Spaniens Transsexuelle im Kampf gegen Diskriminierung

Artikel veröffentlicht am 13. Februar 2010
Artikel veröffentlicht am 13. Februar 2010
Während Schwule, Lesben und Bisexuelle es allmählich geschafft haben, sich ihre gesellschaftliche Anerkennung zu erkämpfen, haben Transsexuelle damit immer noch Probleme. So sieht es in Spanien aus.

Die spanische Gesellschaft hat sich im Laufe der letzten 50 Jahre sehr stark verändert. Durch eine Änderung des „Gesetztes für Schmarotzer und Herumtreiber“ durch Franco im Jahre 1954, waren Homo- und Transsexuelle geächtet. Sie wurden oft jahrelang eingesperrt und misshandelt. Offensichtlich dachte der Diktator, das „Laster“ ließe sich durch Schläge und Hunger austreiben.

Seitdem hat sich viel geändert. Eine 2007 verabschiedete gesetzliche Neuregelung zur Berichtigung der geschlechtsbezogenen Anrede einer Person in öffentlichen Registern ermöglicht die Namensänderung im Falle von Transsexuellen. Wenn also ein Transsexueller beschließt, das Geschlecht anzunehmen, dem er sich zugehörig fühlt, kann er seinen Namen ohne Umweg über den Operationssaal ändern lassen. Um die Namensänderung durchzuführen, müssen jedoch einige Voraussetzungen erfüllt werden: Die Person muss eine ärztliche Diagnose vorweisen können, die ihm eine Verwirrung bezüglich der geschlechtlichen Identität bescheinigt, und sie muss seit mindestens zwei Jahren mit der neuen geschlechtlichen Identität leben.

Geschlechtsumwandlungen

In Dokumenten der Weltgesundheitsorganisation wird 'Transsexualität' immer noch als eine Art von „geistiger Verwirrung“ eingestuft, wogegen Organisationen von Transsexuellen am 16. Oktober 2009 öffentlich protestierten. Diese Einstufung bedeutet für Transsexuelle, dass sie sich einem psychiatrischen Gutachten unterziehen müssen, um eine Hormonbehandlung oder einem operativen Eingriff vornehmen lassen zu können. Allerdings übernimmt die Sozialversicherung die Kosten einer solchen Operation, zumindest in einigen Provinzen des Landes.

Laut Doktor García-Camba, Chefarzt der Psychiatrie des Universitätsklinikums La Princesa in Madrid, ist bei einer Umwandlung die Anwesenheit eines Teams bestehend aus Psychiatern, Psychologen und Chirurgen unbedingt notwendig, da festgestellt werden muss, ob es sich wirklich um einen Fall von Transsexualität handelt, oder ob eine andere Art von Psychose oder ein Rollentauschsyndrom vorliegt. Darüber hinaus müsse aber auch die psychologische Betreuung der Patienten gewährleistet werden. Es gehe aber keineswegs darum, die Person einer psychiatrischen Behandlung zu unterziehen, um sie von ihrer Transsexualität abzubringen. „Der Psychiater muss den Patienten spüren lassen, dass er ihm zur Seite steht. Er muss seinen Zustand bewerten und eine Diagnose erstellen, aber nur, um ihm zu helfen“, versichert García-Camba.

In Spanien hat sich zudem eine Transsexuellenbewegung entwickelt, die sich dafür einsetzt, dass Transsexualität nicht mehr als eine Form von geistiger Verwirrung kategorisiert wird. Auch wenn diese Kategorisierung oft dadurch legitimiert wird, dass sie den Zugang zum Gesundheitssystem erleichtert. Für Sonia Fernández, Verantwortliche der Abteilung Transsexualität der COGAM, ist diese Änderung dennoch sehr wichtig. COGAM ist ein Zusammenschluss von Schwulen, Lesben, Trans- und Bisexuellen in Madrid. „In den öffentlichen Gesundheitseinrichtungen werden nicht nur Krankheiten behandelt, sondern zum Beispiel auch Schwangere betreut, und diese sind ja auch keine Art von Verwirrung“, erklärt Sonia. Dennoch sieht sie ein, dass es auch dringlichere Angelegenheiten gibt, wie die Einführung einer flächendeckenden Medikamentenversorgung auf nationaler Ebene.

