Spot.us - Informationsanarchie als Retter des Journalismus

Artikel veröffentlicht am 28. Oktober 2009
Artikel veröffentlicht am 28. Oktober 2009
Laut KPMG Media and Entertainment Barometer Report zahlen lediglich 11% der Net-Leser für Online-Informationen. Und unter den 89% der Verfechter der Gratiskultur denken nur 11% darüber nach innerhalb der nächsten 12 Monate damit anzufangen. Ein alternativer Blick nach Übersee.

„Nicht dieser Baum, sondern meine Gewalt oder Verfügung über ihn ist die meinige.“ Nimmt man diesen Satz von Max Stirner - einem Schüler Hegels, der Mitte des 19. Jahrhunderts im Namen des individualistischen Anarchismus gegen seinen Meister rebellierte - und ersetzt man das Wort „Baum“ durch das Wort „Information“, bekommt man einen recht guten Eindruck der ancharchistischen Revolution, die Spot.us auf dem Informationsmarkt zu etablieren versucht. Spot.us ist die erste völlig von Bürgern finanzierte Webseite für investigativen Journalismus der Vereinigten Staaten.

Der Mechanismus ist einfach: Die User diskutieren und entscheiden online, welche Themen sie von einer Gruppe Journalisten gern eingehender behandelt sehen würden. Die Journalisten erstellen daraufhin eine Schätzung über die Kosten der Recherchearbeiten und machen sich erst dann an die Arbeit, wenn die veranschlagte Summe mit den kleinen Spenden der User erreicht wird. Durchschnittlich sind das 20 Dollar.

„Man kann Spot.us mit einem Markt vergleichen“, erklärt Erfinder David Cohn. „Während Journalisten oder Herausgeber normalerweise wie Verkäufer agieren können, die entscheiden, ein bestimmtes Produkt urplötzlich nicht mehr anzubieten, bestimmt bei uns die Nachfrage der Kunden, wann sich unser Informationsangebot wie gestaltet. Innerhalb der kaum 12 Monate, die wir existieren“, fährt er fort, „haben wir ungefähr 45.000 Dollar von hunderten Personen allein in San Francisco gesammelt und so rund 40 Berichte hervorbringen können“. Das Abenteuer Spot.us hat mit der finanziellen Unterstützung der Knight Foundation und einer Handvoll lokal verwurzelter Journalisten, die sich stark an den Bedürfnissen ihrer Leserschaft orientieren, seinen Grundstein in der Bucht von San Francisco gelegt.

Bisher existiert in Europa noch nichts, was mit dem Prinzip “Crowdfunding journalism“ - wörtlich Journalismus, der sich aus den Mitteln der Bürger finanziert - vergleichbar wäre. Aber natürlich mangelt es auch hier nicht an Zweifeln bezüglich der Ausdauerfähigkeit: „Es ist richtig“, räumt Stefano Cingolani, Kolumnist der italienischen Tageszeitung Il Foglio ein, „viele Bedürfnisse und Erfahrungen entstehen von unten, aber Journalismus kann kein reiner ‘Nachbarschaftsjournalismus‘ sein. Ich glaube an die Funktion der Eliten“, fährt Cingolani fort, „an ihre Fähigkeit, zusammenhangslosen Fakten und Nachrichten einen Sinn zu geben, an ihre Fähigkeit, visionäre Perspektiven zu schaffen, die die Massen widerspiegeln und bewegen können. Das, was vielleicht fehlt“, so schlussfolgert er, „ist ein echter Pluralismus dieser Eliten.“

Cohn steht mit seiner Idee genau am anderen Ufer: „Wir bewegen uns innerhalb eines Nachtwächterstaates, der der Anarchie näher ist als dem Autoritarismus des klassischen Verlagswesens“. Was lässt sich dem entgegensetzen? Breite Entscheidungen, keine Verleger, keine Werbung, kein unnötiger Druck: wenn das keine Anarchie ist…!