Spanier in Brüssel: Wie lange bleibst du?

Artikel veröffentlicht am 15. Juli 2014
Artikel veröffentlicht am 15. Juli 2014

Die Wirtschaftskrise und die hohe Arbeitslosigkeit, die die spanische Gesellschaft erschüttern, haben Tausende von jungen Menschen dazu gebracht, über die Grenzen zu ziehen und ihren Weg anderswo in Europa zu suchen. Die belgische Hauptstadt Brüssel ist für viele von ihnen zur Anlaufstelle geworden – hier kämpfen sie mit prekären, schlecht bezahlten Jobs und ohne soziale Sicherheit ums Überleben.

„Wie lange bleibst du?“, ist eine häu­fi­ge Frage an viele der jun­gen Men­schen, die auf der Suche nach einer Be­schäf­ti­gung in das von ihnen als „El Do­ra­do“ ge­se­he­ne Bel­gi­en ge­kom­men sind. Das be­rich­ten die Freun­din­nen Laura und Es­ther, die noch mehr tei­len als gute und schlech­te Zei­ten: Beide sind junge spa­ni­sche Emi­gran­tin­nen, die die Aus­sichts­lo­sig­keit in ihrem Land eines Tages satt hat­ten und sich ins Aben­teu­er stürz­ten. Viele er­klä­ren, dass die An­kunft der Ein­wan­de­rer aus den süd­li­chen Län­dern die Krise ver­schärft hat. Die Bei­den be­rich­ten von der wach­sen­den Ab­leh­nung eines Groß­teils der Ge­sell­schaft: Immer wie­der wer­den sie ge­fragt: „Wann gehst du?“ oder „wie lange bleibst du?“

Laura hat einen Job, der al­ler­dings nicht ganz legal ist: „Ich ar­bei­te in einem Re­stau­rant; laut Ver­trag 30 Stun­den pro Woche. In Wirk­lich­keit sind es 60 Stun­den und ich be­kom­me die Hälf­te mei­nes Ge­halts in einem Um­schlag.“ Schwarz­ar­beit scheint durch­aus üb­lich zu sein. „Ich kenne viele, die das ge­nau­so ma­chen“, ge­steht sie. Hohe Steu­ern und die reich­lich vor­han­de­ne Ar­beits­kraft aus dem Süden Eu­ro­pas bil­den den per­fek­ten Nähr­bo­den für viele Un­ter­neh­mer. Sie be­rei­chern sich, indem sie den Staats­fis­kus um­ge­hen und pre­kä­re Ver­trä­ge anbie­ten. Es ist sehr schwie­rig, ver­läss­li­che Zah­len zu nen­nen, aber Schät­zun­gen zu­fol­ge sind rund 300.000 Men­schen be­trof­fen.

Es­thers Fall ist an­ders. Die Kran­ken­schwes­ter ist seit ein­ein­halb Jah­ren in Bel­gi­en und hat einen guten Job. „Die Be­din­gun­gen sind bes­ser als in Spa­ni­en, nicht nur wegen des Ge­halts“, er­klärt sie. Die An­fän­ge waren al­ler­dings hart, er­in­nert sie sich. „Wenn du her­kommst, hast du drei Mo­na­te, um einen Job zu fin­den. Dann be­kommst du einen Brief ge­schickt, dass sie dich aus­wei­sen wer­den“, sagt sie. Au­ßer­dem, be­tont sie, seien Haus­be­su­che der Po­li­zei keine Sel­ten­heit. In Ihrem Fall ist die Po­li­zei nicht ge­kom­men, da sie recht­zei­tig Ar­beit ge­fun­den hatte. Doch die „Stadt­ver­wal­tung hatte mir an­ge­droht, dass sie die Po­li­zei schi­cken wer­den“. Im ver­gan­ge­nen Jahr er­hiel­ten 323 Spa­ni­er Räu­mungs­kla­gen. Es han­delt sich nicht um eine Ab­schie­bung im ei­gent­li­chen Sinne, es ist eher eine Art „Ver­wal­tungs­tod“. Das Grund­prin­zip der Eu­ro­päi­schen Union des frei­en Ver­kehrs von Waren, Ka­pi­tal und Ar­beit ist in Bezug auf Per­so­nen, die eine Be­schäf­ti­gung su­chen, mehr oder we­ni­ger aus­ge­he­belt.  

