Sozialwirtschaft: Ein verkanntes Schwergewicht

Artikel veröffentlicht am 20. Dezember 2004
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Artikel veröffentlicht am 20. Dezember 2004

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Die Sozialwirtschaft ist weder ein Modephänomen, geboren aus der Globalisierungskritik, noch eine utopistische Randerscheinung. Schlaglicht auf einen Sektor, in dem nicht der Profit zählt.

Sozialwirtschaft, eine neue Wirtschaftserscheinung? Nicht wirklich. Die Wurzeln der nicht-profitorientierten Wirtschaftsformen gehen bis ins Mittelalter zurück, insbesondere mit seinen Genossenschaften, Brüderschaften und Zünften. Sie finden des Weiteren eine Hauptinspirationsquelle in der christlichen Soziallehre. Und am Anfang des 19. Jahrhunderts, als Reaktion auf die Brutalität der industriellen Revolution, tauchen ihre ersten Theoretiker auf. So zeichnet der utopische Sozialismus von Saint-Simon die Vision eines industriellen Systems, dessen Ziel es sollte, den Arbeiterklassen, die in Bürgerverbänden vereint waren, das größt mögliche Wohlergehen zu sichern. Die Sozialwirtschaft, die untrennbar mit der Geschichte der Arbeiterbewegung verbunden ist, findet ihre Identität im jahrhundertealten Widerstand gegen die Entwicklung einer Gesellschaft, die allein auf Profitdenken basiert.

Werkzeug im Kampf gegen die Exklusion

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben die erste Ölkrise, die Wirtschaftskrise und der Anstieg der Arbeitslosigkeit dazu beigetragen, die Rolle der Sozialwirtschaft überall zu stärken, je nach Land auf andere Art. In Spanien wie in Großbritannien haben beispielsweise die budgetären Zwänge dazu geführt, einen Teil der Sozialleistungen zu privatisieren. Die profitorientierten Unternehmen haben sich also auf den lukrativen Teil der Nachfrage gestürzt und haben den Verbänden den nicht-lukrativen Sektor überlassen. In Frankreich und Italien hingegen konnte man keine derartige Ausgliederung von staatlichen Sozialleistungen beobachten.

Verstärkt durch die Krise der 1980er Jahre stellen die sozialen Unternehmungen sehr oft eine Antwort auf neue Bedürfnisse dar, angesichts der Unfähigkeit des Staates und der Gemeinden, wirksame Lösungen vorzuschlagen und umzusetzen. Eine neue Form der Sozialwirtschaft wird geboren: die Solidarwirtschaft.

Solidarisch, aber nicht links

Diese wahrhaft neue Wirtschaft hat sich im Kampf gegen die Armut mit einigen Aspekten der Arbeitertraditionen verbunden. In ihrem Kreise findet man die militantesten Organisationen, aber auch die zerbrechlichsten: Unternehmen zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt; Stadtteilinitiativen, die sich um die Verbesserung der Lebensqualität und des Lebensraums kümmern; Vereine, die Personen in schwierigen Lebenslagen einstellen, und so Aufgaben übernehmen, um die sich die traditionelle Privatwirtschaft nicht kümmert; kleine Kooperativen, die die Nahversorgung sicherstellen; Essen auf Rädern sowie Haushaltshilfen für ältere und abhängige Personen.

Die Sozialwirtschaft unterhält außerdem komplexe Beziehungen zu den linken Parteien und den Gewerkschaften, und man findet dort viele ihrer Führungskräfte. In Europa stützte sich die Kraft der sozialdemokratischen Parteien, aber auch der Christdemokraten traditionell auf ihre Beziehung zu den Gewerkschaften, den Verbänden und den Genossenschaften. Aber es kommt manchmal entgegen des Anscheins vor, dass die Gewerkschaften und politischen Linksparteien aus der Sozialwirtschaft kein Anliegen der Gesellschaft machen.

9 Millionen Arbeitsplätze

Heute werden in der Sozialwirtschaft, in Genossenschaften, Vereinen, Stiftungen und sonstigen Non-Profit-Organisationen im alten Europa der 15 neun Millionen Menschen beschäftigt, wobei 71 % auf die Vereine entfallen, 3% auf Gegenseitigkeitsgesellschaften (vor allem die solidarischen Zusatzversicherungen Mutuelles in Frankreich) und 26% auf Genossenschaften.

Und die Zukunft? Das Statut für eine europäische Genossenschaft wurde im Juli 2003 angenommen. Ab 2006, dem Jahr seines Inkrafttretens, dürfte die Zahl der transnationalen kooperativen Projekte ansteigen, während gleichzeitig die bestehenden Regelungen in den Mitgliedsstaaten beibehalten werden.

Die Sozialwirtschaft, die von der Europäischen Union als wirtschaftliches „Schwergewicht“ der Wirtschaft angesehen wird, wie auch als ein wichtiger Schöpfer von Arbeitsplätzen, bleibt immer noch ein wenig sichtbarer Sektor, sowohl bei den Bürgern als auch in der Politik. Diese Sichtbarkeit wird vielleicht mit der Dynamik des Beitritts der neuen Mitgliedstaaten zur Europäischen Union, auf deren Initiative letzten Oktober in Krakau die zweiten Konferenz über die Sozialwirtschaft in Zentral- und Orientaleuropa abgehalten wurde; eine Konferenz, die zum ersten Mal Akteure aus ganz Europa versammelte.