Spanien: Europas Brücke nach Lateinamerika

Artikel veröffentlicht am 5. Juni 2006
Artikel veröffentlicht am 5. Juni 2006

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Spanien und Lateinamerika teilen eine gemeinsame Sprache und eine gemeinsame Kultur. Für die Beziehungen Europas zu Lateinamerika ist das eine einmalige Chance.

In Spanien können die Einwanderer aus Südamerika ihre Bräuche ohne große Probleme beibehalten. Sie können fast die gleichen Produkte wie in ihrer Heimat finden, ihre Religion ausüben und dank Latino-Stars wie Juanes, Shakira oder David Bisbal die gleichen Konzerte wie zuhause besuchen.

Einfache Integration

„Die Mehrheit der Immigranten kommt nicht freiwillig nach Spanien, sondern ist auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen“, sagt Vanessa Medrano, die Immigrationsprojekte des spanischen Vereins Movimiento por la Paz, el Desarme y la Libertad (Bewegung für den Frieden, die Abrüstung und die Freiheit) koordiniert. „Um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, müssen aber fast drei Viertel geringer qualifizierte Arbeiten als in ihren Heimatländern annehmen, so dass Diplomwirte bei Haushaltsjobs enden.“ Dennoch lohnt es sich für sie. Letztes Jahr schickten die knapp eine Million südamerikanischer Einwanderer, die die Immigrantenstelle des spanischen Sozialministeriums erfasst hat, viel Geld in ihre Heimat. Experten gehen davon aus, dass diese Gelder die Mehrheit der 3,8 Milliarden Euro ausmachen, die letztes Jahr von Spanien in andere Länder flossen.

Kolumbien ist eines der Länder, aus dem am meisten Immigranten nach Europa kommen. Wie viele andere seiner Landsleute kam auch Camilo, ein 25-jähriger Ingenieursstudent, bereits als Jugendlicher nach Spanien und somit früh genug, um ein Studium zu machen. „Die Integration war schnell und einfach, wobei sicherlich die Universität sehr geholfen hat“ berichtet Camilo. „Gleich nach meiner Ankunft habe ich zu studieren begonnen und auf dem Campus viele Freunde kennen gelernt“.

Antonio, 27, lebt seit zehn Jahren in Spanien und wie Camilo kam auch er als Jugendlicher. Für den Venezulaner war der Anfang schwer: „Auf eine neue Schule zu gehen, einen Ort mit dem anderen auszutauschen, war ein wenig hart“, sagt er. Doch Antonio half es, dass er Verwandschaft in Spanien hatte.

Im vergangenen Jahrzehnt überquerte auch die Liebe den Atlantik, Mischehen werden immer häufiger. Vanessa Medrano, die die Einwanderer auch juristisch berät, macht auf die Gesuche für Mischehen in Obdachlosen-Zeitschriften Barcelonas oder Madrids aufmerksam. „Zur Zeit ist es in Mode, homosexuelle Ehen einzugehen, um die spanische Staatsbürgerschaft zu bekommen“, erwähnt sie nicht ohne Ironie.

Chancen und Probleme

Die spanische Kolonisation Amerikas schuf eine starke gemeinsame kulturelle Basis, die sich bis heute erhalten hat. Spanische Gebräuche setzten sich durch und es etablierte sich eine Herrschaftsordnung, die erst nach langer Zeit wieder verschwand. Als die Entkolonisierung schließlich abgeschlossen war, blieb der kulturelle Austausch weiterhin stark. Ein Grund für seine besondere Intensität im 20. Jahrhundert waren die spanischen Intellektuellen, die nach dem Spanischen Bürgerkrieg im Exil in Südamerika lebten. Aufgrund der gemeinsamen Sprache teilen sich Spanien und Südamerika Künstler wie Gabriel García Marquez, Julio Iglesias oder Gael García Bernal.

Seit die Demokratie in der iberischen Halbinsel Einzug gehalten hat, haben Spanien und Lateinamerika zahlreiche Wirtschaftsabkommen geschlossen, die auch die Beziehungen zwischen Lateinamerika und der Europäischen Union stärken. Die Mehrheit der Abkommen sind jedoch bilateral und nicht regional, was zu Argwohn unter den lateinamerikanischen Staaten führt. Zusammenarbeit findet bisher in den Bereichen Bildung, Terrorismus und Menschenrechte statt. Das hochgesteckte Ziel, auf das die spanischen und europäischen Diplomaten seit dem Scheitern der Verhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und mehreren lateinamerikanischen Ländern hinarbeiten, ist ein großes Freihandelsabkommen zwischen beiden Kontinenten.

Speziell auf dem Energiesektor gibt es viele spanische Unternehmen, die in Lateinamerika operieren und dabei immer wieder auf Schwierigkeiten stoßen. So war die jüngst angekündigte Verstaatlichung der Gasindustrie in Bolivien ein harter Schlag für den spanischen Konzern Repsol und ebenso für die Regierung von Rodriguez Zapatero, die sich in verschiedenen Wirtschaftsfragen um Problemlösungen bemüht. Die geringe Achtung der Menschenrechte in Regimen wie dem kubanischen oder dem venezulanischen ist einer der anderen diplomatischen Kernpunkte, die das Verhältnis zwischen Spanien und Lateinamerika belasten.

Dennoch versuchen beide Seiten, den Problemen durch Gipfeltreffen wie dasjenige in Wien vor zwei Wochen auszuweichen, da eine gute Beziehung im Sinne aller ist. Aufsteigende Großmächte wie China setzen bereits auf Lateinamerika, aber sie haben keine privilegierte, sichere und beständige Beziehung zu dieser Region. Europa hingegen schon. Spanien ist für viele Lateinamerikaner der Bezugspunkt – eine einmalige Chance für Europa.