Spanische Jugendliche: Katalonien, was jetzt?

Artikel veröffentlicht am 29. September 2015
Artikel veröffentlicht am 29. September 2015

Die Ergebnisse der letzten Regionalwahlen in Katalonien sind ein klarer Sieg für die Unterstützer der Unabhängigkeit, auch wenn Junts pel Sí (Gemeinsam für das Ja) nicht die absolute Mehrheit erhielt. Nichtsdestotrotz könnte die Wahl zur Lösung des langen Unabhängigkeitskonflikts führen. Wie bewerten junge Spanier die Ergebnisse?

Ariadna Corbí, 24 Jahre (Barcelona)

 „Die Ergebnisse der katalanischen Wahlen zeigen eins ganz deutlich: Die Unabhängigkeitsbewegung hat eine klare und mehrheitliche Zustimmung erhalten. Ab sofort können die Vertreter der spanischen Einheit nicht mehr von einer „stillen Mehrheit“ sprechen, wie sie es so oft in der Vergangenheit getan haben. Das katalanische Volk hat demokratisch gesprochen und seine Meinung mitgeteilt. Die Separatisten haben die erforderliche Mehrheit bekommen, um ihre Arbeit fortzusetzen. Sie haben nicht die absolute Mehrheit der Stimmen erhalten, aber 1,9 Millionen Menschen haben sich für sie ausgesprochen, eine Masse, die nicht ignoriert werden darf. Es ist auch festzustellen, dass die restlichen Wähler nicht alle den aktuellen Kurs befürworten: Viele von ihnen unterstützen Kandidaten, die, obwohl sie sich nicht für die Unabhängigkeit einsetzen, das Recht auf freie Entscheidung des Volkes unterstützen. Darum bin ich der Meinung, dass die spanische Regierung ihnen diesmal zuhören und ein offizielles Referendum zulassen muss. Nur auf diesem Wegen können wir uns diese Interpretationen sparen und wissen genau, was das katalanische Volk will, indem wir es fragen, ob es für oder gegen die Unabhängigkeit ist. Es ist an der Zeit sich bewusst zu machen, dass das Problem da ist und so schnell nicht wieder verschwindet. Und die Regierung hat nicht viele andere Lösungen, um es anzugehen.“

Sara Sánchez, 24 Jahre (Salamanca)

 „Die Wahlen haben der Partei, die die Unabhängigkeit unterstützt, die Macht gegeben, so wie auch bei den letzten Wahlen. Katalonien wurde niemals von rechten Politikern regiert. Darum ist es keine große Überraschung. Aber in Realität haben sie nicht mal Unterstützung der Hälfte der Katalanen, die gewählt haben, erhalten. Also es eigentlich kein Triumpf für die Separatistenbewegung. Ich leben auf der anderen Seite des Landes und habe kaum Schlechtes über Katalonien in meinem näheren Umfeld gehört. Ich finde, das alles entwickelt sich zu einem einzigen politischen Kampf mit der Frage: „Wer wird der stärkste sein?“ Außerdem sinken die Sozialausgaben für Katalanen und alle Spanier sinken, während die katalanische Politik Geld für ihre Kampagnen verschwendet. Meiner Meinung nach sollten die katalanischen Volksvertreter ihre Anstrengungen und ihr Geld in wahre Probleme der Bürger stecken und in eine Politik, die es möglich macht mit dem Rest des Landes zusammenzuleben. An alle, die die Unabhängigkeit radikal unterstützen, sage ich, dass wir aufhören sollten uns gegenseitig zu hassen, indem wir realisieren, wie schön es ist einen solch großen Reichtum an Kultur und Sprache in einem einzigen und gleichen Land zu besitzen.“

Alex Raga, 24 Jahre (Valencia)

 „Ein großer unbestreitbarer Titel symbolisiert den heutigen Tag: „Die Logik des Volkes hat sich durchgesetzt“. In Anbetracht von detaillierten Resultaten nach der Wahl scheint es, als ob die links-rechts-Achse fast komplett vom Separatismus geschluckt wurde, denn die Partei Ciudadanos konnte sich in der sozialistischen Tradition durchsetzen, die im „Roten Ring“ von Barcelona vorherrscht. Mich als junger Vertreter des linken Lagers beunruhigt das, ebenso wie die Wahlschlappe von Catalunya Si que es Pot, denn die sozialen Fragen sind in der Politik nahezu komplett verschwunden. Die Zukunft der „nationalen Frage“ liegt in Verhandlungen zwischen spanischer und katalanischer Regierung, die wünschenswert und unvermeidbar sind, um eine Lösung zu finden, die alle Positionen in Katalonien einbezieht, die sich um die Unabhängigkeit gebildet haben.“

Aitor Sodupe, 19 Jahre (Vitoria)

 „Ich denke in Anbetracht der Ergebnisse, dass es ein enormes Durcheinander war, diese Wahlen vorzuziehen. Was micht betrifft, stimme ich dem zu, was Ciudadanos in Katalonien sagt, also dass sie Parteianhänger keinen Dreierbund formen werden, wir wissen wie das vor einigen Jahren gelaufen ist. Ich verstehe die Position der Katalanen, die die Unabhängigkeit wollen und ich verstehe, dass die Regierung etwas machen muss, da fast die Hälfte der Bürger sich dafür ausgesprochen haben. Daher ist eine Verhandlung notwendig. Daher denke ich, dass die kommenden Wahlen in Spanien entscheidend sein werden und ähnlich ausgehen, wie die katalanischen Wahlen: Es wird viele Parteien brauchen, die sich zusammenschließen, um eine Regierung zu bilden.“

Silvia Sánchez, 24 Jahre (Teruel)

 „Die katalanische Gesellschaft hat klar gezeigt, dass sie in zwei Lager geteilt ist. Aber wir können uns nicht taub stellen: Die Mehrheit der Katalanen hat den Wunsch geäußert, sich von Spanien zu trennen. Auch wenn ich es schätze, dass Spanien reich an Vielfalt ist und genau dies das Land so besonders macht, haben wir alle eine eigene Traditionen, eine eigene Geschichte und eigene sprachliche Besonderheiten. Nicht nur die Katalanen. Ich denke, dass die Botschaften der Politiker in der katalanischen Gesellschaft stark angekommen sind. Ich bezeichne mich als Demokratin und finde es daher großartig, dass sie ihre Meinung gesagt haben. Jetzt müssen wir uns eine Frage stellen: Wissen die Katalanen welche Konsequenzen auf sie zukommen, wenn sie die Unabhängigkeit erreichen? Wer wird davon profitieren? Wollen die Katalanen wirklich ein neues Land, das von Artur Mas (Präsident einer möglichen Koalition, Anm. d. Red.) regiert wird? Für mich liegt die Lösung im Willen aller Parteien. Die Zentralregierung müsste sich offen zeigen und einen Dialog anstoßen, wohingegen die katalanische Regierung bescheidener sein müsste. Außerdem müsste sie aufhören die Vergangenheit auf Kosten der Geschichte anderer zu benutzen. Wir könnten zu einer zufriedenstellenden Übereinkunft für alle kommen, ohne dass es nötig ist, sich von Spanien zu trennen.“