Laura und Es­ther sind nur zwei Fälle von tau­sen­den in der EU. Tat­säch­lich sind die Spra­chen, die man neben Fran­zö­sisch und Flä­misch am häu­figs­ten in den bel­gi­schen Stra­ßen hört, Ita­lie­nisch, Grie­chisch, Por­tu­gie­sisch und Spa­nisch.

Was pas­siert?

Es ist nicht nötig, Zah­len her­un­ter­zu­lei­ern. Im­mi­gra­ti­on ist zu einem ak­tu­el­len Phä­no­men im alten Eu­ro­pa ge­wor­den, das in der Wirt­schafts­kri­se sei­nen Hö­he­punkt er­reicht hat. In den am stärks­ten be­trof­fe­nen Län­dern der EU - Grie­chen­land, Por­tu­gal, Ita­li­en und Spa­ni­en - schwankt die Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit um die 50% und Hu­man­ka­pi­tal wan­dert in den Nor­den ab. Man­che spre­chen von einer ver­lo­re­nen Ge­ne­ra­ti­on. Etwa acht Mil­lio­nen Wan­der­ar­bei­ter gäbe es in der EU, schätzt Paul Simon, Pro­fes­sor an der Frei­en Uni­ver­si­tät Brüs­sel (ULB). Ein Groß­teil die­ser acht Mil­lio­nen Per­so­nen be­fän­de sich in der Il­le­ga­li­tät und sie wür­den aus­ge­nutzt. Junge Men­schen seien immer die aben­teu­er­lus­tigs­ten wenn es um Aus­wan­de­rung geht, so Car­los Var­gas, ein For­scher an der Uni­ver­si­tät von Ox­ford. „Die Krise hat sich ver­schärft“, hebt er her­vor; das führe dazu, dass viele Jobs an­neh­men, für die sie ei­gent­lich über­qua­li­fi­ziert sind. In vie­len Fäl­len geht das mit dem Ver­zicht auf be­stimm­te Rech­te ein­her. Mario Iz­quier­do, der für die Bank von Spa­ni­en ar­bei­tet, sieht auch einen di­rek­ten Zu­sam­men­hang zwi­schen Krise und Aus­wan­de­rung. Er stellt aber fest, dass nicht nur junge Spa­ni­er ihr Land ver­las­sen, son­dern „auch Ein­wan­de­rer aus an­de­ren Län­dern, die frü­her nach Spa­ni­en ge­kom­men waren.“

Lö­sun­gen

Viele junge Leute be­rich­ten, dass sie sich ver­lo­ren füh­lten und for­dern Bei­stand. IN­TE­GRA­BEL Emi­gran­tin­nen ver­sucht, sie zu un­ter­stüt­zen. „Wir sind ein Treff­punkt - ein Ort, an dem man Kon­tak­te knüp­fen kann“, so der Haupt­ko­or­di­na­tor, Luis Mo­li­na. Er be­jaht, dass es viele Fälle gibt, in denen spa­ni­sche Ein­wan­de­rer „wegen der Ar­beits­lo­sig­keit quasi zur Rück­kehr ge­zwun­gen“ wer­den, und das trotz einer guten Aus­bil­dung und der Be­herr­schung meh­re­rer Spra­chen. Die Kon­kur­renz schläft nicht. „Ich nenne es scherz­haft das Hol­ly­wood Eu­ro­pas, weil viele Men­schen hier­her kom­men und der Wett­be­werb so hart ist“, sagt er. Viele wür­den in die Schwarz­ar­beit ge­drängt. Ihnen möch­te Luis sagen: „Ak­zep­tiert das nicht oder geht wo­an­ders­hin!“. Doch na­tür­lich kann er die schwie­ri­ge Lage, in der sich die jun­gen Leute be­fin­den, nach­voll­zie­hen.

