Sprechen Sie Indisch?

Artikel veröffentlicht am 5. November 2013
Artikel veröffentlicht am 5. November 2013

Aap hindi bol jate hain? Sprechen Sie Hindi? Was in Nordindien ein alltägliche Frage ist, kann im Süden zur linguistischen Bombe werden. Denn das indische Sprachenkonzert ist nicht nur ohrenbetäubend und einzigartig, sondern auch politischer und religiöser Instrumentalisierung ausgesetzt. Eine "indische" Sprache gibt es dabei nicht - sondern mehr als vierhundert. 

Hindi? Na­tür­lich kann ich Hindi. Tum murkh ho! Bist du blöd. Ajoy mo­kiert sich ein­mal mehr über die stau­nen­de Dumm­heit der Eu­ro­pä­er, wäh­rend er be­tont läs­sig an sei­ner Zi­ga­ret­te zieht. Ei­gent­lich spre­che er häu­fi­ger Ben­ga­li, schließ­lich käme seine Mut­ter ja aus Kal­kut­ta. Aber er sei in Jhark­hand und Delhi auf­ge­wach­sen, könne daher auch Hindi: Mein Sprach­ni­veau ist aber ziem­lich pein­lich, meint er noch im glei­chen Atem­zug. Doch seine Mut­ter­spra­che sei na­tür­lich Eng­lisch. Wenn er schreibt, dann nur in der Spra­che Shake­speares und Fitz­ge­ralds, mit An­klän­gen an die Poe­sie der Ro­man­ti­ker und ame­ri­ka­ni­sche Son­gly­rics. Doch auf den Stra­ßen Del­his ruft, jauchzt und redet er ganz selbst­ver­ständ­lich auf Hindi. Und für meine noch un­ge­üb­ten Ohren klingt sein Ak­zent auch ziem­lich gut. Zu­min­dest die vie­len T's, d's und Dh's, an denen ich re­gel­mä­ßig ver­zwei­fe­le, hat Ajoy ganz si­cher drauf. Saab kuch clear hai? Alles klar?

Sag mir, was du sprichst, und ich sage dir, wer du bist. In In­di­en funk­tio­niert diese ein­fa­che Glei­chung meist nicht: Zwar kön­nen viele der Spra­chen, die von den 1,2 Mil­li­ar­den In­dern ge­spro­chen wer­den, geo­gra­fisch ver­or­tet wer­den. Aber bei mehr als 4000 Eth­ni­en, sich un­ab­läs­sig be­we­gen­den Be­völ­ke­rungs­mas­sen und täg­lich ge­leb­ter Mul­ti­lin­gua­li­tät muss man häu­fig ge­nau­er hin­hö­ren, um in dem Sprach­ge­wirr eine be­kann­te Vo­ka­bel zu er­ha­schen. Es fängt schon bei der Zahl der Spra­chen an: Der in­di­sche Zen­sus von 1991 zähl­te 1.576 „mo­ther ton­gues“ oder „Mut­ter­spra­chen“. Der Peop­le of India Be­richt des An­thro­po­lo­gi­cal Sur­vey of India, der Dia­lek­te weitgehend außen vor lässt, hin­ge­gen kommt auf nur 325 Spra­chen. Doch ob nun 1.600 oder 300 - eine ganze Menge sind das auf jeden Fall.

Umso lus­ti­ger er­scheint da die Frage vie­ler Eu­ro­pä­er: Spre­chen Sie auch In­disch? Ob damit lo­cker aus dem Hand­ge­lenk ge­schüt­tel­te Ge­bär­den­spra­che, das weit ver­brei­te­te Kopf­ge­wa­ckel oder viel­leicht doch Hindi ge­meint sein soll? Einen Inder, der einen Eng­län­der oder Fran­zo­sen fragt, wie denn Eu­ro­pä­isch klin­ge, muss man auf jeden Fall lange su­chen. Na­tür­lich gibt es so etwas wie In­disch nicht, lacht Ajoy. Von den in­di­schen Spra­chen seien 73% in­do-ira­ni­schen Ur­sprungs und also di­rekt mit den eu­ro­päi­schen Idio­men ver­wandt. Bei 24% han­de­le es sich um dra­vi­di­sche Spra­chen und der Rest falle in die Ka­te­go­ri­en aus­tro­asia­tisch, ti­be­to-bur­me­sisch, eu­ro­pä­isch und sons­ti­ge. Und dann gibt es na­tür­lich eine nicht zu ver­nach­läs­si­gen­de An­zahl Inder, die Eng­lischPor­tu­gie­sisch oder Fran­zö­sisch auf mut­ter­sprach­li­chem Ni­veau be­herr­schen – Spra­chen, die Re­lik­te der Ko­lo­ni­al­ge­schich­te sind und heute ganz selbst­ver­ständ­lich zum lin­gu­is­ti­schen All­tag zäh­len.

