Sophie Walker: "Wir wollen, dass andere unsere Ideen klauen"

Artikel veröffentlicht am 20. September 2016
Artikel veröffentlicht am 20. September 2016

Vor 18 Monaten existierte die Women’s Equality Party noch nicht. Nun ist sie eine der am schnellsten wachsenden Parteien im britischen Politspektrum. Wir haben mit der Vorsitzenden Sophie Walker über ihre Kampagne für die Bürgermeisterwahl gesprochen, über ihre Reaktionen auf Premierministerin Theresa May - und warum sie hofft, dass ihre Partei WEP irgendwann überflüssig wird.

Ein Journalist und ein Komiker gehen in eine Bar und gründen eine Partei. Das klingt jetzt wie der Beginn eines Witzes, ist aber eigentlich genau das, was Sandi Toksvig und Catherine Mayer während des Women of the World Festival im März 2015 taten. So wurde die Women’s Equality Party (WEP) im Juli 2015 offiziell als Partei registriert. Zwölf Monate später hat sie 65 000 Mitglieder und registrierte Anhänger.

Gegen das Establishment

Die Parteivorsitzende, Sophie Walker, hat eine einfache Erklärung für die Popularität der Partei: "Die Wähler suchen nach Alternativen für den Status-quo. Auf der ganzen Welt befinden wir uns aktuell in einer Lauf gegen das Establishment, und die WEP hat in der hinkenden Frauenrechtspolitik einen wunden Punkt gefunden.

“Neun Millionen Frauen sind 2015 nicht zu den Wahlen gegangen, viele darunter, weil sie frustriert sind darüber, dass sie behandelt werden wie eine kleine Minderheitengruppe. Das Phänomen kommt bei jeder Wahl neu auf, sogar während des EU-Referendums zum Brexit dieses Jahr. Die etablierten Parteien versuchen, es allen recht zu machen und und ignorieren dabei die echten Probleme der Menschen; nicht nur Frauen, sondern auch People of Colour oder Menschen mit Behinderung - sie alle sind in den großen Diskussionen abwesend.”

Wenn Frauenthemen in allgemeinen politischen Diskussinen besprochen werden, dann stellen sie nie eine Priorität dar, sagt Walker - oder es sind oft die ungeschickten Aktionen wie der berühmt-berüchtigte Pink Bus der britischen Labour-Politikerin Harriet Harman.  “Frauenthemen werden oft als politischer Spielball angesehen. Die Parteien bekommen vor irgendeiner Wahl Statistiken, die ihnen sagen, dass sie bei den Frauen nicht gut genug abschneiden - und dann stellen sie plötzlich einen Ideenkatalog auf, der sich speziell an uns richten soll. Als ich 2015 meine Wählerstimme nutzte, diese wertvolle Stimme, wurde ich mir erst richtig bewusst, dass keine der Parteien den Wert meiner Wählerstimme oder in mir als Wählerin erkannte.”  

Als Journalistin für die Nachrichtenagentur Reuters begann Walkers Aktivismus längst vor der Gründung der WEP (Gleichstellungspartei). Bei Walkers ältester Tochter wurde 2010 das Aperger Syndrom diagnostiziert, eine Diagnose, auf die sie fünf Jahre lang warten musste, weil die Mehrheit der Diagnosen für Autismus sich auf Verhaltensabweichungen bei Jungen und jungen Männern beziehen. Der Blog, auf dem sie ihre Erfahrungen aus dieser Zeit veröffentlichte, wurde anschließend als Buch mit dem Titel Grace Under Pressure herausgegeben. Walker übernahm außerdem eine Rolle in der Nationalen Organisation der Autisten.

"Für uns war das eine schwere Zeit", sagt Walker, die das Thema nicht weiter ausführen möchte, "aber ich machte während der Zeit auch die Erfahrung, dass ich mich selbst für den Wandel einsetzen konnte, den ich in der Welt sehen will. Es ist furchtbar sagen zu müssen, dass es ein langer Weg war, um dorthin zu kommen [man kann fast hören, wie sie ihre Augen über diese Klischee-Phrase verdreht] aber das war es. Aber es hat mir die Augen geöffnet, um zu erkennen, was alles noch geschehen muss."

"Wir jubeln und dann setzen wir die Messlatte höher an"

Die WEP hat ihre Plattform um sechs Kernthemen herum aufgebaut: Es geht um gleiche Repräsentation im Parlament, die Beendigung der unterschiedlichen Bezahlung von Frauen und Männern (Gender Pay Gap), eine gleiche Verpflichtung zur Kinderbetreuung (gleicher Erziehungsurlaub für Mütter und Väter), gleiche Bildungschancen, gleiche Behanldung in den Medien (mit der Beendigung von sexulaisierter Werbung) und eine Beendigung jeglicher Gewalt gegen Frauen. 

