Sorry, no German-Debatte: Sollten Berliner Expats Deutsch lernen?

Artikel veröffentlicht am 22. Februar 2013
Artikel veröffentlicht am 22. Februar 2013
In den englischsprachigen Berlin-Blogs und auf Twitter ist eine Debatte darüber entflammt, ob Berliner Zugezogene Deutsch lernen sollten oder nicht. Ist es arrogant, sein Berliner Leben ausschließlich auf Englisch zu gestalten?

Julie Colthorpe ist vor 12 Jahren nach Berlin gezogen und spricht mittlerweile richtig gut Deutsch. Im englischsprachigen Stadtmagazin Exberliner echauffiert sie sich in ihrem Artikel „Sorry, no German“ darüber, wie mehr und mehr Zugezogene die deutsche Sprache weder beherrschen, noch vorhaben, diese jemals zu lernen. Auslöser für ihren Ärger über „arrogante Drückeberger“ und deren „blasierte, nonchalante Attitüde“ war der Besuch in einem australischen Restaurant in Neukölln, in dem man mit Deutsch nicht sehr weit kommt, da dort ausschließlich Englisch gesprochen wird.

Keine Schimpftirade ohne Gegenrede – es dauerte nicht lang, da meldete sich mit Lauren Oyler eine ebenfalls in Berlin lebende Expat zu Wort. Die Amerikanerin in Neukölln fühlt sich angegriffen und erwidert das Feuer auf dem überlin Blog. Ihre Meinung: „Nur weil man vielleicht ein paar Wikipedia-Artikel lesen kann und ‚der, die, das‘“ korrekt benutzt, ist man noch lange kein kultureller Kreuzzügler, der die Welt besser macht.“ Für Oyler mache die Expat-Culture einen wichtigen Teil der Berliner Kultur aus.

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Seitdem liefern sich die Leser von Exberliner und überlin einen Schlagabtausch über Twitter. Und ich als Follower beider Magazine gebe nun auch meinen Senf (#juliecolthorpe) dazu. Ich bin Deutsch-Muttersprachlerin, auch wenn ich das dialektfreie Hochdeutsch erst während meines einjährigen USA-Aufenthalts gelernt habe. Seit drei Jahren wohne ich mit einer Holländerin in einer WG. Mittlerweile kann sie ganz passabel Deutsch, doch ihr Freundeskreis ist fast ausschließlich englischsprachig. Vergleichen wir mal eine typische Josie- mit einer typischen Sandra-Woche und schließen daraus, was Josie und ihre Expatfreunde dabei alles an Berliner Kultur verpassen.

Typische Berlin-Woche

Montag: Josie war Schwimmen, im Stadtbad Neukölln. Ich habe „Rach der Restauranttester“ auf RTL gesehen. Entgangen sind ihr dabei so schöne deutsche Worte wie „Mehlschwitze“ oder „Rotweinsud.“

Meine Mutter würde Josie dafür aber eher beglückwünschen, denn für sie bedeutet die Seifenoper schon seit jeher den Untergang der deutschen Unterhaltungskultur.Dienstag: Josie ist auf einer Ausstellungseröffnung in Schöneberg. Es geht um „Möglichkeiten, sich aufzulösen, ohne zu verschwinden“. Ich verschwinde am Dienstagabend ebenfalls, und zwar in die Badewanne. Dazu gibt’s zwei Folgen Lindenstraße per Stream. Josie verpasst damit ein Stück meiner Jugend, denn die Endlosserie ist seit 20 Jahren fester Bestandteil meines Lebens.

Mittwoch: Josie geht auf ein Konzert von Prinz Pi. Der rappt auf Deutsch und Englisch, Josie gefällt‘s, vielleicht auch gerade, weil sie nicht alles versteht. Ich habe es mir mit dem Spiegel auf der Couch gemütlich gemacht. Schnell überblättere ich die lästigen Poltik-Seiten und versenke ich mich in „Warum Stress dick macht“ (und beiße dabei nicht ohne Schuldbewusstsein in einen Schoko-Erdnuss-Riegel.) Da gibt’s nix zu diskutieren: die Englischsprachige bekommt heute mehr Berlin-Kultur ab als ich.

Donnerstag: Josie bekommt Besuch von zu Hause. Die drei Jungs sind schon bestens vernetzt hier, deshalb geht es auf eine WG-Party. In Neukölln. Natürlich. Ich gehe zu meinem Freund. Der hat ein Pay-TV Abo und deshalb läuft Fußball, auf allen Kanälen. Auch hier entgeht Josie nicht viel – obwohl: Benfica zerlegt Leverkusen und dabei könnte sie einige schöne deutsche Schimpfwörter lernen.

Freitag, Samstag, Sonntag: Wochenende. Das verbringen wir meist ähnlich. Wir gehen in die gleichen Bars, zusammen oder getrennt, wir mögen die gleichen Drinks, wir haben danach den gleichen Kater sowie die gleiche Ausrede, nicht ins Fitnessstudio gehen zu können (zu kalt/zu schwach/zu weit).

Das Fazit? 

In einer typischen Woche sieht es tatsächlich meist so aus, dass Josie mehr rumkommt und neue Locations ausprobiert oder mehr Leute kennenlernt als ich. Das mag damit zu tun haben, dass ich den Großteil des Winters dem Dasein als träge Couch-Potatoe friste, das liegt aber auch an der Eigenart des Expat-Lebens: viele Menschen, die gemeinsam fremd an einem Ort sind, erschaffen sich zusammen ihre eigene Kultur. Es ist klar, dass das rein englischsprachige Expat-Life ein anderes ist als das Leben im deutschsprachigen Freundeskreis, mit Tatort schauen, Diskussionen über K.I.Z.-Lyrics und Wortwitzen zum Thema Schwaben-Bashing und Pferdefleischskandal (Josie findet „Gaultaschen“ überhaupt nicht witzig. Ich könnte mich immer wieder darüber kaputtlachen.)

Viele Expats sprechen kein Deutsch, weil sie es eben nicht müssen - „harsche, ökonomische Realität“ nennt das Lauren Oyler. Und das ist ihr gutes Recht. Übrigens genauso, wie es das gute Recht eines Australiers ist, in seinem Berliner Restaurant das Menü nur auf Englisch zu schreiben oder wie ein schwäbischer Bäcker in Prenzlauer Berg seine Brötchen „Weckle“ nennen darf.

Neulich hat mich Josie um Hilfe gebeten, als es um einen Brief von der Krankenkasse ging. Ein genervtes „Learn German!“ ist mir da auf einmal rausgerutscht – Toleranz funktioniert eben doch nur so lange, bis es für einen selbst unbequem wird. Dass Julie Colthorpe sich aber durch ihre englischsprachigen Mitmenschen, die kein Deutsch lernen wollen, belästigt fühlt, ist dann doch etwas überheblich. Ich hätte da eine Idee, wie das wieder auszubügeln wäre: Liebe Frau Colthorpe, übersetzen Sie diesen Artikel doch in ihre Muttersprache. Damit ihn auch die arroganten Drückeberger verstehen können. Denn das würde mich, und sicher auch Josie, sehr glücklich machen. Thank you!

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