Das Jahr 2010 ist das Jahr der Rechte der Transsexuellen und der nationale Verband der Lesben, Schwulen, Transsexuellen und Bisexuellen (spanisch FELGTB) führt eine große Zahl an Kampagnen zum Thema Transsexualität durch. Das Motto des „Orgullo Gay 2010“ lautet „Jahr des Wandels“ und verfolgt das Ziel, den Transsexuellen eine Stimme zu geben. In der Gesellschaft werden sie immer noch oft mit Prostitution und Showgeschäft in Verbindung gebracht - Vorurteile, die die Verbände ausräumen wollen.

Transen - Gesellschaftliche Ablehnung

„Transsexuelle werden in falsche Gesellschaften hineingeboren, nicht in einen falschen Körper“. Diese Worte von Lizethe Alvarez Echeverri, Transsexuelle aus Kolumbien und wohnhaft in Madrid, zeigen, wie sehr Transsexuelle unter der gesellschaftlichen Ausgrenzung leiden. Die Mehrheit unter ihnen trifft mit ihrer Entscheidung, eine Geschlechtsumwandlung durchzuführen, bei Familien und Freunden auf Unverständnis. Einige sehen sich gezwungen, die Stadt oder sogar das Land zu verlassen. Hinzu kommt aber noch das Problem, dass viele nur eine Grundausbildung haben. Die weiterführenden Kurse haben viele aufgrund von Diskriminierung entweder abgebrochen oder gar nicht erst angefangen.

Sonia Fernández jedoch erklärt, dass sie seit ihrer Geschlechtsumwandlung zur Frau sehr viel besser in die Gesellschaft integriert ist. „Ich musste weder die Stadt noch das Wohnviertel wechseln, nicht einmal den Arbeitsplatz. Ich bin heute geselliger als früher“, betont sie.

Ihr Sohn ist nicht homosexuell, er fühlt sich als Mädchen.

Mit fünf Jahren merkte Sonia, dass sie anders war als die anderen Kinder, obwohl sie damals noch nicht wusste, was genau mit ihr los war. Als sie in die Pubertät kam, brachten sie ihre Eltern immer wieder zu Psychologen. Bis sie erfuhren: „Ihr Sohn ist nicht homosexuell, er fühlt sich als Mädchen.“ Dadurch entdeckte Sonia, was mit ihr nicht stimmte. Dennoch entschloss sie sich erst Jahre später zu einer Geschlechtsumwandlung. Vor der Umwandlung war ich eine mürrische Person, ich ging nicht aus dem Haus, außer zur Arbeit, und sprach mit niemandem.“ Sonia ist der Ansicht, dass es eine Art Transsexuellen-Phobie gebe. Dies jedoch sei eher auf Informationsmangel als auf Bosheit zurückzuführen. „Manchmal konnte ich meine Postsendungen nicht abholen. Man sagte mir, das auf dem Ausweisfoto sei doch ein Mann, sie verstanden nicht, dass ich es war. Ich glaube es gibt zweierlei Formen, wie man solchen Situationen im Leben begegnen kann: Abwehr oder Optimismus, und ich bevorzuge die zweite.“

Laut einer von der Stiftung für Geschlechtliche Identität (FIG) veröffentlichten Studie aus dem Jahr 2004 gibt es in Spanien 31.938 Transsexuelle, wovon jedoch nur 2.826 als solche diagnostiziert wurden. Das heißt im Klartext: Nur 10% der Transsexuellen leben in Spanien gemäß ihrer Empfindung. Der Rest versteckt sich aus Angst vor Ausgrenzung, Diskriminierung am Arbeitsplatz oder auch, weil sie sich nicht in der Lage fühlen, ihre Gefühle zu akzeptieren. Bis Transsexuelle ein normales Leben führen können, muss die Gesellschaft noch einen weiten Weg zurücklegen. Den ersten Schritt tun diejenigen, die sich und ihren Gefühlen treu bleiben, und dadurch die starren Rollenbilder herausfordern, die die Gesellschaft ihnen Tag für Tag aufzwingt. Diese Gesellschaft muss den nächsten Schritt tun. Sie muss diese ihr so nahe und doch so unbekannte Realität akzeptieren, sie verstehen und sich ihr öffnen.

Fotos: ©cratzy/flickr; ©Mrs B (aka Chi)/flickr; ©Dominic's pics /flickr