Hindi ist dabei die mit Ab­stand ver­brei­tets­te Spra­che: Ihr Ein­fluss­be­reich, der oft als Hindi belt be­zeich­net wird, zieht sich von Ra­jast­han im wüs­ten­haf­ten Wes­ten bis an die öst­li­chen Gren­zen von Bihar und Jhark­hand, um­fasst also fast den ge­sam­ten Nor­den und ei­ni­ge Teile Zen­tra­lin­di­ens. Das kommt auch daher, dass Hindi nur ein Sam­mel­be­griff ist, der viele wei­te­re Spra­chen wie Ra­jast­ha­ni, Biha­ri und Urdu mit ein­schließt. Bis zur Un­ab­hän­gig­keit In­di­ens im Jahr 1947 waren Hindi, Hin­dus­ta­ni und Urdu aus­tausch­ba­re Be­zeich­nun­gen, die alle die glei­che Spra­che be­schrie­ben. Hindi zeich­ne­te sich dabei durch einen grö­ße­ren Ein­fluss des klas­si­schen Sans­krit aus, wo­hin­ge­gen Urdu bzw. Hin­dus­ta­ni sich am Per­si­schen und Ara­bi­schen ori­en­tier­te. Wirk­lich un­ter­schied­lich waren die Spra­chen aber nicht, bis sie dann im Zuge der Tei­lung in In­di­en und Pa­kis­tan 1947 zu po­li­ti­schen und re­li­giö­sen Zwe­cken in­stru­men­ta­li­siert wur­den. Ein Nord­in­der und ein Pa­kis­ta­ni ver­ste­hen sich aber auch heute noch. Nur auf dem Pa­pier gibt es Pro­ble­me, denn Hindi wird – wie schon das klas­si­sche Sans­krit – mit dem De­va­na­ga­ri-Al­pha­bet, Urdu aber mit ara­bi­schen Buch­sta­ben ge­schrie­ben.

Als ich an­mer­ke, dass es doch von einer be­trächt­li­chen sprach­li­chen In­tel­li­genz der Inder zeuge, dass sie so viele Spra­chen be­herrsch­ten, hält Ajoy wie­der da­ge­gen. So kann man das nicht sehen, viele Inder spre­chen nur eine Spra­che und mit den Eng­lisch­kennt­nis­sen ist es auch nicht so weit her. Ihr Eu­ro­pä­er mit euer ewi­gen Ver­all­ge­mei­ne­rungs­wut! Trotz­dem ist die Mehr­spra­chig­keit weit ver­brei­tet, da viele Inder so­wohl eine Spra­che im Fa­mi­li­en­kreis, als auch ein oder zwei Re­gio­nals­spra­chen und Eng­lisch spre­chen. Da außer letz­te­rer aber keine Spra­che all­ge­mein ver­brei­tet ist, scheint Ar­ti­kel 343, Ab­satz 1 des in­di­schen Grund­ge­set­zes von 1950 umso un­ver­ständ­li­cher: „Die of­fi­zi­el­le Spra­che der Union ist Hindi in der De­va­na­ga­ri-Schrift.“ Was die in­di­schen Staats­grün­der im Be­wusst­sein der Not­wen­dig­keit einer grund­le­gen­den po­li­ti­schen, eth­ni­schen und re­li­giö­sen Ei­ni­gung ihres Lan­des fest­leg­ten, führ­te im Süden schon 1937 zu auch ge­walt­sa­men Aus­ein­an­der­set­zun­gen. So stieß die lin­gu­is­ti­sche Fest­le­gung vor allem in Tamil Nadu auf kon­se­quen­ten Wi­der­stand. Zum Glück hat­ten die Staats­vä­ter aber noch das Eng­li­sche als zwei­te of­fi­zi­el­le Spra­che vor­ge­se­hen, auf das seit­dem auch re­gel­mä­ßig aus­ge­wi­chen wird.

Auf Re­gio­nal­ebe­ne kann jeder Ein­zel­staat der Union ab­wei­chen­de of­fi­zi­el­le Spra­chen fest­le­gen. Ins­ge­samt gibt es 22 an­er­kann­te Re­gio­nal­spra­chen, die im 8th Sche­du­le, einem Ver­fas­sungs­zu­satz, auf­ge­lis­tet sind und oft als ein wei­te­rer Be­weis für die bunte Viel­falt In­di­ens zi­tiert wer­den. Tum samjh ti ho? Ajoy lacht und de­kli­niert den Satz in allen ihm be­kann­ten Spra­chen durch. Hast du das ka­piert? Wäh­rend ich zum hun­derts­ten Mal ver­su­che, den Un­ter­schied zwi­schen Dal und dal, zwi­schen main und mai hör­bar zu ma­chen, kauft Ajoy eine neue Schach­tel Zi­ga­ret­ten, ruft einem Freund auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te etwas auf Ben­ga­li zu und meint schließ­lich so cool, wie das nur auf Eng­lisch klin­gen kann: Shall we take off? Wir gehen zum Kon­zert einer be­freun­de­ten Band, auf dem sich Del­hi­tes und an­de­re Inder, Ira­ner, Ban­ga­len und Aus­län­der tref­fen. Die meis­ten glei­ten wie selbst­ver­ständ­lich in einem Ne­ben­satz ins Eng­li­sche oder in an­de­re Spra­chen ab, denn sprach­li­che Be­rüh­rungs­ängs­te kennt hier kei­ner. „In­disch“ ist das aber trotz­dem nicht – son­dern lin­gu­is­ti­sches Mul­ti-Tas­king auf allen Ka­nä­len. Saab kuch clear hai?