Spanien, das Königreich des Frontalunterrichts

Artikel veröffentlicht am 10. Oktober 2005
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Artikel veröffentlicht am 10. Oktober 2005

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Die Hochschulbildung in Spanien befindet sich in einem guten Zustand. Nichtsdestotrotz leidet sie an etlichen immer wiederkehrenden Problemen. Besonders der Mangel an praxisbezogener Lehre könnte in der Zukunft schwerwiegende Folgen haben.

In der Absicht, die in der Deklaration von Bologna enthaltenen Richtlinien umzusetzen, debattiert zur Zeit eine Expertenkommission darüber, wie das spanische Universitätssystem an den zukünftigen gemeinsamen europäischen Hochschulraum angepasst werden könnte. In der Europäischen Union soll neben der Dauer auch die Typologie der Studien vereinheitlicht und zudem ein Standardsystem von Kreditpunkten eingeführt werden.

Ein uneffizientes Modell

Der aktuelle Wirrwarr von Studienplänen ist ein Erbe zahlreicher, mehr schlecht als recht aufeinander abgestimmter Bildungsreformen. In Anbetracht der Lage scheint die Notwendigkeit dieser abertausendsten Reform offensichtlich. Sie vernachlässigt jedoch eine der Hauptforderungen der Studentenschaft: Praktische Unterrichtseinheiten, beziehungsweise die Möglichkeit, das erworbene Wissen vor dem Eintritt in den Arbeitsmarkt anzuwenden.

Soledad, Diplomandin in Sonderschulbildung, meint dazu: „Ich hätte es vorgezogen, ein Jahr länger zu studieren, wenn es ein Praxisjahr gewesen wäre.“ Alberto drückt sich noch drastischer aus: „Das ist das letzte Jahr meines Jurastudiums, und ich weiß immer noch nicht, wie ein Gerichtssaal von innen aussieht.“ In den Geisteswissenschaften ist das Phänomen der fehlenden Praxis besonders markant, aber es besteht auch in anderen Bereichen. Diego, ein Student des industriellen Ingenieurwesens, zieht folgendes Fazit: „Praxis? Na ja, ein bisschen gibt es schon, aber es ist nicht einmal ein Zehntel dessen, was notwendig wäre.“

Das Übermaß an theoretischem Unterricht ist eng mit dem Mangel an Interaktivität zwischen Professoren und Studenten verbunden. Im allgemeinen „kommen die Professoren, erlauben kaum Unterbrechungen, halten ihren Vortrag und gehen“, beschreibt der Anglistikstudent David die Problematik. Die fehlende Verbindung von Lehrkörpern und Studentenschaft geht auf die in den achtziger Jahren erlittene Vermassung der Hochschulen zurück. Bis Anfang der Neunziger waren Klassen mit 200 oder mehr Studenten, die sogar in den Gängen saßen, nicht selten. Bei einer solchen Studentenzahl stellt interaktive Lehre oder die Organisation von praktischen Lehreinheiten verständlicherweise ein großes logistisches Problem dar. Aber die Geburtenrate ist seitdem gesunken und damit auch die Zahl der Studenten. An der Universität Sevilla beispielsweise waren statt 75000 Studenten wie noch vor zehn Jahren im letzten Semester kaum mehr als 63000 eingeschrieben.

Wohin soll die Reise gehen?

Die sinkenden Studentenzahlen zeigen die Dringlichkeit, das bisherige Universitätskonzept zu überdenken und eine neue Form der Hochschullehre zu entwickeln. Es ist der Moment gekommen, den überholten Frontalunterricht zu beenden und auf die Beteiligung der Studenten zu setzen. Besonders zu Beginn wird das nicht leicht sein: Die Studenten sind so sehr an das alte System gewöhnt, dass sie sich allein auf das Bestehen ihrer Prüfungen beschränken. Stoßen sie auf einen der wenigen Professoren, die ihren Unterricht interaktiver zu gestalten versuchen, bringen sie sich daher wenig ein. Genau aus diesem Grund ist ein umfassender Handlungsplan vonnöten, der das bisherige Universitätskonzept vollständig umgestaltet. Im Mittelpunkt des neuen Systems muss die fortwährende Bewertung der Studenten (statt wie bisher nur anlässlich der Abschlussprüfungen) sowie die Durchführung praktischer Arbeiten stehen, sei es in Einzel- oder Gruppenarbeit. Der Plan sollte ebenfalls Vereinbarungen mit dem Privatsektor umfassen, damit die Studenten in den letzten Jahren ihres Studium einige Praktika in Unternehmen absolvieren können, bestmöglichst in den Sommermonaten. Soweit der Plan, Universität und Arbeitsmarkt effektiv miteinander zu verknüpfen. Solange aber nur 4,3% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Bildung veranschlagt werden und die Studenten sich fast ausschließlich auf das Auswendiglernen konzentrieren müssen, wird er ein unmögliches Unterfangen bleiben.

Großbritannien ist die Ausnahme

Im Großen und Ganzen unterscheidet sich die Lage im Rest der Europäischen Union nicht allzu sehr von der Situation in der spanischen Hochschullandschaft. Die Vermassung der französischen Lehrsäle bringt einen immensen Mangel an Interaktivität und folglich an praktischer Übung mit sich. Auch in Italien ist die Lehre stark theoretisch ausgerichtet, weshalb unter den Studenten das Gefühl um sich greift, in der Universität vom realen Arbeitsleben abgeschnitten zu sein. In Deutschland hängt viel von der jeweiligen Universität ab, in der studiert wird. Doch auch wenn sich das Hochschulsystem je nach Region stark unterscheidet, ist die Ansicht allgemein verbreitet, die Hochschulbildung müsse deutlich mehr praktische Einheiten umfassen. Zurzeit befasst sich eine Mehrzahl der Bundesländer mit einer Reform ihrer Studienpläne – ein Hoffnungsschimmer für ein praxisbezogeneres Studium. Das Vereinigte Königreich scheint eine Ausnahme von der Regel zu sein. Seine Säle beherbergen für gewöhnlich nur sehr begrenzte Studentengruppen. Die Ausbildung kann daher praktischer und interaktiver gestaltet werden, sowohl auf individuellem Niveau als auch in Gruppenarbeiten. Aber selbst dieses System hat seine Schwachpunkte: Das Studium in britischen Universitäten ist wesentlich teurer als auf dem europäischen Festland.