter, greifen immer häufiger zu ihren I-Phones, um ihren Wählern näher zu sein. Twittowac (polnisch für twittern) kann das Ansehen verbessern, aber nur unter der Bedingung, dass man nicht zum Occasionitter (Gelegenheits-Twitterer) wird.

Für all diejenigen, die nichts mit dieser neuen Sprache des Mikro-Bloggings anfangen können - keine Panik! Für Amateure steht außer dem französischen Tweetionnaire noch ein Twictionary bzw. ein Twittonary zur Verfügung.

@All diejenigen, die #Neologismen hassen werden gebeten, diese Nachricht nicht zu lesen.