SOS Méditerranée: Die Zivilgesellschaft handelt, wo Europa scheitert

Artikel veröffentlicht am 15. Oktober 2016
Artikel veröffentlicht am 15. Oktober 2016

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Am 13. Oktober organisierte die deutsche Delegation der Grünen im Europa-Parlament eine Veranstaltung zu Ehren von SOS Méditerranée. Diese Organisation hilft Menschen, die im Mittelmeer in Seenot geraten. Cafébabel Brüssel hatte hier die Gelegenheit, sich mit dem Kapitän Klaus Vogel auszutauschen, Präsident und Gründer des Projekts, begleitet von Eva Joly und Sven Giegold, beide MdEPs.

Zur Zeit muss sich die Europäische Union vielen Aufgaben stellen: Terrorismus, Brexit, TTIP-Verhandlungen, Korruption… Aber die vielleicht größte Herausforderung bleibt die Migrationskrise, die Millionen von Menschen dazu zwingt, aus ihren Heimatländern zu flüchten, in dem verzweifelten Versuch, zu überleben. Selbst wenn dies nichts Neues ist, scheinen die europäischen Institutionen die Dringlichkeit der aktuellen Situation der Migranten zu vergessen.

Wie die französische MdEP Eva Joly während der Veranstaltung sagte:"Europa versagt und die Zivilgesellschaft tut, was die EU machen sollte." Und dies ist genau das, was auch die Geschichte von Kapitän Klaus Vogel widerspiegelt: er hat sich entschieden, seine Fähigkeiten zu nutzen, um Menschen zu helfen, die täglich im Mittelmeer ertrinken, während sie versuchen, das Mittelmeer von der libyschen Küste aus nach Italien zu überqueren. Da die Maßnahmen, die die EU durchgeführt hat, nicht ausreichten, hat er sich entschlossen, selbst zu handeln. 

"Du bist verrückt, aber ich werde dir zur Seite stehen" - wie alles begann

"Ich wusste, ich musste etwas tun, als das italienische Mare Nostrum Projekt vor zwei Jahren plötzlich beendet wurde. Ich empfand es als Bürgerpflicht, alles zu tun, was ich konnte. Und zu zeigen, dass die Zivilgesellschaft auf solch schreckliche Situationen reagieren kann." 

Bevor der Kapitän Klaus Vogel das Projekt startete, war er nicht sicher, ob die Menschen im Süden Italiens es akzeptieren würden. Deswegen reiste er mit seiner Frau nach Lampedusa, wo sie realisierten, dass die Rettungsboote der Carabinieri "zu klein und nur auf kurze Tages-Törns ausgelegt waren". Also gingen sie ins Rathaus von Lampedusa und erklärten dem Bürgermeister Giusy Nicolini sein Projekt zur Rettung von Flüchtlingen und die damit verbundene Suche nach einem größeren Schiff. Und seine Antwort war: "Siete pazzi, ma sono con voi" (Du bist verrückt, aber ich werde dir zur Seite stehen). Dies bedeutete, dass sie grünes Licht bekamen, um mit der Organisation dieses großen zivilbürgerlichen Projekts zu beginnen.

Der Gründungsprozess dauerte länger als ursprünglich geplant, da es nicht einfach war, die Aquarius, ein 40 Jahre altes deutsches Schiff, zu finden und sie zu chartern, was zudem sehr teuer war (750.000 Euro). Ende Januar 2016 starteten SOS Méditerranée ihren Trip zusammen mit einem Rettungs- und einem medizinischen Team, was aus mehreren Ärzten von der humanitären Hilfsorganisation 'Ärzte der Welt' (Médecins du Monde) bestand.

"Was für ein großer Fluss!"

Die meisten der Migranten, die in Schlauchbooten das Mittelmeer überqueren, können nicht schwimmen - was die Rettungsaktionen noch riskanter macht. Und was das Ganze noch schlimmer macht: die meisten Afrikaner haben vorher noch nie das Meer gesehen. "Einmal traf ich einen Eritreer, der zu mir sagte: 'Wow, was für ein großer Fluss!', während er zurück auf das Mittelmeer blickte. Er wusste überhaupt nicht, wie das Meer aussieht und ihm fehlten die Worte, um es zu beschreiben."

Gemischte Gefühle zum Europäischen Bürgerpreis

Als Cafébabel Brüssel Klaus Vogel fragte, was ihm der Preis bedeute, sagte er uns, dass er gemischte Gefühle hat. "Wir erhalten einen Preis von einem Parlament, das nicht alles dafür tut, um die Situation der Menschen zu ändern, die in Seenot geraten. Ich bin dankbar dafür, aber ich bitte die Institutionen, nicht die Menschlichkeit zu vergessen. Was bringt es uns, eine EU zu haben, wenn wir nicht gemeinsam handeln können, um denen zu helfen, die vor unseren Toren sterben?"