Spree-Athen und Mecker-Merkel-Stimmung in Europa

Artikel veröffentlicht am 28. September 2011
Artikel veröffentlicht am 28. September 2011
Es ist eine wichtige Woche für den Euro. Griechenlands Premier Papandreou traf Angela Merkel gestern in Berlin. Am morgigen Donnerstag soll dann in Deutschland über den erweiterten Rettungsschirm EFSF abgestimmt werden. Die Schuldenkrise belastet die traditionelle Freundschaft der EU-Länder. Der Name der deutschen Kanzlerin ist für viele Griechen inzwischen ein Schimpfwort.
Angela Merkel ist in Griechenland die bekannteste, aber auch die unbeliebteste deutsche Politikerin.

Ein Supermarkt im Athener Vorort Voula. Die Kassiererin händigt einer Kundin das Wechselgeld aus. Aber da scheint etwas nicht zu stimmen. Die Kundin, an ihrem Akzent zweifellos als Deutsche zu erkennen, protestiert. Es fehle ein Euro. Es entwickelt sich ein Wortwechsel, an dessen Ende die Kundin auf den Euro verzichtet und genervt den Laden verlässt. „Merkel“, zischt die Kassiererin ihr hinterher.

Du bist ja sowas von „Merkel“

Der Name der deutschen Kanzlerin ist für viele Griechen inzwischen ein Schimpfwort. Angela Merkel ist in Griechenland die bekannteste, aber auch die unbeliebteste deutsche Politikerin: Fast 84 Prozent der Griechen haben laut einer Umfrage eine negative Meinung von der Kanzlerin. Und das schlechte Image färbt ab: Während Deutschland 2005 noch von 78 Prozent der Griechen als beliebtestes Land genannt wurde, liegt es nun weit abgeschlagen bei 29 Prozent. Die Schuldenkrise hat einen Keil zwischen Deutsche und Griechen getrieben. Eine alte Freundschaft zerbricht.

Dass ihr Land kurz vor der Pleite steht, kreiden viele Griechen nicht nur der eigenen Regierung und den gnadenlosen Finanzmärkten, sondern auch Merkel an. Zu lange habe die Kanzlerin im Frühjahr 2010 mit Rücksicht auf innenpolitische Stimmungen und Boulevardmedien Hilfszusagen für Griechenland hinausgezögert und damit die Krise eskalieren lassen, heißt es. „Merkel denkt nur an die nationalen Interessen Deutschlands, sie versteht Europa nicht“, sagt die 23-jährige Athenerin Aliki Apostolatou. Das hänge wohl mit Merkels Herkunft aus der DDR zusammen, vermutet sie. Die Kunststudentin wollte eigentlich für zwei Semester nach München gehen, hat sich jetzt aber für Paris entschieden: „Da werde ich mich akzeptierter fühlen“, glaubt Apostolatou.

Griechische Diplomaten werden merkwürdig schweigsam, wenn die Unterhaltung auf das deutsch-griechische Verhältnis kommt. Auf die Frage, wie denn das persönliche Verhältnis zwischen Papandreou und Merkel sei, antwortet ein Diplomat: „Es muss gut sein.“ Ist das nun Hoffnung oder Ironie? Viele Griechen, die unter der erniedrigenden Schuldenkrise ihres Landes leiden, fühlen sich von Merkel zusätzlich herabgesetzt. Etwa, als die Kanzlerin forderte, Griechenland das Stimmrecht in der EU zu entziehen. Oder als sie beklagte, während die Deutschen „ganz viel arbeiten“, machten die Griechen „ganz viel Ferien“. Dabei haben die Deutschen laut Eurostat 30 Urlaubstage im Jahr, die Griechen hingegen nur 23. Und während die Deutschen laut Angaben der EU im Schnitt 37,4 Wochenstunden arbeiten, sind es in Griechenland 40.

Schicksalsjahre einer Vampir-Mutti

Zur Zerrüttung der Beziehungen beider Länder haben auch die Medien beigetragen. Die Bildzeitung forderte die Griechen auf, bevor sie nach Hilfskrediten riefen, sollten sie erst mal ihre Inseln verkaufen – „und die Akropolis gleich mit!“ Das Münchner Magazin Focus bezeichnete die Hellenen als „Betrüger in der Euro-Familie“ an und konstatierte gehässig „2.000 Jahre Niedergang“, der Griechenland zum „Hinterhof Europas“ gemacht habe und bildete die Venus von Milo mit Stinkefinger ab. Die griechische Zeitung Ethnos revanchierte sich mit einer Fotomontage, die ein Hakenkreuz auf der Berliner Siegessäule zeigte. Die Zeitung Proto Thema bildete Merkel gar in einer SS-Uniform ab, die Hand ausgestreckt zum Hitlergruß. Der Karikaturist der Zeitung To Vima zeichnete die Kanzlerin als blutsaugenden Vampir.

Man liebt sich nicht mehr, man achtet sich nicht einmal, aber man braucht einander. Aus der deutsch-griechischen Freundschaft ist eine Schicksalsgemeinschaft geworden. Die Griechen ahnen: Über das Schicksal ihres Landes wird längst nicht mehr in Athen entschieden sondern in Berlin. Der Beiname „Spree-Athen“ bekommt so eine ganz neue Bedeutung.

Der Autor dieses Artikels, Gerd Höhler, ist Mitglied des Netzwerks für Osteuropa-Berichterstattung n-ost.

Illustrationen: Homepage (cc)couchpotatoes/flickr; Saures für Angie (cc)amazon/dielinkebw/flickr; Videos: Papandreou in Berlin (cc)Italienischer Komiker (cc)la7intrattenimento/YouTube