Sprachlos in Europa

Artikel veröffentlicht am 23. September 2010
Artikel veröffentlicht am 23. September 2010
In Europa gibt es eine Vielzahl von Sprachen - über zweihundert! 23 davon sind offizielle Sprachen der EU und neben den Landessprachen gibt es zahlreiche Regional- und Minderheitensprachen. Und dann gibt es da noch die Gebärdensprachen, denen mit der Deafweek 2010 in Berlin eine erste offizielle Aktionswoche gewidmet wird.

Im Gegensatz zu so mancher Regional- und Minderheitensprache hat jeder schon von der Gebärdensprache gehört. Dass es eine eigenständige Sprache mit eigener Kultur ist, das wissen nur die wenigsten. Im Gespräch mit der Gebärdensprachdolmetscherin Sofia Crabu wird schnell klar, es werden immer wieder die gleichen Fragen gestellt: Nein, die Gebärdensprache ist nicht so etwas wie Pantomime oder gar gebärdetes Deutsch. Und nein, die Gebärdensprache ist keine universelle Sprache.

Spra/echlosigkeit?

In Europa leben ca. 900.000 taube Menschen, davon ca. 80.000 in Deutschland. Die Gebärdensprache wird hier aber von rund 220.000 Menschen genutzt. Unter den Minderheitensprachen nimmt die Gebärdensprache eine besondere Position ein, da sie nicht von Menschen gesprochen wird, die eine ethnische Minderheit bilden. Aufgrund einer angeborenen Fehlbildung oder in Folge einer Erkrankung sind sie hörgeschädigt und können Lautsprachen nicht natürlich erlernen.

Für deutsche Taube ist Deutsch eine Fremdsprache.

Die Gebärdensprache ist eine visuell wahrnehmbare, dreidimensionale Sprache, die sich natürlich entwickelt hat und daher länderspezifisch ist: In Deutschland spricht man die Deutsche Gebärdensprache (DGS), in Österreich die Österreichische (ÖGS). Und entgegen aller Erwartungen hat die Gebärdensprache auch nichts mit der jeweiligen Landessprache gemein. Für deutsche Taube ist Deutsch eine Fremdsprache.

Bereits im 18. Jahrhundert gab es erste Bemühungen zur Integration von Gehörlosen. Unter Pädagogen, insbesondere Charles-Michel de l'Epée und Samuel Heinicke, kam es jedoch zu einem Streit über die „richtige“ Pädagogik. Heinicke vertrat die „orale Methode“, die später durch den 2. Mailänder Kongress 1880 durchgesetzt wurde. Die Kongressteilnehmer - alles vorwiegend hörende Pädagogen - beschlossen die Gebärdensprache aus der Schule zu verbannen. Die Tauben sollten die Lautsprache lernen und sich im Lippenlesen üben. Man war der Überzeugung, nur so könne eine Anpassung an die Gesellschaft garantiert werden. Der Tatsache, dass dabei die Bildung auf der Strecke bleibt, wurde keine Beachtung geschenkt. Erst in den 1960ern kommt es zu einem Umdenken, als die Sprachwissenschaftler Ben Tervoort und William Stokoe Gebärdensprachen linguistisch anerkennen.

Bis heute haben jedoch innerhalb der EU nur Finnland (1995), Portugal (1997) und Österreich (2005) die jeweilige nationale Gebärdensprache in der Verfassung verankert. In Deutschland ist mit dem Inkrafttreten des Behindertengleichstellungsgesetzes am 1. Mai 2002 die DGS rechtlich anerkannt. Gehörlosen wird damit das Recht auf Kommunikation gewährt, d.h. bei sämtlichen Ämtergängen haben sie Anspruch auf einen Gebärdendolmetscher, wie auch bei Elternabenden oder Arztbesuchen.

Bildung durch Gebärdensprache

Beim 1. Internationalen Fachkongress „Bildung durch Gebärdensprache“ im August 2010 forderten die über 300 Teilnehmer bilingualen Unterricht, in dem taube Kinder die Gebärden- und die Lautsprache sowie deren Kulturen (er)lernen und erfahren. An der Ernst-Adolf-Eschke-Schule in Berlin wird diese Unterrichtsform seit 2001 in Form eines Pilotprojekts durchgeführt. Die Gebärdensprache ist die einzige Sprache, in der Taube denken und sich ausdrücken können und muss daher gefördert werden. Das hat nicht nur identitätsstärkende Gründe, es rückt damit auch die Wissensvermittlung ins Zentrum des Unterrichts. Ganz nach dem Vorbild der amerikanischen Gallaudet University gibt es heute übrigens auch eine Initiative für die erste europäische Gebärdenhochschule, an der Taube wie Hörende gemeinsam studieren können - in Gebärdensprache. Durch besseren Zugang zu Bildung ist für Taube ein anderer, ein selbstbestimmter Werdegang möglich.

Diese Entwicklungen sind positiv. Dennoch ist der Alltag eines Tauben heute noch immer mit Schwierigkeiten verbunden. Taube stoßen ständig auf Sprachbarrieren, da die meisten in ihrer Umgebung keine Gebärdensprache sprechen. Viele hörende Menschen glauben, dass Taube von den Lippen lesen können oder man mit ihnen Informationen schriftlich austauschen kann. Die Wirklichkeit ist jedoch eine ganz andere. Der Einsatz von Gebärdensprachdolmetschern lohne sich für die Tauben wie für die Hörenden, so Sofia Crabu, da bei Gesprächen Zeit gespart und Missverständnisse vermieden werden können. Allerdings, wenn sich dann die Frage der Kostenübernahme stellt, geht der mühsame Weg weiter - durch komplizierte Gesetzestexte.

Er erreichte den zweiten Platz der finnischen Qualifikation für den Eurovision Song Contest 2009Dass sich Gesetzestexte verändern, dass sich das Bildungsangebot für Taube verbessert, dafür setzen sich zahlreiche Verbände ein, u.a. der Deutsche Gehörlosen Bund auf nationaler Ebene oder die European Union of Deaf auf EU-Ebene. Aber dass sich auch die Wahrnehmung in der Gesellschaft von Tauben verändert, dazu laden diverse Kulturveranstaltungen wie der Deaf-Poetry-Slam oder Theater in Gebärdensprache ein. Kurzum, wer wissen möchte, wie Gebärdensprachkultur aussieht, hat dazu am 4.12.2010 im niederländischen Utrecht beim Konzert der finnischen Hip-Hop-Band Signmark oder vom 24.9. bis 25.9.2010 beim Berliner Gebärdensprachfestival Gelegenheit. Mit Theater und Türkisparade endet dann auch die erste Aktionswoche „DEAFWEEK 2010“ in Berlin unter dem Motto „Viva la Diversity - hoch lebe die Vielfalt!“

Fotos: (cc)sicoactiva/flickr; Signmark ©signmark.biz