Soy Nero: Niemandsland Nahost statt Hollywood

Artikel veröffentlicht am 18. Februar 2016
Artikel veröffentlicht am 18. Februar 2016

Der Berlinale-Wettbewerbsfilm Soy Nero von Regisseur Rafi Pitts katapultiert den Zuschauer vom mexikanisch-kalifornischen Grenzgebiet über Los Angeles direkt in den Nahen Osten, in ein vom amerikanischen Militär besetztes Niemandsland. Nur von hier aus kann der Protagonist auf die heiß ersehnte Green Card hoffen. 

Nero lebt an der mexikanisch-kalifornischen Grenze. Am Grenzzaun spielt man mit den Jugendlichen auf der anderen Seite Volleyball. Das Leben wird ständig von Helikoptergeräuschen der Grenzpatrouillen begleitet. Der Protagonist des Films ist in Los Angeles geboren und aufgewachsen, dann wurde die Familie abgeschoben. Um jeden Preis will er zurück, will US-Bürger werden. Doch der einzige Weg zu seinem Ziel - der Green Card - ist für ihn der US-Armee beizutreten, wie es bereits sein gefallener Vater und sein verwundet zurückgekehrter Cousin getan haben.

Zunächst scheitern viele Versuche, die Grenze in Richtung USA zu überqueren. Wo er so gutes Englisch gelernt habe, fragt ihn ein Grenzbeamter. 'In Hollywood' lächelt Nero. In die Traumfabrik führt sein Weg den jungen Mann allerdings nicht, als er es endlich doch geschafft hat, die Grenze zu überqueren und nach LA zu trampen. Beverly Hills ist ein kurzer Zwischenstopp, hier trifft er seinen Halbbruder und bekommt von ihm einen gefälschten Pass. Von nun an ist er Jésus oder Jesus. Und Jesus wird vom US-Militär in den Nahen Osten geschicktet, um dort mit einer Handvoll anderer Soldaten vergebens den Traum von Freiheit mittels Gewalt zu verteidigen.

Der Traum aus der Ferne

Als Zuschauer wird man gemeinsam mit dem Protagonisten ins Niemandsland verfrachtet, wo eine  kleine Gruppe halb planloser Soldaten die Freiheit eines Landes verteidigen soll, das viele tausende Kilometer entfernt einmal ihr Zuhause war. Recht langatmige Kamerastreifzüge halten einen in der Ödnis der Wüste gefangen. Nur zweimal passieren Autos den US-Check Point. Beim ersten Mal erleidet eine mehrköpfige Familie die obligatorische Kontroll-Tortur, beim zweiten Mal geht ein Wagen in die Luft und von da an wird viel geschossen.

Wer ohnehin kein Freund von Krieg und Waffen ist, fragt sich einmal mehr, wer hier gegen wen ist und welchem wirklichen Zweck der apokalyptische Wahnsinn mitten im Nichts dienen soll. Auch hier, weit entfernt vom mexikanisch-amerikanischen Grenzzaun, kreisen wieder Helikopter über dem jungen Jésus, den sein Traum vom US-Pass auch fernab von Hollywood nicht loslässt.

Globale Ungleichheit und Migrantenschicksale

Regisseur Rafi Pitts widmet seinen Film all den Soldaten, die nach ihren US-Einsätzen zurück in die Länder ihrer Eltern abgeschoben wurden, nachdem sie für eine vermeintlich bessere Zukunft zu kämpfen glaubten. Rafi Pitts wurde in Iran geboren und musste selbst 1981 während des iranisch-irakischen Krieges nach England fliehen. Mit seiner wenig verschönendenden Geschichte über ein Migranten-Schicksal knüpft Rafi Pitts nicht nur an einen Teil seines eigenen Lebens an, sondern spannt einen Bogen zum Thema der globalen Ungleichheit, die uns alle auf die ein oder andere Art und Weise betrifft.

Nach der Filmvorführung habe ich sicher nicht nur ob eines Koffeinmangels Kopfschmerzen und bin dankbar, dass der Weg zum nächsten Kaffee für mich so ungerecht nah ist. Auf der Fahrt von Berlins Westen nach Neukölln sitzt mir dann Jesus gegenüber. Ein Hipster-Jesus, durchgelabelt von den gelben Turnschuhen bis zur Bartspitze. Per Iphone bespricht er das Design der neuesten BOSE-Kopfhörer und meine Kopfschmerzen lassen nicht nach.

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Ich bin ein Berliner - dieser Artikel stammt von unserem cafébabel Berlin-Team.