Juan López, der Zu­stän­di­ge für in­sti­tu­tio­nel­le Be­zie­hun­gen der spa­ni­schen so­zia­lis­ti­schen Ar­bei­ter­par­tei PSOE (Par­ti­do So­cia­lis­ta Obre­ro Español) in Eu­ro­pa, kennt das Pro­blem. Er ist der An­sicht, dass in vier Be­rei­chen Hand­lungs­be­darf be­steht und for­dert eine ver­bes­ser­te In­for­ma­ti­ons­po­li­tik über und aus Spa­ni­en, eine ge­mein­sa­me eu­ro­päi­sche Ein­wan­de­rungs­po­li­tik, die ver­ein­fach­te An­er­ken­nung von Uni­ver­si­täts­ab­schlüs­sen oder Be­rufs­aus­bil­dun­gen und er­wei­ter­te Auf­ent­halts­zei­ten von 3 bis 6 Mo­na­ten in an­de­ren Län­dern in aku­ten Kri­sen­zei­ten.  

Paul Simon für sei­nen Teil un­ter­streicht den Man­gel an In­for­ma­tio­nen. Er be­trach­tet es als drin­gend, mit ko­or­di­nier­ten Maß­nah­men Druck auf die In­sti­tu­tio­nen aus­zu­üben, um der Si­tua­ti­on ein Ende zu be­rei­ten. In den Eu­ro­pa­wah­len [vom Mai 2014; A.d.R.], die zudem mit den bel­gi­schen Na­tio­nal­wah­len auf Bun­des- und Län­der­ebe­ne zu­sam­men­fal­len, sieht er eine Chan­ce: „In die­ser Wahl­pe­ri­ode kön­nen wir laut wer­den, und die­ses Pro­blem an­ge­hen“.

Nicht nur viele junge Men­schen sind aus Spa­ni­en ge­kom­men, son­dern auch der Pro­test der „In­di­gna­dos“ mit der Be­we­gung des 15. Mai. Für die An­hän­ger der Be­we­gung in Bel­gi­en sind nicht die Ein­wan­de­rer das Pro­blem, son­dern die Hal­tung der bel­gi­schen und eu­ro­päi­schen Be­hör­den. Sie pro­tes­tie­ren gegen die Mög­lich­keit, Bür­ger „ad­mi­nis­tra­tiv tot zu ma­chen“, wo­durch Grund­rech­te außer Kraft ge­setzt wer­den. So be­schlos­sen sie als Kol­lek­tiv, eine of­fi­zi­el­le Be­schwer­de bei der EU gegen die Aus­wei­sung von EU-Bür­gern aus Bel­gi­en vor­zu­brin­gen. Sie hof­fen, dass sich die Dinge än­dern wer­den. „Wir wol­len Be­wusst­sein für das Pro­blem schaf­fen“, ver­kün­det Sarah La­fu­en­te, ein Mit­glied der Grup­pe. „Die Hoff­nung stirbt zu­letzt“, be­kräf­tigt sie.

Än­de­run­gen in der kom­ple­xen eu­ro­päi­schen Wirk­lich­keit zu er­rei­chen, ist eine schwie­ri­ge und lang­wie­ri­ge An­ge­le­gen­heit: Eu­ro­pa hat gi­gan­ti­sche Aus­ma­ße und be­wegt sich nur lang­sam. Mehr Zu­sam­men­halt unter den 28 Staa­ten der eu­ro­päi­schen Ge­mein­schaft und die Eta­blie­rung einer ef­fek­ti­ven und kla­ren Ein­wan­de­rungs­po­li­tik schei­nen not­wen­dig. In­zwi­schen ver­geht die Zeit… und in Brüs­sel und vie­len an­de­ren Orten hört man Stim­men der Men­schen mit spa­ni­schem Ak­zent. Die von Laura, die in der Küche eines fei­nen Re­stau­rants ar­bei­tet; die von Es­ther, Kran­ken­schwes­ter in einem Se­nio­ren­heim; die von Ma­nu­el, einem ar­beits­lo­sen Mu­si­ker, der sein Lä­cheln nicht ver­liert und bei einem le­cke­ren bel­gi­schen Bier und dem Rhyth­mus des Blues, der aus der alten Juke­box einer Bar schallt, davon träumt, es sei­nen Ido­len gleich­zu­tun.

DIE­SER AR­TI­KEL IST TEIL DER SPE­CIAL EDI­TI­ON "EU-to­pia : Time To Vote" Brüs­sel, ein Pro­jekt von CA­FÉ­BA­BEL in Zu­sam­men­ar­beit mit der Hip­po­crène Stif­tung, der Eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on, dem fran­zö­si­schen Mi­nis­te­ri­um für aus­wär­ti­ge An­ge­le­gen­hei­ten und der Evens Stif­tung.