Sonnengruß gegen Kälte: Yoga für geflüchtete Frauen

Artikel veröffentlicht am 5. Januar 2017
Artikel veröffentlicht am 5. Januar 2017

„Wie soll man sich in seinem neuen Zuhause wohlfühlen, wenn man es in seinem eigenen Körper nicht tut?“ Die junge Berlinerin Bettina Schuler will über Yoga Verbindungen schaffen - zwischen Menschen, die ihr Zuhause verlassen mussten und denen, die sie willkommen heißen. Nachahmer erwünscht.

Bettina Schuler ist Journalistin, Buchautorin und Yogalehrerin in Berlin. Zum Yoga kam sie über ihre Schwangerschaft, entdeckte dann mehr und mehr ihre Leidenschaft für die alte indisches Praxis und begann diese schließlich mit anderen zu teilen und zu unterrichten.

Doch 2014 verspürte Bettina das Bedürfnis, Yoga nicht nur an diejenigen weiterzureichen, für die der Zugang zu dem Meditationssport sowieso leicht ist. Wie alle sah sie die schlimmen Bilder der Flüchtlingskrise immer wieder über den Bildschirm flimmern. „Diese Passivität hat mich wahnsinnig gemacht“, erinnert sie sich.

Bettina Schuler kam zu dem Entschluss, dass die heilende Wirkung für Körper und Geist insbesondere Menschen in Notlagen einen guten Dienst erweisen könne. Sie kontaktierte eine Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge am Rande Berlins und startete kurz darauf 2014 mit ihrer ersten Yogaklasse für geflüchtete Frauen. Montag habe sie im Heim angerufen, Dienstag war sie dort und Mittwoch hatte sie bereits ihren ersten Yoga-Kurs.

Und dann kam Arwa

Anfangs kamen nur wenige, manchmal auch niemand. Doch Bettina blieb optimistisch. So ist Arwa Idrees aus Syrien, eine der ersten Frauen, die zu ihr kamen, um mit ihr Yoga zu praktizieren, heute eine Freundin geworden. Bettinas Yogaklassen schufen einen Raum, sich gegenseitig auszutauschen, sich als Menschen zu begegnen. So half Bettina nicht nur mittels Atem-und Körperübungen, sondern nach und nach auch beratend, bei müßigen Ämtergängen und anderen Widrigkeiten.  

Neben den Yogaklassen entstanden im Laufe der Zeit weitere  Projekte wie ein Soli-Konzert mit dem Missy Magazin und nicht zuletzt Bettinas neuestes Buch - Norahib bikom heißt willkommen. Von ehrenamtlicher Flüchtlingshilfe, einer syrischen Familie und mir. Eine Freundschaftsgeschichte. 

Das Buch erzählt von Bettinas Begegnung mit Arwa Idrees, die aus Syrien geflohen ist und zunächst in eine ihrer Yogaklassen kommt. Hier entwickelt sich zwischen den beiden Frauen eine Freundschaft - Bettina hilft bei Behördengängen, erlebt den deutschen Bürokratiewahn, lernt Arwas Familie kennen, die heute - so sagt sie - zu ihrer eigenen zweiten geworden sei. „Die Menschen, die hierher kommen, wollen nicht auf ihre Rolle als Flüchtling reduziert werden. Natürlich ist es wichtig, Verständnis und Empathie für ihre Situation zu haben, doch darf das nicht auf Mitleid von oben herab münden“, so Bettina.

Auf Augenhöhe

„Viele versuchen, die Geflüchteten zu missionieren und meinen, sie müssten ihnen zeigen, wie man als moderner junger Mensch richtig lebt. Das ist gegenüber ihrer Kultur und bisherigen Lebensführung extrem despektierlich. Abgesehen davon ist das Letzte, was die Menschen in dieser existenziellen Situation brauchen, jemand, der sie von heute auf  morgen dazu zwingt, all ihre bekannten und gewohnten Lebensstrukturen aufzugeben. Also genau das, was ihnen als Einziges vielleicht noch Halt im Leben gibt. Vielmehr brauchen sie Menschen, die ihnen dabei helfen, ihren Platz in unserer Gesellschaft zu finden.“ 

Einen solchen Platz möchte Bettina Schuler in konkreter Form in Berlin schaffen. Einen Raum für Menschen, die fliehen mussten. Ein Ort, an dem Yoga und andere Kurse neben professioneller, psychologischer und beruflicher Beratung angeboten werden sollen - ein Raum der wieder ein Gefühl von Halt und Zuhause bieten kann.

Dafür hat Bettina unter dem Namen der gemmeinnützigen Gesellschaft Citizen2Be eine Crowdfunding-Aktion zur Verwirklichung des Projekts ins Leben gerufen. „Es gibt sehr viele Menschen, die gerne helfen würden, aber nur zwei bis drei Stunden in der Woche zur Verfügung haben. Diese Freiwilligen sollen durch den Raum die Möglichkeit haben, sich regelmäßig zu engagieren. Des Weiteren soll es Begegnungsabende geben, auf denen vor allem die Jugendlichen Kontakt bekommen.“

Bettinas Geschichte und ihr Engagement sind ein Beispiel dafür, dass es beim Yoga wie im Leben vor allem um eines geht- Verbindung zu schaffen, sich mit sich selbst und anderen auszutauschen und dadurch zu gewinnen.

Nachahmer gesucht

Auch die Flüchtlingshilfe Bochum bietet ähnliche Kurse an. Hier hat Raphael Hummel im Yoga-Studio seines Iyengar-Yoga-Lehrers ein offenes Yoga-Angebot für Flüchtlinge ins Leben gerufen. Er unterrichtet dort einmal die Woche eine Gruppe Männer.

Sarah, Yogalehrerin und Schauspielerin - ehemals in einer Seifenoper des öffentlich-rechtlichen Fernsehens - unterrichtet eine Gruppe, in der primär Frauen sind, mit Ausnahme eines jungen Mannes, der extra aus der Nähe von Köln anreist. In eine Vertretungsklasse kommt er auch wieder, zusammen mit einer weiteren Interessierten: Jilan ist Jesuitin und schon vor einigen Jahren aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Vor einiger Zeit hat sie hier ihr Architektur-Studium abgeschlossen. Neben ihrem Berufseinstieg in die Architektur engagiert sie sich für Frauen, die - wie sie selbst - aus ihrer Heimat fliehen mussten. 

Viele Frauen sind traumatisiert, schlafen schlecht. Auch Jilan fühlt sich oft übermannt von all den Geschichten, die die Frauen ihr erzählen. Ihr Interesse am Yoga ist klar - Methoden zu lernen, die helfen können, in Situationen der Angst ruhig zu bleiben - sich auf die eigene Atmung konzentrieren, zu entspannen. Übungen, die körperliche Bewegungen mit dem eigenen Atemfluss in Verbindung bringen, beruhigen können vor allem wieder eine Verbindung zum eigenen Körper herstellen. Solche kleinen Übungen können manchmal einen ebenso großen Effekt haben, wie kleine Gesten, aus denen größere Geschichten erwachsen. So pathetisch wie gleichzeitig simpel das Ganze klingt - oft braucht es im Leben genau das - ein wenig Aktion und Austausch, on and off the mat.