Spanisch im globalen Kultursupermarkt

Artikel veröffentlicht am 13. April 2004
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Artikel veröffentlicht am 13. April 2004

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Von Miami bis nach Bukarest, von George Bush bis Ricky Martin – Spanisch, als Gegensatz zur angelsächsischen Kultur, ist allgegenwärtig. Die Sprache von Cervantes könnte eine entscheidende Rolle in der Zukunft der Europäischen Wirtschaft spielen.

Heute, wie auch schon vor einigen Jahren ruft der Begriff “lo Hispano”, “das Spanische” in Bewusstsein vieler Menschen ein bestimmtes Bild hervor – eine Gruppe mexikanischer Chicanos, die um einen runden Tisch versammelt Tequila trinken und ihre Rancheras singen.

Dem Klischee auf den Grund gehen

Zu dieser Vorstellung gesellt sich auch das Bild eines bärtigen andalusischen Räubers, der mit einem Gewehr bewaffnet im Gebirge auf einen Adligen lauert, um ihn zu überfallen. Auch der kubanische Salsa macht einen Teil dieses Klischeebildes aus, ebenso wie der kolumbianische Gangster im weissen Sakko und einer dicken Goldkette um den Hals. Natürlich dürfen auch die Andenmusiker nicht fehlen, die auf ihren Panflöten “El cóndor pasa” spielen, wobei es bei diesem Lied eigentlich unklar ist, ob es in Bolivien komponiert wurde oder doch von Simon and Garfunkel, die sich von den Strassenkünstlern im Central Park inspirieren ließen. Ein Video von Madonna, wie z.B. “La isla bonita” ist wie ein Mosaik, dass sich aus den verschiedenen Facetten des Spanischen zusammensetzt: Sevilla, Guadalajara, La Habana, Santiago de Chile – alles wird eins. Als andalusische Zigeunerin läuft Madonna durch die Strassen einer karibischen Stadt, umgeben von jungen Latinos die sie auf der Gitarre begleiten:

I want to be where the sun warms the sky. When it's time for siesta…

Wozu sollte man sich auch mit den feinen Unterschieden auseinandersetzn, wenn man doch alles zu einem einheitlichen, leicht verständlichen Bild vermischen kann?

Die Hauptstadt des Spanischen

Es gibt jedoch einen Ort, jenen Schmelztiegel der Kulturen, an dem die unterschiedlichen Facetten der hispanischen Kultur eins werden. Ein eiziger Themenpark des Spanischen, an der heißesten Küste des amerikanischen Imperiums. Dieser Ort ist Miami.

Strände, melodische Lieder, spanische Fernsehsender, Radios, die tagein, tagaus spanische Musik spielen. Discos. Fernsehprediger. Konzerte. “Das Spanische”, die “Kultur auf Spanisch” hat den globalen Musikmarkt erobert, und zwar dank einem Klischeebild. Die “Latino-Kultur” steht im Gegensatz zu der Kultur der Angelsachsen - das Heissblütige, Sinnliche, das Emotionale gegen das Kalte, Industrielle. Die Bezeichnung “latino” ersetzt dabei den Begriff “hispano”, um diesem den pejorativen Charakter zu nehmen. Das Spanische hat den grössten Bereich der globalen Kulturindustrie erobert: die Vereinigten Staaten. Dies ist kein Zufall. Spanisch ist die Muttersprache von 35 Millionen der Bewohner der Vereinigten Staaten. George Bush und seine Familie sprechen Spanisch (und zwar nicht viel schlechter als Aznar, besonders wenn dieser Bush auf seiner Ranch besucht und den texanischen Akzent übernimmt) Will man die heutige Entwicklung der spanischen Sprache im weltweiten Kontext analysieren, so sollte man eher Miami und die Grammys Latinos betrachten ziehen, als das Instituto Cervantes.