Nach positiven Rückmeldungen aus der breiten Öffentlichkeit und während Werbekampagnen, beschloss Walker und die WEP ihre Plattform im Sommer 2016 zu testen. Sie stellten Kandidaten für die Wahlen der walisischen Nationalversammlung und des Schottischen Parlaments sowie elf Kandidaten für die Londoner Stadtwahlen - eine von ihnen war Walker selbst, die für die Position der Bürgermeisterin Londons kandidiert. 

“Frauen in die Politik zu bringen ist sehr kostspielig", sagt Walker, die damit auf die £10,000 Kaution Bezug nimmt, die ale Kandidaten zahlen müssen, die sich für das Amt aufstellen lassen.  “Wenn du eine Frau bist, und vor allem wenn du Kinder hast, auf die du aufpassen musst, dann ist das eine hohe Schwelle. Die WEP hat diese Frauen aktiv unterstützt und einige wirklich fantastische Frauen für die Wahlen aufgestellt, darunter auch People of Colour und Personen mit einem LGBTIQ-Hintergrund.”

Für Walker haben die Stadtwahlen vor allem deswegen Bedeutung, weil Themen angesprochen wurden, die von anderen Kandidaten nicht beachtet wurden. “In London ist das bezahlbarer Wohnraum immer ein Thema, weil es eine so hohe Nachfrage nach Wohnraum gibt. Aber ich war die einzige Kanidatin, die nachfragte, wie über bezahlbaren Wohnraum gesprochen werden sollte, wenn wir es zudem mit einer Gander Payment Gap von 23% zu tun haben. Andere Kandidaten sprachen über die Beendigung von Messerstechereien in der Stadt, während ich die einzige war, die darüber sprach, was wir tun können, um die häusliche Gewalt in der Stadt zu bekämpfen.”

Obwohl sie in diesen Wahlen keine Parlamentssitze gewannen, haben sie dennoch ihre Spuren hinterlassen, indem sie insgesamt etwa 350000 Stimmen in Schottland, Wales und London gewannen. Walker versammelte 250000 Erst- und Zweitstimmen in der ersten Runde der Bürgermeiserwahlen - ein gutes Resultat, wenn man bedenkt, wie neu diese Partei im Politikgeschehen ist.

Aber noch viel wichtiger als das Wahlergebnis, ist die Tatsache, dass andere Parteien die politischen Ziele der WEP in ihr eigenes Programm aufnahmen – etwas, worüber sich Walker sehr freut.

“Wir haben gemeinsam bewiesen, dass es wichtig ist, zusammenzuarbeiten, um Gesetze effektiver zu machen. Die Partei Liberalen Demokraten ist auf uns zugekommen, um mit unserer Hilfe Gesetze zu verfassen, die das Problem der Rachepronografie bekämpfen, und nun hat Sadiq Khan die erste Statistik des Bürgermeisteramts zur Bezahlung von Männern und Frauen publiziert. 

Gegen den Mainstream zu sein bedeutet nicht, nur dagegen zu sein, sondern im Gegenteil: die Menschen und unterschiedlichen Meinungen zusammenzubringen. Jedes Mal, wenn eine Partei unsere Argumente oder Slogans in ihren Reden verwendet, jubeln wir und legen die Messlatte noch höher an. Wir wollen, dass anderen unsere Ideen stehlen. Wir sind die einzige Partei, die ihre Aufgabengebiete verlieren will.”

"Wir bereiten uns entschieden auf die nächsten allgemeinen Wahlen vor"

Einen Tag nach dem EU-Referendum veröffentlichte Walker einen Kommentar im Magazin Newsweek. Der Druck, "das Alte" hinter sich zu lassen stelle für die besser Repräsentation der Frauen in der Politik eine gute Gelegenheit dar. Wurde Walkers Wunsch nach mehr Repräsentation durch Frauen nun erfüllt, da Theresa May an der Spitze eines Kabinetts steht, das zu einem Drittel aus Frauen besteht?

“Die Relevanz von weiblichen Führungskräften kann nicht heruntergespielt werden. Es sollte normal sein für junge Frauen, andere Frauen in Machtpositionen zu sehen. Aber das heißt, dass Politik mit einem Verständnis der Situation der Frauen gemacht wird, und das muss uns Theresa May erst demonstrieren."

“Während ihrer ersten 100 Tage im Amt werden wir sie unaufhörlich auffordern, unsere sechs Kernthemen anzusprechen und aufzunehmen und somit zu beweisen, dass sie versteht, dass wir in diesem Land wirklich Gleichheit zwischen Mann und Frau brauchen.” Es macht Sinn, aufzuzeigen, dass Mays Regierung mehr Frauen beinhaltet,  als die von David Cameron, aber es sind weniger Frauen in Führungspositionen als bei Cameron.

Es wäre super, wenn unsere Kernthemen ganz in das Programm der Volksparteien aufgenommen werden würden. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg. "Ich möchte, dass Frauen in diesem Land frei und gleichberechtigt leben können", schließt sie, "bis das nicht passiert ist, bereiten wir uns gut auf die nächsten großen Wahlen vor."