Sprach-Rassismus: Warum Tarantino und niemand sonst 'Neger' sagen darf

Artikel veröffentlicht am 8. Februar 2013
Artikel veröffentlicht am 8. Februar 2013
Macht der Gebrauch des Wortes 'Neger' in seinem Film Django Unchained den amerikanischen Regisseur Quentin Tarantino zu einem Rassisten? In Europa wird das Thema sowohl in der Fußballwelt, in deutschen Kinderbüchern als auch in Blogs heftig diskutiert.

Wenn man die dunkelsten Epochen menschlicher Geschichte thematisiert, braucht es oft nur ein einziges Wort, um einen allgemeinen Aufschrei auszulösen. Die derzeit am intensivsten geführte Sprachdebatte in der Welt des Kinos dreht sich um den Gebrauch des 'N-Wortes' in Quentin Tarantinos neuestem Film Django Unchained über Sklaverei und das Amerika in der Zeit vor dem Bürgerkrieg.

Der afro-amerikanische Filmregisseur Spike Lee behauptete auf Twitter, dass Tarantino von dem 'N'-Wort wie besessen sei und es exzessiv verwende, um den Dialogen in seinen Filmen mehr Prägnanz zu verleihen. Das Wort 'nigger' taucht auch 16 Mal in Pulp Fiction, mehr als 30 Mal in Jackie Brown und über 100 Mal in Django Unchained auf.

Sichtlich genervt über die Kontroverse antwortete Tarantino, dass er ‚nichts anderes von Spike Lee erwarte‘ und betonte, dass wenn man eine exakte Beschreibung einer bestimmten Periode geben wolle, man deren Codes verwenden müsse (tatsächlich war das Wort 'Neger' in der Mitte des 19. Jahrhunderts in den Südstaaten weit verbreitet).

Deutsche Befindlichkeit

Abseits von der Kinowelt findet auch in Deutschland gerade eine ähnliche Debatte statt. Mitte Januar verkündete das Verlagshaus Thienemann, dass es beabsichtige, diskriminierende Ausdrücke in Kinderklassikern zu entfernen - darunter auch das Wort 'Neger' im Buch Die Kleine Hexe von Otfried Preußler. Die neunjährige Deutsch-Senegalesin Ishema Kane schreibt in einem Leserbrief an die ZEIT: „Ich bin sauer auf Sie [...]. Ich finde es total scheiße, dass das Wort in Kinderbüchern bleiben soll, wenn es nach Euch geht. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie sich das für mich anfühlt, wenn ich das Wort lesen oder hören muss.“ Auch in den USA und in Großbritannien gab es ähnliche Diskussionen, welche letztendlich zu Streichungen in Büchern wie Joseph Conrads The Nigger of the Narcissus (1897) oder Die Abenteuer des Huckleberry Finn (1884) führten.

Rassismus in der AlltagsspracheIn Deutschland geht die Debatte um alltäglichen Rassismus in der Sprache weit über Kinderbücher hinaus. So wurde der Negerkuss längst in den Schokokuss umgetauft. Und als die Moderatorin und Autorin Sarah Kuttner kürzlich während einer Lesung von der 'Negerpuppe' sprach, hatte die Erwähnung einer Kindheitserinnerung einen ziemlich heftigen Shitstorm zur Folge.

Das Wort 'Neger' wird bereits seit den 1950er Jahren als rassistisch bezeichnet. Heute legt die deutsche Regierung Journalisten ebenfalls nahe, den Ausdruck 'Farbiger' zu vermeiden, da es schlichtweg besser wäre, einen Menschen kontextabhängig als Weißen oder Schwarzen zu bezeichnen. So ähnlich hält man es auch in Spanien und insbesondere in Lateinamerika. Das Wort 'negro' ist oft weniger beleidigend, als jemanden als 'farbig' (eres de color) zu bezeichnen.

Französische Ghostwriter und Rassismus im Sport

Das ‚N-Wort‘ kann aber in Europa auch unterschiedliche Konnotationen haben. Wenn man in Frankreich auf der Straße einen Schwarzafrikaner 'nègre' nennt, wird man bestenfalls verhaftet oder es wird einem direkt die Nase gebrochen. Der Ausdruck jedoch hat mehrere Bedeutungen: 'nègre' kann auch einfach ein anderes Wort für Ghostwriter sein. Wenn man also auf Französisch sagt 'Dieser Mensch ist einer von Michel Houellebecqs Negern', muss man sich nicht unbedingt um seine Nase sorgen. 

Welche Auswirkungen es haben kann, wenn das Wort im falschen Kontext benutzt wird, lässt sich auch an der Auseinandersetzung zwischen zwei Fußballspielern in England sehen. In einem Spiel zwischen Liverpool und Manchester United Ende 2011 nannte Liverpools Stürmer Luis Suarez (aus Uruguay) Manchester-Verteidiger Patrice Evra aus Frankreich 'negro'. Der englische Fußball-Verein sperrte ihn aufgrund von rassistischer Beleidigung daraufhin für die nächsten für acht Spiele und er musste eine Strafe von fast 50.000 Euro bezahlen.

In seinen Erläuterungen betonte der Stürmer, dass das ‚N-Wort‘ in Lateinamerika nicht beleidigend sei, sondern einer von vielen Ausdrücken, die im Latino-Slang benutzt werden. Auch in Italien haben Anfang Januar Fans des Fußballteams Pro Patria Milans Fußballspieler Kevin-Prince Boateng während eines Freundschaftsspiels in Busto Arsizio rassistisch beleidigt, indem sie ihn 'negri di merda' nannten. Sieht somit ganz danach aus, als sei es nur in Filmen erlaubt, das ‚N-Wort‘ zu benutzen. 

Illustrationen: mit freundlicher Genehmigung der ©Django Unchained Facebook-Seite