Sábado Gigante”, eine in Miami produzierte Fernsehsendung vereint in seinem mehrstündigem Programm Musikwettbewerbe für spanischsprachige Interpreten, Interviews mit Immigranten, Reportagen, Künstlerauftritte. Unterhaltung in Hülle und Fülle. Eine Sendung, die von Millionen Zuschauern gesehen wird, von den USA bis nach Argentinien. Die spanische Realität entsteht in Miami, das Fernsehen vereint die beiden Welten und macht eine daraus.

Das Klischee wird Ware

Die hispanische Kultur hat sich dank der Musik verbreitet und dank jenen Klischees, die sie in einer vereinfachten, verständlichen Form präsentieren, facettenlos und somit leichter zugänglich.

Das Spanische hat an wirtschaftlicher Bedeutung gewonnen und stellt heute eine Alternative zur der englischsprachigen Popkultur da. Weltweit, und vor allem auch in Europa wird in Clubs neben der englischsprachigen zunehmend spanischsprachige Musik gespielt: Enrique Iglesias, Ricky Martin, Alejandro Sanz…

Es wurde deutlich, das die Spanische Sprache sich am besten ausbreiten könnte, indem sie sich mit anderen Sprachen vermischt: Lieder in Englisch, mit spanischen Refrains. Symptom ist das “Spanglish”, eine Mischsprache, die in vielen Gebieten der USA gesprochen wird.

Nach und nach hat sich Spanisch immer weiter ausgebreitet. Das Spanische spielt eine wesentliche Rolle auf dem Gebiet der Massenkultur, seit es zu einem Produkt wurde und den Markt erobert hat. Kulturelle Ware zu werden bedeutet vereinfacht, vereinheitlicht zu werden. Es bedeutet auch an Bedeutung zu verlieren und sich in eine Formel zu verwandeln.

Spanisch in Europa

Daher sollte man sich fragen, ob Spanisch die zweite Sprache Europas ist. Jedenfalls ist es nicht die zweitmeistgesprochene. Und auch nicht die zweitverbreitete. Fakt ist, dass es die viertbeliebteste Sprache der Europäer ist, nach Englisch, Französisch und Deutsch. Zur Zeit ist Spanien nicht die zweitstärkste Wirtschaftsmacht Europas, wenn auch seine Internetpräsenz, so Fernando R. Lafuente, Direktor des Instituto Cervantes, ein wichtiger Antrieb seiner Wirtschaft ist. Auch in Brüssel ist Spanisch zwar als offizielle Sprache der EU präsent, spielt jedoch bislang nicht die gleichwichtige Rolle wie Englisch oder Französisch. Gleichzeitig ist es jedoch überraschend, wie Spanisch in Osteuropäischen Ländern an Bedeutung gewinnt. Die Zahl der Personen, die die spanische Sprache erlernen ist von 1998 bis 2002 in Polen um 86%, in Rumänien um gar 158% gestiegen.

Die spanische Sprache, vorangetrieben durch die Ausbreitung der hispanischen Kultur, hat in Europa einen wirtschaftlichen und kulturellen Raum neben der angelsächsischen Kultur gewonnen. Französisch, Deutsch oder Italienisch sind Sprachen und Kulturen, die einen starken Einfluss im kontinentalen Kontext ausüben, doch dieser ist einer ausschliesslich nationaler Natur.

Spanisch geht über den bürokratischen Rahmen der EU hinaus, da es Europa den direkten Kontakt zu Lateinamerika ermöglicht sowie einen indirekten zu den Vereinigten Staaten.

Ausserdem bietet es eine kulturelle Alternative im Rahmen des globalen Marktes. Zweifelsohne wird die spanische Kultur im 21. Jahrhundert wesentlich von der Wirtschaft beeinflußt. Spanisch ist präsent sowohl auf MTV und bei den Grammy-Verleihungen als auch im Weissen Haus.

Durch Vereinfachung, Vermischung, Schematisierung entstand neben der Angelsächsischen eine weitere Massenkultur. Die Hispanische.